Schachfigur
Standpunkt

Journalismus sollte nicht nur schwarz oder weiß zeichnen

Nach dem Modell des "Konstruktiven Journalismus" sollten Journalisten in ihrer Berichterstattung nicht nur Probleme anzeigen, sondern auch mögliche Lösungen: Genau das sei jetzt gefragt, meint Claudia Nothelle – gerade auch dann, wenn es um die Kirche geht.

Von Claudia Nothelle |  Bonn - 21.08.2019

Prof. Dr. Claudia Nothelle lehrt Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Nachrichtensendungen schaue ich nicht mehr an – erklärt mir eine engagierte Katholikin nach einem Diskussionsabend. Danach sei sie nur noch deprimiert. Und ganz so schlecht sei die Welt doch nun wirklich nicht. Ich greife nach den eingeübten Erklärungsmustern: Das Außergewöhnliche werde eben berichtet. Und so lange das Schlechte noch die Ausnahme sei ...  Das stimmt und löst trotzdem nicht das Problem.

Distanz, Kritik, den Finger in die Wunde legen – all das gehört zur DNA eines jeden Journalisten, einer jeden Journalistin. Auch und gerade im kirchlichen Kontext. Niemandem ist damit geholfen, wenn alles mit einem süßlichen Zuckerguss zugekippt wird.

Und dennoch bleibt ein Unbehagen. Denn schließlich gibt es auch die journalistische Aufgabe, die Welt möglichst so darzustellen, wie sie ist. Der dänische Journalist Ulrik Haagerup, ehemals zuständig für Nachrichten im dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, hat die klassischen journalistischen W-Fragen (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?) um die Frage "Was nun?" ergänzt. Sein Konzept: der konstruktive Journalismus. Nicht stehen bleiben bei der kritischen Analyse und der Benennung von Schwachstellen, sondern mögliche Auswege aufgreifen.

Journalisten sollen nicht selbst Lösungen finden, sondern in ihrer Recherche nach solchen Ansätzen suchen und sie in ihre Berichterstattung integrieren. Kritiker werfen dem Konstruktiven Journalismus vor, die Welt durch die rosarote Brille zu betrachten und Probleme klein zu reden. Aber genau das soll nicht geschehen: Vielmehr sollen Lösungsmodelle genauso kritisch analysiert werden wie die Problemlage selbst. Das passt ganz sicher nicht für jedes Thema, kann dennoch eine Änderung der journalistischen Perspektive bedeuten.

Die Welt – und auch die Kirche – ist eben nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt viele Grautöne, die eine Berichterstattung verdienen, die nicht bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht. Ein solcher Journalismus verzichtet nicht auf den kritischen Blick. Hat aber eine Perspektive, die ganz schlicht auch Hoffnung genannt werden kann.

Von Claudia Nothelle

Die Autorin

Prof. Dr. Claudia Nothelle lehrt Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal, ist Aufsichtsratsvorsitzende des ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses) und Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken.

Hinweis

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