Ein Mann vor einem Regal mit theologischen Fachzeitschriften
Papstdokument in der Kritik

"Veritatis Gaudium": Professor fordert Anlaufstelle für Theologen

Franziskus' Konstiution über die Zukunft der Theologie sorgt für Diskussionen. Während der erste Teil von einer freien Wissenschaft spricht, geht es im zweiten Teil um den Gehorsam gegenüber dem Lehramt. Für den Erfurter Theologen Benedikt Kranemann geht das nicht zusammen. Das sind seine Vorschläge für eine wirklich unabhängige Theologie.

Von Benedikt Kranemann |  Bonn - 26.03.2019

"Veritatis Gaudium" lautet der Titel der Apostolischen Konstitution, die Papst Franziskus im Dezember 2017 erlassen hat: "die Freude der Wahrheit". Das Dokument regelt wie eine Grundordnung die Arbeit der kirchlichen Universitäten und Fakultäten. Auf den ersten Blick wirkt das wenig aufregend. Aber in der Theologie erhitzen sich die Gemüter in der Debatte über diese Konstitution, und das berechtigt: Es geht für Theologinnen und Theologen um ihr Berufsethos. Nach der Lektüre der Normen mischen sich kritische bis besorgte Töne in die Diskussion. Warum?

Theologie zwischen Freiheit und Gehorsam

"Veritatis Gaudium" besteht aus zwei Teilen: Papst Franziskus skizziert in seiner Einleitung eine Theologie, die er als kulturelles Laboratorium versteht. Die Theologie muss sich den großen Fragen der Gegenwart stellen, anders wird sie ihrer Aufgabe nicht gerecht. Die Forderung nach Offenheit der Theologie prägt diesen Teil der Konstitution. Die Überlegungen des Papstes zeigen bei allen Rückfragen, die man stellen kann, Verständnis für eine weltoffene wissenschaftliche Theologie, wie man es selten von einem Papst gelesen hat.

Professor Dr. Benedikt Kranemann
Bild: © KNA

Professor Dr. Benedikt Kranemann ist Liturgiewissenschaftler und leitet das Theologische Forschungskolleg an der Universität Erfurt.

Der zweite Teil, die Normen, hingegen sind von anderem Kaliber. Sie sprechen von Abhängigkeit wissenschaftlich-theologischer Einrichtungen von der Kirche. Ein Nihil obstat für Dekane wird eingeführt (Art. 18), was nichts anderes bedeuten würde, als dass eine neu gewählte Leitung einer Fakultät durch Rom bestätigt werden müsste. Die römische Bildungskongregation ist offensichtlich für alle Änderungen von Statuten und Studienordnungen der Fakultäten einzubeziehen. Die Liste von Vorschriften ist lang, bei denen die Kontrolle der Theologie im Vordergrund steht. Es wird sogar ein Zeugnis über die "sittliche Lebensführung" der Studenten verlangt (Art. 31). Man fragt sich als kritischer Leser, wie frei die Theologie wirklich ist, wenn sie dieser Konstitution unterworfen wird. Der Katholisch-Theologische Fakultätentag hat zurecht eine ‚Kultur des Gehorsams‘ beklagt, die hier eingefordert werde. So wird von der Theologie tatsächlich eine "Haltung der Ergebenheit gegenüber dem Lehramt der Kirche" gefordert (Art. 38 §1. 2° b). Dass eine Wissenschaft sich durch "Ergebenheit" gegenüber wem auch immer auszeichnet, ist schon eine merkwürdige Erwartung. Eine Theologie, die im Modus der Ergebenheit arbeitet, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis völlig unakzeptabel. Würde das wirklich umgesetzt, würde es die Theologie aus der Welt der Wissenschaft herauskatapultieren. Auch wenn mit Absprachen zu rechnen ist, die dieses Dokument für die deutschen Verhältnisse anpassen: Der Geist, der sich in diesem Normen äußert, ist das Problem, und daran wird sich nichts ändern lassen.

Das Theologiestudium soll im Sinne des Papstes einem Aggiornamento unterworfen werden, also einer Öffnung zur Gegenwart hin, was mehr umfassen müsste als kleine Retuschen. Vom Evangelium her – was das meint, wäre näher zu klären – soll die Theologie sich an den Debatten über die großen Gegenwartsfragen, aber auch über die Zukunft der Kirche beteiligen. Sie soll als kulturelles Laboratorium arbeiten und sich dabei ohne Selbstschonung Herausforderungen der Gegenwart stellen. Papst Franziskus geht in seiner Einleitung so weit, dass er zu einem "radikalen" Paradigmenwechsel und einer mutigen kulturellen Revolution in der Theologie aufruft (Nr. 3). Die Theologie soll sich nicht abschotten, sondern sich vielmehr dort verorten, "wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen" (Nr. 4b). Eine wunderbare Formulierung des Papstes, von der man nur hoffen kann, dass alle, die über Theologinnen und Theologen zukünftig kirchliche Gutachten zu schreiben haben, sie auch wirklich lesen! Theologie muss um der Sache willen den Dialog mit anderen Wissenschaften suchen und sich um eine "Kultur der Begegnung" (Nr. 4b) bemühen. Die Theologie soll sich der jeweiligen Gegenwart mit all ihren Problemen, Widersprüchen, Chancen stellen. Sie soll dort um Antworten ringen, wo heute die Frage nach Gott gestellt wird. Wie jede andere Wissenschaft steht sie in ihrer Zeit, muss sie den akademischen Prinzipien ihrer Zeit entsprechen und für ihre Arbeit dieselben freiheitlichen Voraussetzungen in Anspruch nehmen, und zwar als Dialogpartnerin nicht allein für die Kirche, sondern ebenso für Wissenschaft und Gesellschaft. Eine kirchlich enggeführte Theologie wäre genau nicht dort, "wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen".

