Umgang mit Missbrauch: Hamburger Altbischof Thissen räumt Fehler ein
Er habe zu wenig Kontakt mit den Opfern gehabt

Umgang mit Missbrauch: Hamburger Altbischof Thissen räumt Fehler ein

Hat der damalige Generalvikar Werner Thissen im Bistum Münster Missbrauchsfälle vertuscht? Seit einem Monat steht der Vorwurf im Raum. Nun hat sich der ehemalige Hamburger Erzbischof erklärt – und räumt persönliche Fehler ein.

Münster - 06.11.2019

Der ehemalige Hamburger Erzbischof Werner Thissen hat Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch als Personalverantwortlicher im Bistum Münster eingestanden. Er habe zu sehr auf die Arbeit eines Therapeuten vertraut und kaum Kontakt zu Betroffenen gehabt, sagte er der Münsteraner Bistumszeitung "Kirche+Leben". Thissen leitete im Bistum Münster die Personalabteilung, war Generalvikar und Weihbischof, bevor er 2003 Diözesanbischof in Hamburg wurde.

Die zuständige Personalkonferenz habe sich auf die Behandlung durch einen Therapeuten verlassen. Missbrauchsverdächtige seien so lange auf andere Posten geschoben wurden, bis es der Therapeut für richtig erachtete, sie wieder in der Pfarrseelsorge einzusetzen. Thissen gesteht nun ein, dass der Therapeut von dem Gremium ausgenutzt worden sei. "Wir haben das von uns weggeschoben auf ihn und dort, wo er sich zu viel drum kümmern musste, haben wir zu wenig getan." Sein eigenes Vertrauen in therapeutische Möglichkeiten sei "überzogen und unrealistisch" gewesen.

Sexueller Missbrauch sei in der Konferenz nur ein "Nischenthema" gewesen. Er habe damals kaum Kontakt mit den Betroffenen gehabt. "Das ist mein zweiter großer Fehler, den ich mir anlaste." Er habe keine Vorstellung davon gehabt, "was für ein Schaden bei einem jungen Menschen angerichtet wird durch Missbrauch". Das belaste ihn heute sehr.

"Da hätten Fachleute dazu gehört"

Die Arbeit der früheren Personalkonferenz müsse man als zwar "unbürokratisch", aber auch unprofessionell beschreiben, so Thissen. "Es lag im System, dass die Personalkonferenz für den Umgang mit Missbrauchsfällen zuständig war. Aber sie war dazu gar nicht in der Lage. Da hätten Fachleute dazu gehört." Auf den Gedanken, die Öffentlichkeit oder Laienvertretungen betroffener Gemeinden zu informieren, sei man nicht gekommen. Alles habe sich "zu sehr im klerikalen Bereich" abgespielt.

Der amtierende Münsteraner Bischof Felix Genn dankte Thissen für dessen Einlassungen. "Werner Thissen bekennt sich zu seinen Fehlern und zu seiner Verantwortung", so Genn in einer Stellungnahme. Er hoffe, dass "eine solche Verantwortungsübernahme für Betroffene hilfreich und ein wichtiges Signal sein kann. Werner Thissen wirft ein ungeschminktes Licht darauf, wie die Verantwortungsträger im Bistum Münster damals entschieden haben". Dass etwa die Betroffenen zu wenig beachtet wurden, sei heute unverständlich. Genns eigene Form der Entschuldigung könne nur sein, die Vergangenheit unabhängig aufarbeiten zu lassen. Kürzlich hat ein Forschungsprojekt zu kirchlichen Missbrauchsfällen in der Region an der Münsteraner Universität begonnen. Außerdem wolle er mit Präventionsmaßnahmen künftigem Missbrauch vorbeugen. Dazu müsse es " zu neuen Formen der Partizipation und zu einer Umverteilung von Macht und Einfluss in unserer Kirche kommen", so Genn.

Der Fall um Thissen war ans Licht gekommen, als ein Betroffener bei einer Podiumsdiskussion Anfang Oktober angab, als damaliger Priesteramtskandidat von einem Kaplan sexuell belästigt worden zu sein. Thissen habe davon Kenntnis erhalten, jedoch nicht gehandelt. Auch als er den Fall 20 Jahre später wieder an das Bistum herangetragen habe, habe die Diözese nicht reagiert. Der Mann hatte seine Priesterlaufbahn später aufgegeben. (cph)