Französischer Missbrauchsfilm "Gelobt sei Gott"
Französisches Drama ist ab sofort in deutschen Kinos zu sehen

"Gelobt sei Gott": Eine filmische Stimme für die Missbrauchsopfer

Ab sofort läuft der Film "Gelobt sei Gott" in den deutschen Kinos. Sorgfältig recherchiert, würdigt das Drama über einen Missbrauchsskandal in der französischen Kirche den Mut der Opfer, die Verbrechen und ihre Traumata öffentlich zu machen.

Von Josef Lederle |  Bonn - 26.09.2019

Was sagt es über eine Zeit, wenn der Film "Grace a Dieu" von François Ozon nur unter einem Arbeitstitel produziert werden konnte, weil der Verweis auf den Stoßseufzer "Gott sei Dank!" des französischen Kardinals Barbarin das Filmprojekt als solches gefährdet hätte?

Die Äußerung des Erzbischofs von Lyon, dass die Verbrechen seines Priesters Bernard Preynat "Gott sei Dank" ja verjährt seien, entwickelte sich 2016 in Frankreich zum geflügelten Wort: So geht die Kirche mit sexuellen Missbrauchsfällen um. Preynat wurden 70 Fälle von sexuellen Missbrauch zur Last gelegt.

Filmstart stand auf der Kippe

Ein Arbeitstitel war notwendig, um Einflussnahmen oder Behinderungen zu vermeiden. Für die Dreharbeiten in kirchlichen Räumen musste Ozon nach Belgien und in die Niederlande ausweichen. Selbst der Filmstart in Frankreich sollte juristisch unterbunden werden, obwohl "Gelobt sei Gott" kurz zuvor auf der "Berlinale" 2019 Premiere erlebt hatte.

Die dunkel-drohende Eröffnungssequenz des ansonsten eher kammerspielartigen Dramas, in der der Lyoner Kardinal hoch über der Saone steht und die Stadt unter ihm segnet, bringt einen unheimlichen Ton ins Spiel. Dabei ist der sorgfältig recherchierte und über weite Strecken authentische Film keineswegs auf beißende Kritik kirchlicher Autoritäten aus.

"Gelobt sei Gott" gibt vielmehr den Opfern eine Stimme. Er zeichnet, dramaturgisch zugespitzt, die Ereignisse nach, die zur Gründung des Vereins "La parole liberee" (Das befreite Wort) führten und in Frankreich erstmals eine Anlaufstelle schufen, die das ganze Ausmaß des Skandals sichtbar machte.

Zunächst ist es nur ein einzelner, Alexandre, ein gläubiger Katholik aus dem wohlhabenden Bürgertum von Lyon, der angesprochen wird, ob er in seiner Pfadfinderzeit auch von Preynat missbraucht worden sei. Die beschämende Erinnerung und die Erkenntnis, dass der Priester immer noch mit Kindern zu tun hat, veranlasst ihn, an den Kardinal zu schreiben und die Ablösung Preynats zu verlangen. Doch obwohl Alexandre angehört und sogar zu einem Treffen mit Preynat genötigt wird, der seine Verbrechen keineswegs abstreitet, passiert nichts.

Bis Alexandre Anzeige erstattet. Die Recherchen der Behörde rufen François auf den Plan. Er findet andere aus der Pfarrgemeinde St. Luc und ruft mit ihnen "La parole liberee" ins Leben. Darüber kommt dann auch der dritte Protagonist, Emmanuel, ins Spiel. Den wirft gleich ein epileptischer Anfall zu Boden, als ihm seine Mutter den Zeitungsausschnitt zuschiebt, in dem von dem neuen Verein und den Anschuldigungen gegen Preynat die Rede ist. Der schmächtige Mann trägt am Sichtbarsten an den Traumata der Vergangenheit. 

Der Lyoner Kardinal Philippe Barbarin

Der französische Originaltitel "Grace à Dieu" beruht auf der Äußerung von Kardinal Philippe Barbarin, dass die Verbrechen des Priesters Bernard Preynat "Gott sei Dank" verjährt seien.

Ursprünglich war François Ozon weder am Missbrauchsskandal noch an der Kirche interessiert, sondern auf der Suche nach einem Stoff über fragile Männlichkeit. Bei der Recherche stieß er auf die Website von "La parole liberee" und die dort veröffentlichten Lebensgeschichten missbrauchter Männer. Das beschäftigte ihn so sehr, dass er anfangs an ein Theaterstück und einen Dokumentarfilm dachte, dann aber doch die fiktive Form wählte, auch weil ihn die Opfer zu einer exemplarischen, dramaturgisch fokussierten Verdichtung drängten.

Der ausufernde Stoff bürdet dem zweieinhalbstündigen Drama eine erhebliche Last auf, mit mehr als einem Dutzend authentischer Figuren, vielschichtigen Erzählsträngen sowie einem ausgedehnten Redeanteil. Doch man staunt, wie souverän Ozon diese Fülle bändigt.

Eher Film der Worte als Film der Bilder

"Gelobt sei Gott" ist mehr ein Film der Worte als der Bilder. Nach Jahrzehnten des Schweigens drängt die Vergangenheit wortreich in die Gegenwart, auch in Gestalt von Briefen, Dokumenten, Zeitungsnotizen. Auffällig ist die vollkommene Abwesenheit fantastischer Elemente, die Ozons Filme sonst oft kennzeichnen. Es gibt zwar Rückblenden, doch wird deren Realitätsgehalt nicht in Frage gestellt; sie dienen ausschließlich dazu, die Missbrauchserfahrungen zu beglaubigen.

Auch die Verwendung der wirklichen Namen der Betroffenen und der weitgehende Einbezug ihrer realen Lebenswelten definieren "Gelobt sei Gott" als ein "dokumentarisches" Drama, das den Opfern des Missbrauchs eine unüberhörbare Stimme leiht.

Von Josef Lederle

Hinweis

Der Autor ist Chefredakteur des Kinoportals filmdienst.de.