Eine Theologie, die im Modus der Ergebenheit arbeitet, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis völlig unakzeptabel.

Zitat: Benedikt Kranemann

Bei allen notwendigen kritischen Rückfragen auch an die Einleitung: Von höchster kirchlicher Stelle wird das Bild einer offenen und freien Theologie entworfen. Diese forscht und lehrt, wie jede andere Wissenschaft auch, unter eigenen hermeneutischen Voraussetzungen und in selbstverantworteter Methodik, die sie klar benennen kann und muss. Im Kontrast dazu steht die kleinteilige Normierung wissenschaftlicher Theologie im zweiten Teil des Dokuments. Hermeneutische Klimmzüge, den zweiten vom ersten Teil des Dokuments her zu lesen, helfen nicht weiter. So entsteht keine verlässliche Arbeitsgrundlage. Wer sich für theologische Wissenschaft als Beruf entscheidet, muss aus innerer Überzeugung frei arbeiten können. Die Konstitution trifft einen wunden Punkt bei Theologinnen und Theologen: das Ringen um jene Freiheit der Theologie, die der Papst direkt oder indirekt fordert. Es ist eine Frage der Selbstachtung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, auf die notwendigen Voraussetzungen der eigenen Forschung wie Lehre hinzuweisen. Darum muss jetzt gerungen werden! Theologische Wissenschaft betreibt man wie jede andere Wissenschaft mit Leidenschaft und Engagement und aus "Berufung". Eine solche Theologie kann man nicht kirchlicherseits von Fragen und Themen abhalten, mit denen sie sich als Wissenschaft heute beschäftigen muss, so unbequem das für wen auch immer sein mag. Sie muss diese Fragen in aller Offenheit bearbeiten und ebenso freimütig die Antworten präsentieren können.

In der Einleitung des Papstes ist ein kirchliches Interesse an einer offenen Theologie und ihrer Freiheit zu hören, die sonst zu oft vermisst werden. Gleichzeitig bekommen Theologinnen und Theologen, die diese Freiheit für sich in Anspruch nehmen, innerkirchlich bis heute immer wieder Probleme. Das geht nicht zusammen. Was gilt? Worauf kann man sich verlassen? Und was soll man Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern raten, die man nicht ins Ungewisse schicken möchte?

Deutsche Fakultäten: Papst vertritt überholtes Bild der Theologie

Mit seinem Schreiben "Veritatis gaudium" hat der Papst in der Theologie neue Prioritäten für Forschung und Lehre gesetzt. Scharfe Kritik daran äußern jetzt die katholischen Fakultäten in Deutschland: Franziskus schreibe das überholte Bild einer einzig auf Gehorsam und Lehramt fußenden Theologie fest.

Solche Dokumente brauchen schon in ihrem Entstehungsprozess mehr Transparenz, wissenschaftliche Fachexpertise und Kenntnis hochschulpolitischer Zusammenhänge. Sie sind kritisch zu beleuchten, wenn jetzt über Machtverhältnisse in der Kirche debattiert wird. Kann eine solche Konstitution heute noch weltweit das [!] Theologiestudium regeln? Es bedarf einer breiteren Diskussion vor der Veröffentlichung. Vor allem aber ist für mögliche Konfliktfälle eine unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit notwendig, an die sich all jene wenden können, die wegen ihrer wissenschaftlichen Arbeit Probleme mit kurialen Behörden bekommen. Diese Gerichtsbarkeit muss völlig transparent arbeiten. Sollte es sie weiterhin nicht geben, ist alle Diskussion um wirkliche Freiheit in der theologischen Wissenschaft vergeblich.

Wenn eine offene Theologie gefordert wird, die bis an ihre Grenzen geht, dann muss dem auch eine geistige Offenheit in der Kirche entsprechen, damit es nicht immer wieder zu Grenzkonflikten zwischen akademischer und kirchlich-institutioneller Welt kommt. Die Freude an der Wahrheit muss dafür hüben wie drüben gelten.

Von Benedikt Kranemann

Hinweis: Der Text erschien in einer etwas längeren Fassung mit einigen anderen Formulierungen zunächst auf https://www.feinschwarz.net/.