Papst spricht mit Indigenen bei der Amazonas-Synode
Amazonas-Synode kämpft gegen "kolonialistisches Denken"

Kirche und Kultur der Indigenen miteinander in Einklang bringen

Die Ureinwohner der Amazonas-Region stehen vor großen ökologischen und sozialen Herausforderungen. Papst Franziskus hat die Bischöfe zur Amazonas-Synode zusammengerufen, um die Indigenen hierbei zu begleiten. Die Weihe von "viri probati" ist hierbei jedoch nur eine von mehreren Möglichkeiten.

Von Roland Müller |  Vatikanstadt - 10.10.2019

"Viele Brüder und Schwestern im Amazonasgebiet tragen schwere Kreuze und warten auf den befreienden Trost des Evangeliums." Mit diesen und vielen weiteren Worten hat Papst Franziskus am Sonntag die Amazonas-Synode eröffnet. Zu Beginn der Bischofsversammlung, die seit einigen Tagen in vollem Gange ist, wollte er den 185 Synodenvätern und den weiteren Teilnehmern ins Gedächtnis rufen, warum sie sich zusammengefunden haben: Um als Kirche in Amazonien neue Wege zu gehen.

Die meist indigenen Bewohner der Amazonas-Region stehen vor großen Herausforderungen ökologischer und sozialer Art: Ihr Lebensraum, der Regenwald, ist durch Rodungen, Waldbrände und Umweltverschmutzung stark gefährdet. Zudem müssen die mehr als 390 indigenen Völker, bedroht von Migration und politischen Anfeindungen, um das Überleben ihrer Kultur kämpfen. Franziskus fordert, dass die Kirche den Indigenen in dieser kritischen Situation entschiedener zur Seite steht. Daher hat er den im Vatikan versammelten Bischöfen den Auftrag ins Stammbuch geschrieben, nach neuen Formen der Seelsorge zu suchen.

Luiz Albertus Sleutjes kennt die Situation im Amazonas-Gebiet sehr gut: "Ich habe dort als Priester gearbeitet", erzählte der 33-jährige Brasilianer im Gespräch mit katholisch.de. "Die Wege sind sehr weit und es gibt einfach nicht genug Geistliche, um die Sakramente zu feiern." Auch Sleutjes nimmt an der Synode teil, jedoch als Assistent. Der Geistliche aus einer Diözese im Bundesstaat São Paulo im Süden Brasiliens promoviert derzeit in Rom und ließ sich die Chance nicht entgehen, bei der Synode dabei zu sein. "Das ist eine einmalige Gelegenheit", schwärmte er.

Bereits am ersten Tag der Beratungen wurde in der Synoden-Aula über ein schon im Vorfeld kontrovers diskutiertes Thema gesprochen: die Weihe von "viri probati". Schon im Vorbereitungsdokument zur Synode war die Weihe älterer indigener Männer als Möglichkeit genannt worden, "um den Bedürfnissen der amazonischen Völker zu entsprechen". Diese kurze Passage im Instrumentum laboris der Amazonas-Synode hatte zu harscher Kritik geführt – bis dahin, dass Unterstützern dieser Option die Rechtgläubigkeit abgesprochen wurde.

Papst Franziskus bei der Eröffnung der Amazonas-Synode

Papst Franziskus und Indigene beim Eröffnungsgottesdienst der Amazonas-Bischofssynode am 6. Oktober 2019 im Petersdom im Vatikan.

Für Sleutjes sind "viri probati" kein Tabu-Thema – ganz im Gegenteil: "Diese Möglichkeit würde in Amazonien eine große Hilfe darstellen", so der Theologe ganz offen. "Bislang gibt es viele Gemeinden, in denen ein Priester nur einmal im Jahr oder noch seltener zur Spendung der Sakramente kommt." Bewährte Familienväter, die in den Pfarreien wohnen, könnten das Glaubensleben vieler Indigener bereichern, glaubt Sleutjes, auch wenn ihm wichtig ist, dass der Zölibat grundsätzlich weiterhin mit dem Priesteramt verbunden bleibt.

Auch wenn viele Priester fehlen, ist das Glaubensleben in Amazonien nicht gänzlich am Boden. Gemeindemitglieder, Missionare oder auch Ordensfrauen übernehmen ganz selbstverständlich die Leitung von Pfarreien. So auch die spanische Schwester Alba Teresa Cediel Castillo. "Ich begleite die Ureinwohner bei den unterschiedlichen sakramentalen Feiern", berichtete sie bei der Pressekonferenz nach dem ersten Sitzungstag der Synode. "Wenn kein Priester vor Ort sein kann und jemand getauft werden muss, dann taufe ich eben." So leite sie auch Eheschließungen oder biete Beichtgespräche an. "Ich kann zwar keine Absolution geben, aber ich glaube, dass Gottvater trotzdem wirkt", so Cediel. Aufgrund ihrer positiven Erfahrungen hofft sie auf einen größeren Einfluss der Frauen in der Kirche – und auf neue Ämter, wie sie auch das Vorbereitungsdokument der Synode vorschlägt.

