Das Verhältnis von Religion und Management

Warum christliche Werte in der Wirtschaft brandaktuell sind

Aktualisiert am 15.02.2019  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Im modernen Management gibt es einen Trend zu mehr Werten: Mitarbeiter sollen stärker in Entscheidungen eingebunden werden und Produktionsmethoden sollen transparent sein. Eigentlich begrüßenswert, doch der Wunsch nach Werten ist nicht ganz selbstlos, kritisieren Theologen.

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"Entscheidend ist, was hinten rauskommt", sagte schon Helmut Kohl. "Hinten" heißt in der Wirtschaft vor allem: Unter dem Doppelstrich, der Zeile mit der "Summe" – und vor dieser Zahl sollte im Idealfall ein Plus stehen. In der Wirtschaft geht es viel um Geld, egal, ob im Hinblick auf Umsatz oder Gewinn. Diese Konzentration auf Zahlen wäre noch bis vor einigen Jahren der einzig seligmachende Wert gewesen, wenn es um das Funktionieren eines Unternehmens geht. Doch mittlerweile hat das Wort "Werte" in der Geschäftswelt Karriere gemacht. Wie es den Mitarbeitern geht, unter welchen Umständen die Waren produziert und transportiert werden, ist auf einmal bei der Betrachtung einer Organisation ein nicht zu unterschätzender Aspekt – und diese humanistischen Werte passen auch zu den Ansichten des Christentums.

"Der Bedarf an ethischer Orientierung auch im unternehmerischen Kontext nimmt zu – sowohl von den Beteiligten in der Wirtschaft, wie auch von der Gesellschaft", stellt Ulrich Hemel fest. Der Theologe und Manager ist Bundesvorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer. Grund für den Trend ist seiner Meinung nach der gesellschaftliche Wandel: "Die vielen Skandale, die es gibt und gegeben hat, haben zu einem Misstrauen zwischen Gesellschaft und Wirtschaft geführt. Es ist Aufgabe jedes Managers, Vertrauen zu schaffen in das eigene Unternehmen. Vertrauen schaffen Sie nur, wenn Sie berechenbar sind und Ihre Handlungen auf einem ethischen Fundament aufbauen."

Doch bei den Werten geht es auch um Geld, sagt Elke Mack: "Unsere westlichen Firmen haben – auch durch bittere Erfahrungen – gelernt, dass Menschenrechtsverletzungen und unfaire Geschäftspraktiken zu Vermögensverlusten führen", sagt die Professorin für christliche Sozialethik an der Universität Erfurt. "Westliche Unternehmen, die sich grober moralischer Vergehen schuldig machen, werden durch ihre Anteilseigner und ihre Kunden geächtet." Gewisse soziale Standards werden von den Kunden heutzutage also erwartet – und das bekommen die Unternehmen durch gezielte Forschung auch mit. "Heutiges westliches Management hat in aller Regel ein Bewusstsein für das soziokulturelle Umfeld, in dem es agiert", sagt Mack. Nach diesen Kundenwünschen richten sich die Unternehmen. Es geht also nicht um Werte um der Werte willen, sondern um die Orientierung am Kunden. Aus Sicht von Elke Mack ist dieses Vorgehen aber nicht verwerflich. Unternehmen ständen heute unter großem wirtschaftlichen Druck, "da kann man nicht verlangen, dass sie Vorreiter in Sachen Moral sind – das müssen schon wir als Kirche sein."

Christliche Werte sind in der Wirtschaft brandaktuell

Wer sich die Werte ansieht, nach denen Unternehmen heute streben, erkennt das oben genannte "soziokulturelle Umfeld" schon auf den ersten Blick, denn es sind humanistische und nicht zuletzt christliche Werte, die auch bei auch bei ganz säkularen Unternehmen hochgehalten werden. Christliches Denken setzt beim Wirtschaften ganz grundlegend an, sagt Ulrich Hemel: "Wenn ich christlichen Werten und Auffassungen verpflichtet bin, dann habe ich ein Bild vom Menschen, das umfassender ist als das Bild des reinen Nutzenmaximierers. Dann weiß ich, dass der Mensch in sich auch auf Sinn und sozialen Anschluss aus ist. Ich muss eine Balance finden zwischen dem reinen Nutzendenken und sozialen Werten." Als Beispiel nennt er eine ganz alltägliche Situation: Wenn man in der Tankstelle das Benzin bezahlen muss. Der Verkäufer hinter dem Tresen hat eine ganz klare Funktion: Er bekommt das Geld. Aber natürlich hat dieser Kassierer auch Freunde, Interessen, Hobbies, politische und religiöse Ansichten. Das Kunststück ist es, beides zu berücksichtigen, den Funktionsträger und den Mitmenschen. Für Manager ist das bei großen Entscheidungen eine Herausforderung: Langfristig denken und sowohl Zahlen als auch Menschen in die Rechnung mit einzubeziehen. Denn von einer Entscheidung sind viele Menschen betroffen, "diese Interessengruppen gehen weit über das übliche Rendite- und Finanzdenken hinaus", sagt Ulrich Hemel.

