Neues katholisches Institut an Humbolt-Universität startet Lehrbetrieb

Ein Meilenstein für die katholische Theologie in Berlin

Aktualisiert am 11.10.2019  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem christlichen Glauben spielte Berlin aus katholischer Sicht lange nur eine Nebenrolle. Doch das ändert sich nun: An der Humboldt-Universität nimmt in diesen Tagen das neue Institut für Katholische Theologie seine Arbeit auf. Die Erwartungen an die Einrichtung sind groß.

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Auf der Landkarte der katholischen Theologie war Berlin über Jahre hinweg beinahe ein weißer Fleck. Wer sich wissenschaftlich und aus katholischer Perspektive mit dem christlichen Glauben beschäftigen wollte, hatte kaum die Möglichkeit, dies in der deutschen Hauptstadt in adäquater Weise zu tun. Lediglich an der Freien Universität (FU) gab es seit 1957 ein Seminar für Katholische Theologie, das jedoch spätestens seit der Jahrtausendwende nur noch ungenügend ausgestattet war. Zuletzt war von den ursprünglich vereinbarten vier Professuren nur noch eine dauerhaft besetzt, der weitere Lehrbetrieb wurde von zwei Juniorprofessuren und Gastdozenten getragen. Dies war wohl nicht nur aus Sicht des Berliner Erzbischofs Heiner Koch "völlig unzureichend".

Doch diese – aus katholischer Sicht – unbefriedigenden Zeiten gehören ab sofort der Vergangenheit an. In diesen Tagen nimmt an der anderen großen Berliner Hochschule, der Humboldt-Universität (HU), das neue Institut für Katholische Theologie seine Arbeit auf. Die Gründung des Instituts wird in Kirchenkreisen als Meilenstein gefeiert. Dass in Zeiten, in denen an anderen Universitäten über Zusammenlegungen und Schließungen katholischer Fakultäten diskutiert wird, ein neues Institut für Katholische Theologie gegründet wird, hat nicht nur unter Berlins Katholiken große Freude ausgelöst.

"Theologien zukunftsorientiert weiterentwickeln"

Diese Entwicklung lag vor allem an zwei Faktoren: Der beharrlichen Lobbyarbeit der katholischen Kirche – vor allem durch Erzbischof Koch – sowie dem politischen Willen der rot-rot-grünen Regierung in der Hauptstadt. SPD, Linke und Grüne hatten sich – unter Bezugnahme auf eine entsprechende Empfehlung des Wissenschaftsrats aus dem Jahr 2010 – in ihrem Koalitionsvertrag 2016 etwas überraschend dazu verpflichtet, dass die Theologien an den Berliner Universitäten "zukunftsorientiert ausgestaltet und weiterentwickelt werden" sollten.

Bild: ©KNA/Melanie Pies

Ist ein großer Befürworter und Unterstützer des neuen Instituts: Berlins Erzbischof Heiner Koch.

Das Ergebnis drei Jahre später: Neben der traditionsreichen Evangelisch-Theologischen Fakultät an der HU und dem Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft an der Universität Potsdam wird die Präsenz der Theologie in Berlin durch das katholische Institut sowie das ebenfalls neu gegründete Institut für Islamische Theologie erheblich ausgebaut. Die drei großen Weltreligionen sind damit erstmals überhaupt mit jeweils eigenen Wissenschaftseinrichtungen in der Hauptstadt vertreten. Die Konzentration der Theologien an der HU ist dabei kein Zufall: Der Berliner Senat erhofft sich dadurch eine Förderung des Dialogs der Religionen. Für HU-Präsidentin Sabine Kunst nimmt die Universität auf diese Weise ihre gesellschaftliche Verantwortung für einen Diskurs der Religionen wahr.

Speziell mit dem Institut für Katholische Theologie verbinden die Verantwortlichen in Kirche, Politik und Wissenschaft große Erwartungen. Die Einrichtung, die ihren Sitz zusammen mit dem islamischen Institut im ehemaligen Gebäude der Rechtsmedizin der Charité hat, soll neue Wege theologischer Forschung und Lehre einschlagen. Gründungsdirektor Johannes Helmrath geizte in diesem Zusammenhang bei der Vorstellung des Instituts vor wenigen Monaten nicht mit Superlativen: Es solle ein "Leuchtfeuer" und "kulturelles Laboratorium" werden, eine "überfällige Erweiterung der Berliner Wissenschaftslandschaft".

Erzbischof Koch als "Gasthörer" am neuen Institut

Auch Erzbischof Koch setzt große Hoffnungen in das Institut: "Ich fühle mich ein wenig wie vor meinem ersten Studiensemester, voller Neugier und sehr gespannt auf das, was hier entsteht", so Koch. Er blicke erwartungsvoll auf den offenen und gleichzeitig kritischen Dialog mit den anderen Theologien, der Philosophie und anderen Humanwissenschaften sowie den Naturwissenschaften. "Ich freue mich auf den wissenschaftlichen Streit um das Bild vom Menschen und die Frage nach Gott, ich freue mich auf bio- und medizinethische Debatten, gerade auch angesichts der Nachbarschaft des Instituts zur Charité", so der Erzbischof. Ob und wie er selbst sich in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen wird, ist noch unklar. Allerdings bekam der 65-Jährige von Gründungsdirektor Helmrath vor wenigen Tagen einen "Gasthörerschein" überreicht. Damit könnte Koch als dann wohl prominentester Studierender zum Beispiel Vorlesungen des neuen Instituts besuchen.

