Pastoral an neuen Orten

Wenn die Kirche in den Zoo kommt

Aktualisiert am 27.06.2019  –  Lesedauer: 
Familientag im Opel Zoo
Bild: © Bistum Limburg

Bonn ‐ Wie kann die Kirche Menschen mit der Frohen Botschaft erreichen? Eine Antwort: Indem sie dort verkündigt, wo die Menschen sowieso gern hingehen. Im Zoo zum Beispiel. Manch kirchliches Hilfswerk hat das schon vor längerer Zeit erkannt. Nun scheinen auch die Bistümer nachzuziehen.

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Es sind verdutzte Blicke, die Edwin Borg zeigen, dass das Konzept aufgeht. Das Bistum Limburg hat zum Familientag im Kronberger Opel Zoo eingeladen. Borg steht mit dem Rücken zum Erdmännchen-Gehege – vor ihm eine Gruppe von 25 Eltern und Kindern. Er vergleicht die aufmerksamen Tiere mit dem Wächter auf der Zinne aus dem Choral "Wachet auf, ruft uns die Stimme". Ein Klassiker aus dem Gotteslob. Die Hälfte der Gruppe nickt. Die andere Hälfte wirft ihm eben jene Blicke zu, die sagen: Bitte was? Inklusive leichtem Kopfschütteln. Das zeigt: Diese Familien gehören wohl nicht zu den klassischen Gottesdienstgängern, haben sich jedoch im Zoo von der Kirche ansprechen lassen.

Für Familie Gassmann gilt das nicht. Sie versucht, jeden Sonntag in die Kirche in Biebertal bei Gießen zu gehen. Mutter Sabine lobt den besonderen Zoobesuch als "schönen Familientag". Einerseits, weil sie viel Zeit miteinander verbringen konnten und andererseits, weil sie das Gefühl hatte, den Kindern etwas von ihrem Glauben weiterzugeben. Die beiden ältesten der vier Kinder sind Messdiener – darunter Sohn Oliver. Der Zwölfjährige beschreibt den Familientag im Zoo mit den Worten "cool" und "schön". Er erzählt, wie die Gruppe Textstellen aus der Bibel zu den jeweiligen Tieren gehört haben – zum Beispiel bei den Ziegen, die für die Nomadenwelt stehen und anhand derer Gott als Hirte charakterisiert wird. Außerdem erinnert er sich daran, dass sich Zebras und Giraffen in der freien Wildbahn unterstützten, wenn Gefahr droht. "Wenn die einen wegrennen, rennen die anderen auch weg", sagt Oliver Gassmann.

Edwin Borg
Bild: ©Bistum Limburg

Edwin Borg leitet die Fachstelle Familienpastoral des Bistums Limburg.

Das hat er in einer der insgesamt sechs Führungen von Mitarbeitern des Zoos und der Fachstelle Familienpastoral des Bistums Limburg gelernt. Zoologisches Wissen über je fünf Tierarten haben die Theologen mit biblischen Impulsen ergänzt. "Zum Gänsegeier haben wir erklärt, dass er gemeint ist, wenn im Alten Testament von 'Adelars Fittichen', den Flügeln des Adlers die Rede ist", sagt Edwin Borg. Er leitet die Fachstelle Familienpastoral des Bistums Limburg. Dann habe er die Familien aufgefordert, sich zusammenzustellen und zu umarmen. Damit die Kinder den Schutz spüren, als würden sie "auf Adelars Fittichen sicher geführet" werden, wie es im Kirchenlied "Lobet den Herren" heißt.

Verkündigung, wo die Menschen gerne sind

Bibelkunde vor dem Adlergehege – eine Möglichkeit, die Frohe Botschaft dort zu verkünden, wo die Menschen gern sind. Und damit auch – das deuten die verdutzten Blicke beim Erdmännchen-Vergleich an – Menschen zu erreichen, die nicht zum klassischen Kirchenmilieu gehören. Wie sehr die Impulse das Glaubensleben der Teilnehmer neu geweckt haben, lässt sich von außen schwer beurteilen. Wenigsten bieten solche außerkirchlichen Angebote die Möglichkeit, am Image zu arbeiten. "Weil die Menschen merken, dass Kirche anders als in Vorurteilen oder bisherigen Erfahrungen sein kann", begründet Edwin Borg.