Zahlentafel
Bild: ©THesIMPLIFY/Fotolia.com

In der Wirtschaft soll es nicht nur um Zahlen gehen – sondern auch um Menschen.

Neben dieser eher übergeordneten Perspektive hat ein wertebewusstes Management aber auch ganz konkrete Implikationen, weiß Elke Mack: "Führung sollte weniger autoritär sein, weniger hierarchisch und stärker dezentral und partizipativ, kooperativ und teamorientiert. Außerdem sollte es mehr Respekt für den individuellen Spielraum des Einzelnen geben." Mitarbeiter sollen also mehr sein als Nummern im Verzeichnis. Unternehmen entwickeln mittlerweile für jeden einzelnen Beschäftigten Pläne, wer was besonders gut kann und in welche Richtung sich wer wie entwickeln könnte. Das klingt in der Theorie gut. Die Praxis kann aber auch anders aussehen: "Da haben wir in der Wirtschaft auch sehr viele Zielvorgaben, die Menschen überfordern", sagt Mack. Das dürfe nicht passieren.

Denn zufriedene Mitarbeiter haben – und an dieser Stelle geht es wieder ums Geld – ganz fassbare Vorteile für ein Unternehmen. Denn wer gerne in einem Unternehmen arbeitet, sich ernst genommen und wertgeschätzt fühlt, arbeitet mehr und besser, ist kreativer. Wertschätzung drückt sich aber nicht nur auf dem Gehaltszettel aus. Dazu gehört auch Mitbestimmung. Die hat aber auch Grenzen, bemerkt Ulrich Hemel: "Das ist nicht nur ein Thema der Demokratie, sondern auch ein Thema der Sachkunde, der Professionalität."

Auch bei Werten geht es um Profit

Dass es auch bei zwischenmenschlichen und demokratischen Werten um Profit und Erfolg geht, zeigt, dass das neue Wertebewusstsein nicht aus der Religion kommt. Vor allem in den USA beschäftigen sich Wirtschaftswissenschaftlicher schon länger mit Erkenntnissen der Psychologie und erforschen innere Zusammenhänge von Unternehmen. Das ist insofern ganz folgerichtig, als dass Werte und Wirtschaft immer mehr zusammengedacht werden. Was wiederum mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun hat, erklärt Ulrich Hemel: "Je schwächer die Bindung an die Kirchen oder andere Institutionen der Wertevermittlung wird, umso größer wird das Bedürfnis, in der eigenen Arbeit Sinn zu empfinden. Wir wollen heute nicht nur Wertschöpfung, sondern auch Sinnschöpfung. Man will erfahren, dass man mit seiner Arbeit einen guten Beitrag zum Gemeinwesen leistet und vernünftig entlohnt wird."

Der Trend zum Wert ist aber nicht der einzige in der aktuellen Unternehmenslandschaft: Das Stichwort "Globalisierung" füllt Schlagzeilen wie Kommentarspalten und hat sich mancherorts zum Schreckgespenst entwickelt, wenn Fabriken geschlossen werden und die Arbeitsplätze gen Osten wandern. Doch vom "Osten" kommt auch etwas zurück: Seit einigen Jahren schon werden asiatische Unternehmen in der hiesigen Ökonomie ein immer größerer Faktor – vor allem Unternehmen aus China. Wie gut das Engagement von Investoren aus Fernost hierzulande ist, ist hochumstritten. Währenddessen ist China für einige afrikanische Länder schon jetzt der größte Handelspartner. Wie wirken sich diese Veränderungen auf die Bedeutung von Werten aus? Ulrich Hemel und Elke Mack sind da unterschiedlicher Meinung. Der BKU-Vorsitzende glaubt nicht, dass Werte in chinesischen Unternehmen weniger wichtig sind als anderswo: "Ich glaube, dass die meisten Unternehmungen, egal ob in Deutschland, China oder Brasilien, daran interessiert sind, ein Geschäft zu betreiben und den Wohlstand ihrer Mitarbeiter, Lieferanten und Aktionäre zu mehren, dass sie dabei aber immer eine Art von Sinn vor Augen haben und sich fragen: Welchen Beitrag leiste ich zum Gemeinwohl? Das sind Themen, die sind heute in Unternehmen Gang und Gäbe." Da gebe es zwar unterschiedliche Entscheidungsstile, das dürfe man aber nicht mit grundlegend verschiedenen Inhalten verwechseln.

Die Sozialethik-Professorin widerspricht: "Wenn ein Unternehmen aus einer Diktatur kommt, in der es keine Religion wie etwa das Christentum gab, die den Respekt vor dem Menschen stark macht, haben sie nicht selten eine imperiale, politische Steuerung. Die derzeitige chinesische Führung sagt, China soll wirtschaftlich immer stärker werden – mit dem Ziel, dass es den Systemwettbewerb zwischen Demokratien und der chinesischen Form des Kommunismus gewinnt." Sie sieht das mit Sorge. Langfristig stelle sich die Frage, ob sich die humane Kultur oder eine totalitäre Struktur durchsetze – politisch wie wirtschaftlich. Das sei nicht nur im Hinblick auf die Wirtschaft wichtig, denn Wirtschaft betreffe auch die Gesellschaft: "Was das Menschenbild, die Auffassung von menschlicher Würde, die Betonung menschlicher Freiheit und eine Tradition der Achtsamkeit gegenüber Menschen betrifft, die sehe ich in diesem Maße in China nicht. Und das ist die dominante Großmacht, die sich dem Westen entgegenstellt."

