Eine Jugendliche kniet betend in einer vollen Kirche.
Bild: © KNA
Christoph Kreitmeir über das Sonntagsevangelium

Wie bete ich, wenn ich nicht mehr beten kann?

Was tun, wenn das eigene Gebet nichtssagend und leer wird? Schon die Jünger des Sonntagsevangeliums baten Jesus um Hilfe. Gemeinsam mit ihnen geht unser Autor Christoph Kreitmeir in die jesuanische "Schule des Betens".

Von Christoph Kreitmeir |  Ingolstadt - 27.07.2019

Impuls von Christoph Kreitmeir

Ich weiß es noch wie heute. Mitten im Lauf des Lebens, mitten im Tun und Werkeln spürte ich so nach und nach, wie mein Beten so um das 40. Lebensjahr nichtssagender, trockener und leerer wurde. Und das bei einem Priester! Überhaupt, eine gähnende Leere, ein inneres schwarzes Loch öffnete sich mehr und mehr und mir wurde zunehmend Angst vor solchen bis dahin unbekannten Empfindungen.

Damals lebte meine Mutter noch. Ich erzählte ihr davon und erlebte dann etwas sehr Erstaunliches und Wertvolles, das mir bis heute hilft. Meine Mutter, die neun Kinder ins Leben brachte, wurde ernst, leise und wählte ihre Worte an mich mit Bedacht: "Christoph, nun bist du also an diesen Punkt in deinem Leben gekommen, den ich selbst auch gut kenne. Wenn ich nicht mehr weiter weiß und auch nicht mehr beten kann, dann bete ich um Glaube, Hoffnung und Liebe. Das reicht und trägt."

Ich suchte nach jemandem Kundigen für meine Not im Beten und fand in meiner Mutter eine erfahrene Lehrerin. "Herr, lehre uns beten", sagte einer der Jünger zu Jesus. Und dann gab er ihnen eine Richtschnur an die Hand, an der sie sich festhalten konnten. Worte, die sich an den Vater im Himmel richten und als Vater Unser jedem Christen im Laufe des Lebens Kraft, Halt und Heimat geben.

Und Jesus sprach von Gott nicht nur als einem Vater, sondern auch als einem Freund, der einem sogar zu ungelegensten Zeiten, wie etwa um Mitternacht helfen wird. Ein Freund tut so etwas, wie ein guter Vater oder eine liebende Mutter. Und "Gottes Herz" wird auch durch ein stetes Anklopfen, ein permanentes Sich-bei-ihm-rühren erweicht und geöffnet, wie es in der heutigen Evangeliumstelle so schön heißt: "Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht." (Lk 11,8)

Und dann spricht Jesus von einer spirituellen Weisheit, die aus psychologischen Quellen genährt wird: "Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet." (Lk 11, 9). Modern ausgedrückt lautet dieses psychologisch-spirituelle Gesetz: Wenn Du Dich wirklich auf die Suche machst, dann kommt Dir das Gesuchte entgegen.

Im Laufe unserer Lebensreise geht uns manchmal der Sprit aus, wir sind in der Gefahr, Kraft, Sinn, Motivation und den "Draht nach oben" zu verlieren. Da ist es mehr als hilfreich, in die "Schule des Betens" zu gehen, jemanden zu finden, der einem das Beten lehrt.

Gott als Vater, Freund, als jemand, dem ich mit meinem Zeug auf die Pelle rücken darf, jemand, der mir entgegenkommt, wenn ich ihn zwar nicht sehe oder spüre, mich aber nach ihm sehne.

Dieses persönliche Wissen gibt mir immer wieder Kraft, Halt und Heimat, wenn mir in der Krankenseelsorge bei den Patienten Zweifel, Haltlosigkeit oder innere Nacht begegnen. Nur, wer selbst das Dunkel kennt, weiß, wo er Licht suchen und finden kann. "Herr, lehre uns beten ...", dann ist uns allen geholfen.

Von Christoph Kreitmeir

Evangelium nach Lukas (Lk 11,1-13)

Jesus betete einmal an einem Ort; als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat! Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:

Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen! Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung!

Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote; denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen und ich habe ihm nichts anzubieten!, wird dann der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.

Darum sage ich euch: Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder welcher Vater unter euch, den der Sohn um einen Fisch bittet, gibt ihm statt eines Fisches eine Schlange oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?

Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

Der Autor

Der Priester Christoph Kreitmeir arbeitet in der Klinikseelsorge am Klinikum Ingolstadt und in der Erwachsenbildung.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.