Ein Mann wird zum Priester geweiht
Amazonas-Synode diskutiert über "viri probati" und Frauendiakonat

Wie stehen die Chancen für verheiratete Priester?

Schon in den ersten Sitzungen der gerade angelaufenen Amazonas-Synode waren sie Thema: "viri probati" – verheiratete Priester. Doch wie groß sind die Chancen, dass es sie tatsächlich geben wird – in Amazonien und anderswo? Aktuelle und frühere Wortmeldungen von Kirchenvertretern könnten Aufschluss geben.

Von Johannes Schidelko |  Vatikanstadt - 09.10.2019

“Neue Wege” soll die seit Montag im Vatikan tagende Amazonas-Synode suchen und finden: Für die Evangelisierung in der riesigen Region, für die Kirche unter den von der Welt vergessenen Indigenen, aber auch für deren Lebensschutz angesichts einer komplexen sozio-ökologischen Krise. Franziskus hatte zur Eröffnung noch einmal vier Dimensionen benannt: die pastorale, die kulturelle, die soziale und die ökologische Dimension. Und zugleich hatte er klargestellt, dass die pastorale die wichtigste sei – die alle anderen Dimensionen umfassen und einschließen müsse.

Entsprechend breit ist der Themenfächer in den ersten Diskussionsrunden der 185 Synoden-Mitglieder, meist Bischöfe sowie einige Priester und Ordensmänner. Er reicht von Umweltzerstörungen, Menschenrechtsverletzungen und globalen Marktinteressen bis hin zu Aspekten der Inkulturation oder der Ausbildung von Kirchenpersonal. Er umfasst Ämterfragen in der Kirche und allem voran die Möglichkeiten einer Seelsorge in der neun Staaten umfassenden Region. In der die Entfernungen riesig ist und das Reisen schwierig, und wo manche Gemeinden angesichts des gravierenden Priestermangels nur wenige Male im Jahr Eucharistie feiern können – oder noch seltener. Und wo die Pentekostalen eine ernste Konkurrenz bilden.

Und so kam schon in den ersten Plenarversammlungen der Vorschlag der "viri probati" zur Sprache, mit denen man dieses Problem lösen könnte. Bereits im Vorfeld der Synode hatte die Idee auch in anderen Weltgegenden für breite und kontroverse Diskussionen gesorgt – ähnlich dem Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene im Umfeld der Familiensynoden 2014/15. Ungeachtet der Wertschätzung des Zölibats sollte die Synode im Blick auf die entlegensten Gebiete die Möglichkeit prüfen, ältere und respektierte Menschen zu Priestern zu weihen, vorzugsweise Indigene. Um auf diese Weise die Spendung der Sakramente zu sichern, wie Artikel 129 des Arbeitspapiers hervorhebt.

In 70 bis 80 Prozent der Gemeinden fehlt es an Priestern

Der für die inhaltliche Linie der Synode zuständige Generalrelator, der brasilianische Kardinal Claudio Hummes, hatte in seinem Auftaktreferat am Montag die Frage nach den "viri probati" aufgegriffen und ausdrücklich zur Diskussion eingeladen. Immerhin fehle es in 70 bis 80 Prozent der Gemeinden in der Amazonas-Region an Priestern.

Die Synode griff das Thema rasch auf – auch wenn es sich angesichts der großen pastoralen und ökologischen Fragen eher um ein "sekundäres Problem" handelt, wie der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hervorhob. Und sie griff es offensichtlich sehr konträr auf, wie die knappen Mitteilungen der synodalen Medienverantwortlichen andeuten. Es sei eine legitime Frage angesichts des extremen Priestermangels. Aber sie darf "das gründliche Nachdenken über die Natur des Priestertums und seine Beziehungen zum Zölibat, der in der lateinischen Kirche vorgesehen ist, nicht beeinträchtigen". Vielmehr wurde von Synodalen eine Berufungspastoral unter jungen Indigenen vorgeschlagen, um auch in entlegenen Zonen Amazoniens eine Evangelisierung zu ermöglichen. Unbedingt müsse man eine Zwei-Klassen-Bildung unter den Katholiken vermeiden: solche, die leichten Zugang zur Eucharistie haben, und jenen, die auch einmal zwei Jahre lang darauf verzichten müssen.

Ein freiwilliger Zölibat sei für ihn keine Lösung gegen Priestermangel, sagt Papst Franziskus. Aber: "Wir müssen darüber nachdenken, ob viri probati eine Möglichkeit sind."