Bild: ©katholisch.de

Die Einstellung der Menschen zum Glauben ändert sich.

Doch auch innerhalb Europas und Deutschlands ändert sich die Einstellung der Menschen zu Werten und zum Thema Religion: Die traditionellen großen Kirchen verlieren stetig an Mitgliedern, der Anteil der Menschen ohne Konfession wächst und durch die Zuwanderung aus anderen Ländern kommen Menschen mit anderen religiösen Bekenntnissen und Traditionen in die Firmen. Durch diese wachsende Vielfalt werden verschiedene Kleidungs- und Speisegebote, Gebetszeiten und Feiertage ein Teil des Unternehmens- und damit auch des Managementalltags. Ulrich Hemel sieht es als Herausforderung, mit dieser Diversität umzugehen und jedem seinen Glauben auch zuzugestehen. Das heiße für Manager, Gläubigen an ihren religiösen Feiertagen Urlaub zu gewähren. Doch an anderen Stellen werde es kompliziert, zum Beispiel beim Angebot in der Kantine: Da müssten unterschiedliche Bedürfnisse organisiert werden – und das sei nicht immer einfach. Wichtig ist für Hemel da die Grundeinstellung eines Unternehmens: "Jeder darf in seiner Religion leben, sollte aber tolerant und interessiert auf andere zugehen." Dazu gehöre auch, dass etwa Christen – wie Hans Küng es formuliert – mit ihrem Glauben nicht hinter dem Berg halten, sondern ihn genauso kommunizieren wie alle anderen. Als Möglichkeit, diesen vielen Interessen und Bedürfnissen zu begegnen, sieht Hemel die Initiative Weltethos, die an übergeordneten ethischen Grundsätzen arbeitet, die unabhängig von der Religion gelten können.

Religion nur noch im Privatleben?

Elke Mack glaubt, dass sich der Unternehmensalltag durch diese Vielfalt eher in eine andere Richtung entwickeln wird: Dass religiöse Überzeugungen weniger Einfluss auf Geschäftspraktiken haben und es zu einer strikten Trennung von Religion und Wirtschaft kommt. Das findet auch bestätigt, wer große Unternehmen nach christlichen Werten befragt: Entweder möchten die Firmen nicht über dieses Thema sprechen oder verweisen auf allgemeine Papiere, wo es etwa um Nachhaltigkeit geht. Mit Hinweis auf die Vielseitigkeit der Mitarbeiter will sich kaum jemand zur Religion in Firmen äußern. "Das ist für uns als Christen tragisch, denn die katholische Kirche hat sich in ihrer Soziallehre die Humanisierung von Strukturen und Institutionen auf die Fahne geschrieben. Wir sind eine politische Religion, denn Humanität darf nicht im Privaten enden, sondern setzt sich in Institutionen und Strukturen fort." Genau diese Zurückdrängung ins Private wird aber passieren, befürchtet sie: Religiöse Räume in Unternehmen werden schmaler, der Glaube vollständig ins Privatleben zurückgedrängt. Ein Verlust, denn das Christentum habe "eine Ethik der Humanität, die auch zu betrieblichen Abläufen in der Wirtschaft viel beizutragen hat." Doch der Rückzug der Religion gehe auch mit sich wandelnden Prioritäten der Kundschaft einher: Viele Firmen gehen davon aus, dass sich die Gesellschaft in Zukunft weiter dem Hedonismus zuwenden wird. Könnte der Trend hin zu Werten also bald ein Ende finden?

Nein. Es wird nur mehr auf Einzelpersonen ankommen, die für Werte einstehen und sie auch umsetzen. Darauf setzt Elke Mack: "Als überzeugte Christin verantworte ich mein wirtschaftliches Handeln nochmal vor Gott und reflektiere kritisch vor einer höheren Instanz, wie ich professionell handele. Es gibt für einen Christen keine komplette Trennung zwischen professionellem Umfeld und Privatleben." Dann hätten Verdrängungswettbewerb, Gerüchte streuen und krumme Geschäfte keinen Platz im Unternehmensalltag. Deshalb versucht Mack, genau solche Unternehmerpersönlichkeiten auszubilden: An der Universität Erfurt kann man den Master "Theologie und Management" absolvieren, um etwa für soziale Unternehmen oder Organisationen in beiden Feldern ausgebildet zu sein.

Werte ins Wirtschaftsleben zu bringen, hat also oft mit Kalkül, wirtschaftlicher Planung oder persönlicher Überzeugung zu tun. Ob ethische Grundsätze auch in Zukunft wichtig bleiben, ist nicht ausgemacht, aber auch nicht vollkommen unwahrscheinlich. Es hängt vor allem davon ab, ob Manager sich persönlich Werten verpflichtet fühlen – und ob Kunden sie einfordern.

Von Christoph Paul Hartmann