Warum Religionsunterricht kein "Laberfach" sein darf
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Kolumne: Mein Religionsunterricht

Warum Religionsunterricht kein "Laberfach" sein darf

Religionsunterricht ist ein "Laberfach" – dieses Vorurteil haben viele. Gymnasiallehrer Rudolf Hengesbach tritt dafür ein, den Schülern im Unterricht zwar Möglichkeiten zur Diskussion zu geben. Doch sie sollten Wissen an die Hand bekommen, um stichhaltig argumentieren zu können.

Von Rudolf Hengesbach |  Paderborn - 30.08.2019

Lehrer Rudolf Hengesbach

Lange Zeit war der Religionsunterricht als "Laberfach" verschrien – ein Unterricht, in dem über alles und jedes geredet wurde und wenn man mit jungen Leuten über ethische Fragen wie Abtreibung, Todesstrafe, Sterbehilfe etc. ins Gespräch kam, fiel relativ schnell der Satz: "Das muss doch jeder selber wissen!" Stimmt ja auch, aber mit den Entscheidungen "aus dem Bauch heraus" ist das so eine Sache. Man kann dann sehr schnell in Diskussionen mit argumentativ stärkeren Gesprächspartnern gehörig unter Druck geraten und reines Behaupten hilft dann auch nicht. Ich durfte das in einem anderen Zusammenhang in einer kontroversen Diskussion zum Thema "Schöpfungsgeschichte vs. Evolutionstheorie" im Rahmen einer Lehrprobe erleben, in der einige Schüler, die die Rolle von Vertretern des Kreationismus übernommen hatten, sich sehr unwohl fühlten, weil sie keine Argumente hatten und letztendlich nur Behauptungen wiederholen konnten. Was ist also eines der Ziele des Religionsunterrichts? Ich meine ein solches Ziel ist, Jugendliche zu befähigen auf Basis von Wissen überzeugend argumentieren zu können.

Ein Beispiel aus meinem Unterricht: Ist Sterbehilfe ethisch zu rechtfertigen? In diesem Zusammenhang besteht die Gefahr, eine Entscheidung zugunsten von aktiver Sterbehilfe "aus dem Bauch heraus" zu treffen. Im Laufe des Unterrichtsvorhabens führte die Beschäftigung mit ethischen Grundlagen sowie die Auseinandersetzung mit auf dieser Basis formulierten Positionierungen bei meinen Schülern zu größerer Nachdenklichkeit. Mehr kann man, glaube ich, im Unterricht nicht erreichen, denn junge Menschen werden Gott sei Dank häufig nicht persönlich mit solchen Fragen konfrontiert. Vielleicht erinnern sie sich aber, wenn sich die Fragen im späteren Leben stellen sollten. Um die Nachdenklichkeit bei Jugendlichen anzuregen und zu fördern haben wir einen gemeinsamen Denkprozess begonnen, der bei ihren spontanen Meinungen ansetzte. Gemeinsam haben wir dann überlegt, wie die Jugendlichen ihre Meinungen begründen könnten. An dieser Stelle wurde schnell klar, dass für eine solche Qualifizierung fundiertes Wissen notwendig ist und wir machten uns gemeinsam auf die Suche nach den rechtlichen Grundlagen, nach Begründungsmöglichkeiten für sittliche Urteile etc.

Am Beispiel der Sterbehilfe übt Gymnasiallehrer Rudolf Hengesbach mit seinen Schülern fundiert ethisch zu diskutieren.

Auch fanden es die Jugendlichen interessant und lohnenswert, Meinungen anderer (Ärzte, Politiker, Organisationen wie Dignitas) sowie offizielle Stellungnahmen der evangelischen und katholischen Kirche kennenzulernen und vor dem Hintergrund des erworbenen Wissens auf den Prüfstand zu stellen. Zum Schluss hatten alle die Möglichkeit, ihre zu Beginn des Unterrichtsvorhabens geäußerte Position wissensbasiert zu überprüfen. Und noch etwas: Besonderer Tiefgang wurde erreicht, als ich von der Begleitung des Sterbeprozesses einer nahen Angehörigen und den damit zusammenhängenden Fragen und Überlegungen berichteten konnte. Ich glaube, meine Schüler haben gespürt, worin das "mehr" des Religionsunterrichts über die Vermittlung notwendigen Wissens hinaus besteht und dass für guten Religionsunterricht sowohl fundierte Sachkenntnis als auch Positionalität unbedingt notwendig sind.

Kritische Solidarität zur Kirche

Als besonders schwierig stellen sich im Augenblick Fragen zum Themenfeld "Kirche" dar, auch weil jede Religionslehrkraft als Vertreter von Kirche gesehen wird. Aber auch hier ist es wichtig, Jugendlichen sowohl das notwendige Wissen zu vermitteln, um Abläufe und Vorgänge innerhalb der Kirche besser zu verstehen als auch sich durch Wissen gestützt fundiert zu positionieren.  In meinem Berufsleben als Religionslehrer hat mich mein Verständnis von kritischer Solidarität stets getragen und auch gestärkt. "Kritisch" beinhaltet für mich sowohl Gesprächsbereitschaft als auch Kooperation auf Augenhöhe; "solidarisch" bin ich auf Basis meines Auftrags durch die "Missio Canonica", wobei Solidarität nicht heißt, lediglich kirchliche "Anordnungen" auszuführen oder Aussagen nicht zu hinterfragen. Gerade letzteres scheint mir in der gegenwärtigen Situation der Kirche besonders wichtig zu sein.

Religionslehrkräfte sollten auf jeden Fall zum "Sprachrohr" ihrer Schüler werden, wenn diese Kritik an der Kirche üben und Verbesserungsvorschläge einbringen. Letztendlich ist dieser Kontakt für viele Jugendliche der einzige, der noch zur Kirche besteht und der unbedingt genutzt werden muss, damit die Kirche nicht auch noch diese jungen Menschen verliert. Wie es auch die im Juni 2019 veröffentlichte Positionierung des "Bundesverbandes der katholischen Religionslehrer und -lehrerinnen an Gymnasien" zum "synodalen Weg" formuliert, habe auch ich es immer wieder erlebt, dass Schüler sich mit Interesse und Ernsthaftigkeit mit existentiellen Fragen des Lebens vor dem Hintergrund ihres Glaubens beschäftigen. Absicht und Ziel auch meines Religionsunterrichts war immer, die Jugendlichen zu einer fundierten Reflexion anzuregen und in der Folge sprach- und dialogfähig zu machen.

Von Rudolf Hengesbach

Zur Person

Rudolf Hengesbach war Lehrer an einem Gymnasium in Paderborn und Vorsitzender des Bundesverbandes katholischer Religionslehrer.

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