Auf einer großen Wiese findet 1956 der Gottesdienst des dritten Nachkriegszeltlagers des Bund Neudeutschland statt.
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Der katholische Verband wurde 1919 gegründet

Bund Neudeutschland: Aus frommer Glaubenshoffnung heraus unbequem sein

An einer besseren und christlicheren Gesellschaft wollten sie mitwirken. Das war kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Doch auch 100 Jahre nach seiner Gründung sind die Ziele des Bund Neudeutschland immer noch angesagt - auch angesichts eines wachsenden Populismus.

Von Johannes Schönwälder (KNA) |  Köln - 01.08.2019

Der katholische Verband ND feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. 1919 als "Bund Neudeutschland" von Jesuiten als Schülerverband gegründet, ist er mittlerweile ein Netzwerk von rund 4.000 Christen, darunter namhafte Publizisten, Politiker, Theologen und Bischöfe. Als Ziel gibt er aus, Glaube, Kirche und Welt zusammenzubringen und zeitgemäße Positionen zu Themen wie Familie, Klimawandel, Neurowissenschaften, Sterbehilfe und Digitalisierung zu formulieren.

Die Gründung kurz nach dem Ersten Weltkrieg geht auf eine Anregung des Kölner Kardinals Felix von Hartmann zurück. Im Namen "Neudeutschland" sollte zum Ausdruck kommen, dass man an einem neuen, besseren, christlichen Deutschland mitwirken wollte. Lange Jahre gab es die ND-Schülergemeinschaft, die heute in der Katholischen Studierenden Jugend KSJ weiterlebt. Und aus dem reinen Jungen- und Männerverband gründete sich die Gemeinschaft Katholischer Männer und Frauen.

Der Blick zurück auf die wechselhafte Geschichte des Bundes gehöre zum Jubiläumsjahr, betont Leiterin Claudia Lücking-Michel. Denn wer nicht wisse, aus welcher Vergangenheit er kommt, wisse auch nicht, auf welchem Grund seine Gegenwart gebaut ist. Dann fehle die Orientierung für die Zukunft, so die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Der Blick nach vorn ist also mindestens genauso wichtig. Themen finden sich derzeit für die ND-Mitglieder schon innerhalb ihrer Kirche genug: Priestermangel und Priesterzentrismus, die Rolle der Laien und eine Diskriminierung von Frauen, die Sexualethik oder Debatten um die Ökumene. Und natürlich der Missbrauchsskandal, der Image und Akzeptanz der Kirche tief nach unten sinken ließ.

Die ND-ler leiden nicht nur an den Auswirkungen, sie leiden an ihrer Kirche - "und das umso mehr, als wir sie immer noch - mit dem Mut der Verzweifelten - lieben", so Lücking-Michel. Der Bund sehe es als seine Stärke an, im Laufe der Geschichte "aus frommer Glaubenshoffnung" stets mutig vorangeschritten zu sein, ohne immer auf Erlaubnis der Amtskirche gewartet zu haben.

Ein schwarz-weiss-Foto zeigt einer Gruppe junger Männer und einen Bischof
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Mitglieder des Bundes Neudeutschland im Jahr 1958 zu Besuch beim Würzburger Bischof Josef Stangl.

So will der Bund etwa dort, wo Großgemeinden fusionieren und Priestermangel herrscht, vor Ort "sozial-pastorale Nahräume" entstehen lassen - samt Gottesdiensten auch ohne Priester. Der ND plädiert für gemeinsame ökumenische Feiern nach der sogenannten Lima-Liturgie, auch wenn die Amtskirche damit noch Schwierigkeiten hat. Die Liturgieform wurde erstmals 1982 bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im peruanischen Lima verwendet. Dort hatte der ÖRK eine Konvergenzerklärung zu Glaube, Abendmahl und Amt verabschiedet.

Der Bund wertet Homosexualität als von Gott geschaffen und steht für Geschlechtergerechtigkeit ein. Unbequem zu sein, gehört zum ND. "Wir lassen uns unser Kirche-Sein von niemandem absprechen, aber wir leben im Raum des Möglichen und nicht nur des Erlaubten", formuliert es Lücking-Michel.

Das gilt auch für das Wirken in die Gesellschaft hinein. Schon bei der Gründung vor 100 Jahren zählte dazu, politische Verantwortung zu übernehmen. Heute ist das wieder angesagt angesichts einer Erstarkung rechter und populistischer Strömungen. "Demokratie braucht überzeugte Demokraten", ist sich Lücking-Michel sicher. "Sonst ist sie irgendwann einfach weg."

Große Pläne für einen kleinen Verband, dem auch die Mitglieder langsam wegsterben, dem es an Nachwuchs mangelt und dessen Bekanntheit bröckelt? Lücking-Michel sieht das pragmatisch. Der Verband sei Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Es werde in Zukunft darum gehen, Nationalismus und einer Zentrierung auf deutsche Interessen entgegenzuwirken. Ziel sei ein geeintes und friedfertiges Europa. Darüber hinaus brauche es Verantwortung für die Ärmsten, für Flüchtlinge - in Deutschland, in Europa und hinter den Außengrenzen der EU.

Es gehe um nichts weniger, als eine weltweite Solidargemeinschaft für eine gerechtere, friedlichere und bessere Zukunft aufzubauen, sagt Lücking-Michel. "Ich bin überzeugt, der ND hat noch viel vor."

Von Johannes Schönwälder (KNA)