Das Angebot steht exemplarisch für den Trend, biblische Botschaften und Gemeinschaft außerhalb des Kirchengebäudes zu erleben. Dass das besonders gut im Zoo geht, weiß auch Simon Rüffin, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe beim Bonifatiuswerk. "Wer geht nicht gerne in den Zoo?", fragt er rhetorisch. Jedes Jahr veranstaltet das Werk die Aktion "Tiere der Bibel" in einem anderen deutschen Zoo. 2018 strömten 700 Kommunionkinder nach Augsburg. Im Jahr davor kamen 2.500 Kindern nach Karlsruhe. Die Kinder feiern ein Pontifikalamt mit, können sich von Bühnenprogramm unterhalten lassen und den Zoo auf eigene Faust erkunden. Rüffin schwärmt davon, wie sensibel und ohne Berührungsängste Kinder auf Tiere zugehen: "Im Lichte der biblischen Botschaft ist das besonders wertvoll, wenn wir die Tiere als Mitgeschöpfe Gottes betrachten und staunen können, wie groß der ist, der sich das ausgedacht hat." Auch Edwin Borg bezeichnet es als "wunderbar zu beobachten", wenn Kinder auf Tiere treffen und sich zwei Geschöpfe Gottes miteinander verbunden fühlten.

Bild: ©Bonifatiuswerk

Erzbischof Stefan Heße segnet im Hamburger Zoo ein Walross.

Zu den Zootagen des Bonifatiuswerks gehört auch, dass Bischöfe Walross und Elefant segnen. "Eine Geste, die zeigt, dass die Tiere auch von Gott geschaffen und gesegnet sind. Eine Geste, um sich die Frage zu stellen: Was tue ich, damit ich das respektiere?", regt Simon Rüffin an. Dass Sorge um die Tierwelt angebracht ist, möchten auch besonders die Zoos vermitteln. Dort könnten manche in der freien Wildbahn bedrohten Tierarten in einer so gut es geht gebauten Ersatzwelt leben, sagt Rüffin – wohl auch gegen die Kritik an Zoos, dass gerade Wildtiere wie Tiger nicht artgerecht in Gehegen gehalten werden könnten.

Seit zehn Jahren setzt das Bonifatiuswerk mit "Tiere der Bibel" einen Schwerpunkt. Dazu gehören auch Weiterbildungen für Religionslehrer und Kinderbücher wie "Wir entdecken die Schöpfung" oder "Was für ein Gewimmel – Die Tiere der Bibel für Kinder". Ende August wird das ZDF in Kooperation mit dem Bonifatiuswerk den ersten Fernsehgottesdienst aus einem Zoo senden. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" – das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium gelte auch für den Zoo. Mit Blick auf das neue Angebot des Bistums Limburg sagt Simon Rüffin: "Wir haben das Original." Um hinzuzufügen: "Als Hilfswerk ist es unser Interesse, Impulse für die Arbeit vor Ort zu geben."

Simon Rüffin
Bild: ©Wilfried Hiegemann

Simon Rüffin leitet die Kinder- und Jugendhilfe des Bonifatiuswerks.

Deshalb zurück ins Bistum Limburg: Wenn Edwin Borg auf den Familientag am Pfingstmontag zurückblickt, sprudelt er vor Euphorie. Mit 140 Teilnehmern sei der Tag "sehr gut" gelaufen. Die Rückmeldungen seien "durchweg positiv" gewesen. Doch trotz allen Lobs verlangt ein dauerhafter Erfolg doch nach mehr. Wie geht es weiter? Edwin Borg kündigt an, dass "Tierisch biblisch" jährlich im Opel Zoo im Taunus wiederholt werden soll. Öfter vorerst jedoch nicht, weil die Abteilung des Bistums Limburg zu ausgelastet sei. Außerdem könnte sich das regional begrenzte Angebot auch schnell abnutzen. Das Bistum steht deshalb im Kontakt zu Pfarreien in Hachenburg und Weilburg – und den Tierparks auf ihrem Gebiet.

Dort habe man offene Türen eingerannt mit dem Vorschlag, in diesem Jahr einen Familientag nach dem Vorbild im Opel Zoo zu gestalten. Danach soll die Familienpastoral in den vergleichsweise kleineren Tierparks regelmäßig angeboten werden – besonders in Verbindung mit dem Hildegardishof in Waldernbach, einem von drei Tagungshäusern des Bistums Limburg. Das Haus im Westerwald, das derzeit renoviert wird, soll die Bibelkunde im Zoo als ein neues Modul anbieten.

Der Aufbau bleibt ähnlich: Zoologisches Wissen und theologische Impulse wechseln sich ab. Der geistliche Teil soll von Mitgliedern der Gruppe, die das Tagungshaus belegt, übernommen werden. Denn Theologe müsse man dafür nicht sein, sagt Edwin Borg. In der aktuellen Führung hat er zum Beispiel anhand von Pinguin und Giraffe erklärt, dass jeder unterschiedliche Talente hat. Während der Pinguin an Land etwas tollpatschig wirkt, bewegt er sich unter Wasser elegant. Und die majestätische Giraffe, die scheinbar alles super kann, bekommt ganz schöne Probleme, wenn sie sich bücken muss. Für die Tierparks in Weilburg und Bad Marienberg gilt es jedoch, neue Impulse zu erarbeiten. Statt Pinguinen und Giraffen leben dort Elche, Bären, Alpakas und Wildschweine.

Von Tobias Schulte