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Standpunkt

So ist die Kirche Hoffnungszeichen in Zeiten des Nationalismus

Die katholische Kirche ist in Zeiten des Nationalismus prädestiniert als Vorbild der Versöhnung. Die Art und Weise, wie deutsche und polnische Bischöfe miteinander umgehen, zeigt, wie es geht, kommentiert Lucas Wiegelmann.

Von Lucas Wiegelmann |  Bonn - 02.09.2019

Wie groß das Spektrum der Meinungen, Mentalitäten und Lebenswirklichkeiten innerhalb der katholischen Kirche ist, zeigt exemplarisch ein Blick auf die Kirchen in den Nachbarländern Polen und Deutschland. Im als konservativ geltenden Polen soll es noch Gläubige geben, die nach der Messe "Harry Potter"-Bücher verbrennen, weil es darin um Zauberei geht. Im als progressiv geltenden Deutschland kann es mancherorts schon deshalb gar nicht zu ähnlichen Exzessen kommen, weil dort kaum noch jemand zur Messe geht.

Die Kluft, die Konservative und Reformer im weltweiten Katholizismus trennt, ist längst so groß geworden, dass sie eine Verständigung unmöglich zu machen droht. Könnte man meinen.

Tatsächlich beweist aber ausgerechnet das deutsch-polnische Verhältnis seit vielen Jahren, dass es auch anders geht, sogar auf Leitungsebene. Zu kaum einer anderen nationalen Bischofskonferenz pflegen die deutschen Bischöfe so enge und gute Kontakte wie zur polnischen. Selbst heikelste Streitthemen wie Homosexualität oder Wiederverheiratung haben den Gesprächsfaden nie abreißen lassen, zur Bereicherung beider Seiten. Obwohl doch sonst im Moment überall auf der Welt und gerade auch innerhalb der Kirche schon kleinste Meinungsverschiedenheiten als Anlass genügen, um erbarmungslos übereinander herzufallen.

Die deutschen und die polnischen Bischöfe halten nach zwei Weltkriegen unerschütterlich an der Erkenntnis fest, dass Hass und Gewalt nie wieder die Oberhand gewinnen dürfen. Am Wochenende haben die Vorsitzenden beider Bischofskonferenzen eine gemeinsame Erklärung zum 80. Jahrestag des Kriegsausbruchs herausgegeben, in der dieses Vermächtnis als Verpflichtung auch für die Zukunft in Erinnerung gerufen wird: "Es liegt heute an uns, die Einheit Europas, das auf christlichen Fundamenten errichtet ist, zu festigen und zu vertiefen, trotz der historischen Unterschiede zwischen einzelnen Nationen und Staaten."

Die Kirche, utopisch beauftragt als Wegbereiterin des Reiches Gottes, real existierend als supranationale Institution, ist angesichts des erstarkenden Nationalismus und Populismus in aller Welt prädestiniert als Vorbild der Versöhnung und des Dialogs. So oft sie diese Chance verpassen und sich im innerkirchlichen Hickhack verlieren mag: Das deutsch-polnische Verhältnis beweist, dass sie es kann.

Von Lucas Wiegelmann

Der Autor

Lucas Wiegelmann ist Chefkorrespondent Vatikan der Herder Korrespondenz in Rom.

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