Die Weihe verheirateter Männer und ein kirchliches Amt für Frauen wären ein Zugehen auf viele der indigenen Völker des Amazonas-Gebiets. Denn in zahlreichen Kulturen der Region haben Frauen eine herausgehobene und einflussreiche Stellung innerhalb der Gemeinschaft. Auch gehört es untrennbar zur überlieferten Lebensweise vieler Stämme dazu, zu heiraten und Kinder zu zeugen. Eine freiwillige Ehelosigkeit ist nahezu unbekannt. Wegen dieser kulturellen Unvereinbarkeit des Zölibats mit der amazonischen Kultur, gibt es sehr wenige indigene Priester. Junge Männer, die sich doch für ein geistliches Leben entscheiden, werden nicht selten von ihrem Volk angefeindet. Ein Problem, das den ohnehin schon großen Priestermangel noch verstärkt.

Die Wertschätzung der indigenen Kulturen ist Papst Franziskus ein Herzensanliegen. Auch deshalb hat er im Vorfeld des Weltjugendtags in Panama Anfang des Jahres indigene Jugendliche aus aller Welt zu einem Treffen eingeladen. Der Papst hielt sie dazu an, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen und Kraft aus ihrer Herkunft zu schöpfen. Das argentinische Kirchenoberhaupt wollte ihnen vermitteln, dass die Kirche gemeinsam mit den jungen Indigenen für eine Zukunft ihrer Traditionen kämpfen will – trotz der meist durch Gewalt und Angleichung geprägten Geschichte der christlichen Mission.

Die Amazonas-Synode

Die Augen der Weltkirche richten sich vom 6. bis zum 27. Oktober 2019 auf den Vatikan. Dort kommen Kardinäle, Bischöfe und Experten zusammen, um bei einer Sondersynode über "neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie" im Amazonas-Gebiet zu sprechen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Priesterweihe verheirateter Männer.

Die jungen Leute aus aller Welt stellten bei ihren Gesprächen fest, dass sie ähnliche Probleme haben: Wer eine gute Ausbildung absolvieren möchte, muss seinen meist dörflichen Heimatort verlassen und in eine größere Stadt ziehen. Dort leben die jungen Indigenen oft isoliert von den anderen Stadtbewohnern und in prekären Umständen. Andere laufen Gefahr, wegen zu großer Angleichung an die städtische Gesellschaft, ihre Kultur zu verlieren. Aber auch die fortschreitende Umweltzerstörung belastet die indigene Lebensweise, die sehr auf ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur ausgerichtet ist – ein Problem, das Franziskus bereits in seiner Umweltenzyklika "Laudato si" angesprochen hat, die eine der Grundlagen der Amazonas-Synode ist.

Doch es gibt auch Indigene, die eine grundsätzliche andere Meinung vertreten. Jonas Marcolino Macuxí ist der Häuptling des Macuxí-Volkes in Nordbrasilien. Er beklagte in einem Interview mit der konservativen US-Zeitung "National Catholic Register", dass sich die katholische Kirche für die Erhaltung der indigenen Kulturen einsetze, um damit die Armut dieser Menschen zu fördern. "Wir sollten darin bestärkt werden, unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten auszubauen, denn die Amazonas-Region ist sehr reich", so Macuxí. Daher spricht er sich dafür aus die natürlichen Ressourcen des Regenwaldes zugunsten der Indigenen zu nutzen – eine Praxis, die in Form von regelmäßigen Brandrodungen besonders bei der einfachen Bevölkerung verbreitet ist. Aber auch dem Schutz der ursprünglichen Kulturen steht der Häuptling kritisch gegenüber. Denn so würden brutale Praktiken wie die Tötung missgebildeter Kinder am Leben gehalten.

Um zu wissen, von welchen Problemen sich die Bewohner Amazoniens bedroht sehen, wurden im Vorfeld der Synode 87.000 Indigene befragt. Ihre Antworten wurden im Instrumentum laboris verarbeitet und nehmen damit direkten Einfluss auf die Gestaltung der Amazonas-Synode. Die Umfrage hat ergeben, dass die industrielle Ausbeutung der Natur wegen ihrer Rohstoffe, wie Erdöl, Gas, Holz und Gold, sowie der Anbau landwirtschaftlicher Monokulturen die Amazonas-Bewohner stark einschränken. Für den christlichen Glauben und die aktive Hilfe der Kirche zeigten sich die meisten dankbar. Doch sie mahnten auch an, sich in religiösen Anliegen bevormundet zu fühlen und "kolonialistisches Denken" wahrzunehmen.

Anders als die in Lateinamerika florierenden evangelikalen Freikirchen, die die indigene Kultur in der Regel kritisch sehen, möchte Papst Franziskus, dass sich die Ureinwohner in der Kirche willkommen fühlen. Nach seinem Willen soll die Synode nach konkreten Wegen suchen, wie das möglich wird. Einen Vorschlag machten einige Synodenväter, indem sie sich für einen eigenen amazonischen Ritus aussprachen. So könnte aus einer "Kirche, die zu Besuch kommt", eine Kirche werden, "die bleibt", wie es schon im Vorbereitungsdokument heißt. Die weiteren Entwicklungen der Synode können mit Spannung erwartet werden, denn Franziskus scheint ernst zu meinen, was er in seiner Predigt bei der Eröffnung der Synode sagte: Die Kirche geht für die Indigenen und mit ihnen "gemeinsam voran".

Von Roland Müller