Pirmin Spiegel im Porträt
Es könne aber Inspirationen für den "synodalen Weg" geben

Misereor-Chef: Amazonas-Synode ist nicht für deutsche Themen da

Der Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel warnt vor einer allzu deutschen Sicht auf die Amazonas-Synode. Denn die Situation der Kirche dort sei eine andere als in Europa. Allerdings könne man sich von dem Treffen inspirieren lassen.

Köln - 26.07.2019

Misereor-Chef Pirmin Spiegel hat die Wichtigkeit der von Papst Franziskus einberufenen Amazonas-Synode im Oktober für die gesamte Welt betont. Die südamerikanische Region sei "die Lunge der Erde", sagte er am Donnerstag dem katholischen Kölner Internetportal domradio.de. Deshalb müsse auf ihr die Bedeutung Amazoniens für das Weltklima, die Wirtschaft und die Menschen, die dort leben, hervorgehoben werden.

Seit Jahrzehnten werde die Region, die 20 Mal größer sei als Deutschland, ausgebeutet, verdeutlichte der Misereor-Hauptgeschäftsführer. Satellitenbilder zeigten, welch riesige Gebiete durch Rodungen, Viehzucht und Soja-Anbau schon verloren gegangen seien. Zudem hätten sich die Regenzeiten verschoben.

Hinzu komme derzeit die Sorge, dass Brasiliens Staatspräsident Jair Bolsonaro angekündigt habe, den Indigenen keine weiteren Zentimeter Land zur Verfügung zu stellen, und den Amazonas als Rohstoffquelle freigeben wolle, um Wirtschaft und Fortschritt anzukurbeln. Jetzt komme es auf die Zivilgesellschaft, die internationale Gemeinschaft und auch die Kirchen an, ihm klarzumachen, "dass dies nicht zukunftsfähig ist", so Spiegel, der selbst lange Jahre in Brasilien als Pfarrer tätig war.

Erwartungen gedämpft

Spiegel dämpfte Erwartungen, die vor allem aus Deutschland etwa bezüglich des Zölibats an die Synode gestellt würden. Die Synode fokussiere sich auf die Region Amazonien. "Diese hat andere Herausforderungen und eine andere Kirchengeschichte als wir hier in Deutschland." Deutsche Fragen ließen sich nicht einfach übertragen. "Damit instrumentalisiert man die Synode letztendlich auch ein Stück weit für unsere Belange."

Allerdings könne die Synode den deutschen "synodalen Weg" inspirieren, so Spiegel. In ihm werde es darum gehen, gemeinsam vom Glauben her "Wege zu finden, wie Kirche heute in ihrem missionarischen Auftrag nachkommt".

Den auch in der Region Amazonien herrschenden Priestermangel in der katholischen Kirche habe er selbst erlebt, als er für 67 Gemeinden gleichzeitig zuständig gewesen sei. "Auf diese Fragen versucht die Amazonas-Synode Antworten zu geben", sagte Spiegel. Diskutiert werden müsse die Priesterweihe von bewährten verheirateten Männer, den "viri probati", sowie die Zulassung von Frauen zum Diakonenamt. Es werde spannend zu sehen sein, "ob es zu gemeinsamen Vorschläge kommt, die der Papst bereit ist mitzugehen. Und in wieweit diese Wege für Amazonien auch Rückwirkungen für uns hier in Deutschland haben."

Kritik am Treffen

Zuletzt hatten die beiden deutschen Kardinäle Walter Brandmüller und Gerhard Ludwig Müller Kritik an der Synode geübt. "Niemand, der die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche aufmerksam beobachtet, wird im Ernst glauben, dass es bei der Synode im Oktober wirklich um das Schicksal der Amazonaswälder und ihrer Bewohner - es sind nicht mehr als gerade die Hälfte der Einwohner von Mexiko-City - gehen soll", schrieb Brandmüller in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Auf dem Etikett stehe "Amazonas", der "Geist in der Flasche heiße jedoch anders: "radikaler Umbau der Kirche nach dem bekannten Programm".

Müller, ehemals Präfekt der Glaubenskongregation, attestierte dem Vorbereitungspapier in der katholischen Wochenzeitung "Die Tagespost" theologische Mängel. Die Ideen einer "Theologia indigena" und "Ökotheologie" nannte er eine "Kopfgeburt von Sozialromantikern". Die Vorbereitungsgruppe bestehe zudem aus einer "geschlossenen Gesellschaft von absolut Gleichgesinnten", in der "überproportional viele meist deutschsprachige Europäer" vertreten seien. Nicht alle von ihnen hätten Südamerika-Erfahrung "und gehören nur dazu, weil sie auf Linie sind".

"Es ist gut, dass die Kardinäle Brandmüller und Müller klar und deutlich zum Ausdruck bringen, was nicht wenige andere untereinander denken und sagen", betonte Spiegel in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur am Freitag. "Dies ermöglicht einen aufrichtigen Dialog und eine aufrichtige Debatte." Die Synode stelle eine Veränderung gegenüber dem "Modell" einer Kirche dar, das den christlichen Glauben mit der westlichen Kultur identifiziert habe, erläuterte der Misereor-Chef. Das Vorbereitungspapier sei "auf hohem Niveau im Dialog mit dem Wissen der ursprünglichen Völker Amazoniens erwachsen."

Aus Sicht von Spiegel wäre die Synode ein Erfolg für die Kirche, "wenn neue Wege eingeschlagen werden, die den vielfältigen Herausforderungen sozialer und ökologischer Art, dem Glauben, dem Zusammenhalt der Völker, die heute am Amazonas leben, gerecht werden. Und wenn Christinnen und Christen außerhalb von Lateinamerika von dem inspiriert werden, was 'Kirche sein' am Amazonas bedeutet." (KNA)