Auch Papst Franziskus hatte sich bereits zur Frage von "viri probati" geäußert – ohne sich selbst festzulegen. In einem Interview mit der "Zeit“ vom März 2017 hatte er deutlich gemacht, dass ein freiwilliger Zölibat für ihn keine Lösung gegen Priestermangel sei. Aber: "Wir müssen darüber nachdenken, ob viri probati eine Möglichkeit sind", sagte er mit Blick auf weit entlegene Gebiete wie etwa Amazonien oder den Pazifischen Raum. Zudem müsse geklärt werden, welche Aufgaben sie übernehmen könnten.

Das Arbeitspapier der Synode und die möglichen Erwartungen an "viri probati" hatten im Vorfeld Spekulationen und Erwartungen ausgelöst – und Ängste geschürt. Eine Ausnahmegenehmigung für "viri probati" am Amazonas könnte sich am Beispiel der Zölibatsbefreiung in den Ostkirchen oder an den Sonderregelungen für übergetretene Anglikaner ausrichten. Damit könnte sie letztlich auch eine Orientierung für ähnliche Notsituation in anderen Ländern sein, hofften die einen. Andere sahen darin ein Einfallstor für ein generelles Aufweichen des Zölibats in der westlichen Kirche. Bis in hohe Kirchenkreise hinein wurden Häresie-Vorwürfe laut.

Freilich bewegen sich die Klagen über Priestermangel auf unterschiedlichen Niveaus. Während es in Europa nach Vatikan-Angaben statistisch immerhin noch einen Priester für 1.646 Katholiken gibt, und in Nordamerika einen für 1.948, ist es in Südamerika einer für 7.203. Und in der Amazonas-Region sollen es Experten zufolge doppelt so viele sein. Womit ein Amazonas-Priester die zehnfache Zahl von Gläubigen zu betreuen hat wie sein europäischer Mitbruder. Die Diskussion dürfte weitergehen und die Synode weiter beschäftigen. Freilich geht es bei der Synode nicht um Rezepte für die Weltkirche, sondern um Lösungen für die Kirche in der Amazonas-Region, meinten mehrere Redner. Und um den Gläubigen eine eucharistische Grundversorgung zu ermöglichen.

Auch ein Diakonat für Frauen wurde vorgeschlagen

Das betonte auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx. In seinem offiziellen Synoden-Beitrag forderte er mehr Einsatz beim Klimaschutz, vor Journalisten streifte er am Rande des Bischofstreffens aber auch die Frage der "viri probati": Das eigentliche Thema sei die Eucharistie und nicht der Zölibat. Die Kirche lebt aus der Eucharistie, die gemeinsame Eucharistiefeier ist für sie überlebensnotwendig. Wenn das nicht oder nur unzureichend möglich sei, so sei das ein "Appell", man müsse darüber nachdenken. In allererster Linie wolle er dazu die Stimme der Bischöfe aus Amazonien hören. "Aber Ausgangspunkt ist nicht: Wann schaffen wir den Zölibat ab, sondern: Wie stillen wir den Hunger nach Eucharistie." Freilich hat das letzte Wort zu allen Themen und Diskussionen ohnehin der Papst, wie auch Synoden-Sprecher Paolo Ruffini hervorhob.

Ähnliches gilt für die Diskussion über die Rolle der Frauen, insbesondere von Ordensschwestern und ihre Aufgaben in der Kirche Amazoniens. Sie seien vor Ort präsent in den Amazonas-Gemeinden, wo Priester nur ganz sporadisch vorbeikämen, berichtet etwa die Immaculata-Schwester Alba Teresa Castilla. "Wenn der Priester nicht anwesend und erreichbar ist, taufen wir, assistieren wir bei Eheschließungen. Mancher traut uns auch seine Lebensbeichte an, ohne dass wir eine Absolution erteilen könnten." Von der Synode erhofft sie sich eine größere Anerkennung und langsam auch Fortschritte.

In der Synodenaula wurde auch ein Diakonat für Frauen vorgeschlagen. Der Vatikan überprüft diese Frage seit längerem, ohne eindeutiges Ergebnis, wie Papst Franziskus noch in diesem Mai beim Rückflug von Skopje nach Rom betonte. Entsprach die Diakonenweihe von Frauen in der alten Kirche der von männlichen Diakonen und war es ein Sakrament? Oder beschränkte sich ihre Tätigkeit etwa auf die Hilfe bei der Taufe von Frauen, und deuteten die Formeln eher auf die heutige Äbtissinnen-Benediktion hin? Es gebe keine Gewissheit – aber er habe auch keine Angst vor der Erforschung, meinte der Papst. Bleibt abzuwarten, ob die Synode hier "neue Wege" geht – und wie der Papst sie schließlich in seinem Schlussdokument aufgreift.

Von Johannes Schidelko