Ausgestattet ist das Katholische Institut zum Start mit sechs Professuren. Damit kann es personell zwar nicht mit den großen katholischen Fakultäten in Deutschland mithalten, gleichwohl soll – so die gemeinsame Hoffnung von HU und Erzbistum Berlin – ein "forschungsstarkes Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern" exzellente Forschung und qualitativ hochwertige Lehre anbieten. Neben der schon zu FU-Zeiten existierenden und jetzt an die HU verlagerten Guardini-Stiftungsprofessur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung – die derzeit von dem italienischen Philosophen Ugo Perone besetzt wird – umfasst das neue Institut zwei Professuren der höchsten Besoldungsgruppe W3 und drei geringer dotierte W1-Juniorprofessuren.

Mit W3-Professuren ausgestattet sind die Lehrstühle für "Historische Theologie" und für "Systematische Theologie". Letztere hat – wie alle anderen Professoren des Instituts bis zum offiziellen Ende des Berufungsverfahrens zunächst provisorisch – Georg Essen übernommen, der sich im Frühjahr ebenso wie der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald und der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff um die Stelle beworben hatte. Essen ist mit 58 Jahren der Senior unter den neuen Professoren, zuletzt hatte er seit 2011 den Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Ruhr-Universität Bochum inne. Der Titel seiner ersten Vorlesung in Berlin lautet "Theologische Anthropologie. Die Bestimmung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott".

Proseminar zur Anthropologie im Werk Michelangelos

Den Lehrstuhl für "Historische Theologie" hat künftig Günter Wassilowsky inne. Nach Stationen in Linz und Innsbruck war der 51-jährige Kirchenhistoriker seit 2016 Professor für Kirchengeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt. Seine erste Vorlesung befasst sich mit der "Kirchengeschichte in Früher Neuzeit und Moderne". Außerdem bietet er ein Proseminar zum Thema "Theologische Anthropologie im Werk Michelangelos" an.

Bild: ©katholisch.de/stz

Das Gebäude des Instituts für Katholische Theologie der Berliner Humboldt-Universität.

Die drei Juniorprofessuren umfassen die Lehrstühle für "Biblische Theologie", "Praktische Theologie" und "Theologie Ethik". Bei der "Biblischen Theologie" setzte sich Katharina Pyschny (*1984) durch, die zuvor seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Altes Testament in Bochum war. Die "Praktische Theologie" wird im neuen Institut Teresa Schweighofer (*1983) übernehmen. Sie war nach Studienaufenthalten in Graz, Innsbruck und Wien seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Für den Bereich "Theologische Ethik" erhielt Benedikt Schmidt (*1987) den Zuschlag. Er hat in Freiburg promoviert und arbeitete zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am moraltheologischen Seminar der Universität Bonn.

Ebenso wie Essen und Wassilowsky versuchen auch die drei Juniorprofessoren, in ihrer Lehre den von den Verantwortlichen wiederholt betonten anthropologischen Schwerpunkt des neuen Instituts zu betonen. So bietet etwa Katharina Pyschny laut dem Vorlesungsverzeichnis eine Vorlesung zum Thema "'Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst …' (Ps 8,5)? Einführung in die Bibel mit Schwerpunkt auf Aspekten des Menschseins“ an.

400 Bewerbungen – aber bislang nur 40 Immatrikulationen 

Wie viele Studierende genau in den einzelnen Veranstaltungen des Instituts sitzen werden, ist derzeit noch unklar. Nachdem die Verantwortlichen im August noch die Zahl von rund 400 Bewerbungen genannt hatten, haben sich bislang nur 40 Studierende tatsächlich für das Fach eingeschrieben. Gründungsdirektor Helmrath rechnet indes noch mit weiteren Immatrikulationen bis Ende Oktober.

Angeboten wird in diesem Semester zunächst ein Bachelorstudiengang Katholische Theologie; im kommenden Jahr sollen zudem ein Masterstudiengang Katholische Theologie sowie ein neuartiger Mono-Bachelorstudiengang "Religion und Gesellschaft" folgen. Letzterer soll theologische Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen suchen und ein Herzstück des neuen Instituts sein. Qualifizieren soll das Theologiestudium an der HU für Tätigkeiten im Schuldienst, in der außerschulischen Bildungsarbeit in religiösen Organisationen, Verbänden, Medien und der Wissenschaft. Priester werden hier hingegen bis auf weiteres nicht ausgebildet. Doch auch ohne Priesterausbildung: Mit dem neuen Institut ist Berlin auf der Landkarte der katholischen Theologie nun deutlich sichtbarer.

Von Steffen Zimmermann