Das jahrhundertealte Geheimnis der sieben Todsünden
Auch in einer säkularen Gesellschaft haben sie ihre Berechtigung

Das jahrhundertealte Geheimnis der sieben Todsünden

Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit: Die sieben Todsünden sind noch nicht einmal wirkliche Sünden, trotzdem sind sie jedem ein Begriff. Doch woher kommen sie – und ist ihr Konzept noch zeitgemäß?

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 17.11.2019

Auf den Zeichnungen von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahr 1558 sind die träge vor sich hin faulenzenden Menschen von Höllentieren umgeben, zersägen Soldaten voller Zorn eine ganze Gruppe von Menschen mit einem riesigen Messer und die Eitlen erwartet schon der Höllenschlund. Es sind Bilder wie diese, die die sieben Todsünden ins kollektive Gedächtnis gebracht haben. Sei es das expressionistische Film-Meisterwerk "Metropolis" von 1927, der Thriller "Seven", die "Göttliche Komödie" von Dante Alighieri oder sogar ein Ballett von Bertolt Brecht und Kurt Weill – in Hoch- wie Popkultur ist die Siebenerreihe omnipräsent. Über die Jahrhunderte hat sie sich behauptet, es scheint also etwas Überzeitliches an ihr zu sein.

Dabei geht es im engeren Sinne gar nicht um "richtige" Sünden. Denn Sünden sind konkrete Handlungen. Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit sind aber keine Taten, sondern Haltungen. Theologisch richtig ist also, von Hauptlastern zu sprechen oder Wurzelsünden, denn aus diesen Haltungen können sündige Taten und weitere Laster entstehen. Nur faul zu sein, ist noch keine Sünde. Der Begriff der sieben Todsünden hat sich dennoch eingebürgert – das hat mit der Geschichte zu tun.

"Erfunden" hat das Konzept Euagrios Pontikos (345-399), der als Mönch Ende des 4. Jahrhunderts in der ägyptischen Wüste lebt. Philosophisch vorgebildet beobachtet er ganz genau das Leben der Einsiedler und die Gefahren, die deren Askese bedrohen. Er spricht von "oktologismoi", also acht bösen Gedanken, die den Mönchen von Dämonen eingeflüstert werden. Die Achtzahl übernimmt er wahrscheinlich aus der Stoa. Die Vertreter der Athener Philosophenschule kennen vier Hauptleidenschaften und vier Gegenstücke zu den Haupttugenden – eines der Hauptbeschäftigungsgebiete der stoischen Denker. Euagrios fasst beide Aspekte zusammen und kommt auf acht Hauptlaster. Eine explizite biblische Grundlage gibt es für seine Liste also nicht. Paulus führt zwar auch Lasterkataloge auf, aber nicht die Achterreihe des Euagrios.

Kulturelle Umschichtungen

"Es gibt keine Sünde ohne Kontext", schreibt der israelische Philosoph Aviad Kleinberg in einem Buch über die sieben Todsünden. "Verändern sich Kontexte und Regeln, so wandelt sich auch die Definition der Sünde." Dieses Phänomen lässt sich in der Genese des Konzepts beobachten. Denn Euagrios Hauptlaster sind nicht nur zahlenmäßig mehr als die heute bekannte Liste, es sind in Teilen auch andere. Den Neid sucht man bei ihm noch vergebens, dafür sind dort Ruhmsucht und Trübsinn aufgeführt. Denn der Einsiedler wendet sich nicht an die allgemeine Öffentlichkeit, sondern an seine Mitbrüder, die Laster beziehen sich auf das monastische Leben seiner Zeit.

Eine Figur des Kirchenpatrons Papst Gregor der Große
Bild: © katholisch.de

Papst Gregor der Große stellte die heute bekannte Liste der sieben Todsünden zusammen.

Über einen anderen Prediger, Johannes Cassianus (360-435), kommen die Hauptlaster dann mit Abwandlungen in die westliche Hemisphäre. Erst im Westen entsteht dann der Passus "Hauptlaster" (vitia principalia). Die Liste bleibt abhängig von lokalen und zeithistorischen Kontexten variabel, die Betonung der einzelnen Laster unterscheidet sich. Die heute bekannte Siebener-Zusammenstellung stammt von Papst Gregor dem Großen (540-604). Er passt das Lasterkompendium wiederum einer veränderten Zeit und einer anderen Zielgruppe an. Jetzt richtet es sich nicht mehr an Mönche in der Wüste, sondern an die Öffentlichkeit. So kommt die Kategorie des Neides prominent hinzu. Später werden zwar durchaus auch andere Schwerpunkte gesetzt, etwa auf Habgier und Geiz. Theologen wie Thomas von Aquin oder Petrus Lombardus schreiben Gregor im Nachhinein allerdings eine prägende Bedeutung zu und kanonisieren seine Ausführungen. Diese Einschätzung setzt sich durch.

In diese Zeit fällt auch die zunehmende Vermischung der Hauptlaster mit den Todsünden. Das Konstrukt der Todsünde hat sich bis jetzt weitgehend unabhängig von den Hauptlastern ausgebildet und bezeichnet Sünden, durch die ein Mensch ganz bewusst die Gemeinschaft mit Gott verlässt. Dazu gehören zum Beispiel Ehebruch, Mord oder der Abfall vom Glauben. Thomas von Aquin unterscheidet beide Phänomene zwar strikt voneinander, fragt aber auch: Ist Neid eine Todsünde? Dadurch leistet er der Begriffsvermischung Vorschub.

Eine Liste über die Religion hinaus

Was aber macht die sieben Todsünden bis heute so spannend, dass sie selbst in einer säkular geprägten westlichen Gesellschaft die Menschen noch faszinieren? "Das sind Grunderfahrungen eines jeden Menschen, unabhängig von dessen Religion", findet der Hildesheimer Ethiker Alexander Merkl, der im Rahmen seiner Habilitationsschrift zu dem Thema forscht. Deshalb seien diese sieben Grundhaltungen auch soziologisch und psychologisch Interessant. "Menschen wollen und müssen essen, trinken und Sex haben. Das stellen die sieben Todsünden auch nicht in Abrede. Sie bemängeln aber die Übertreibung." Unordnung, Maßlosigkeit, Vernunftlosigkeit stehen im Fokus.

Auch der Psychologe Heiko Ernst schreibt 2006 in einem Buch, dass die Hauptlaster auch für Nicht-Gläubige "eine erhellende, manchmal ernüchternde und verstörende Möglichkeit der Selbstdiagnostik und der Selbsterkenntnis" seien. Im Gegensatz zu den Zeiten Euagrios oder Gregors gibt es allerdings kein allgemein anerkanntes Moralkonstrukt mehr. Eine heutige Betrachtung der sieben Todsünden ist nach Heiko Ernst deshalb interessant, weil Moral im 21. Jahrhundert "eine veränderliche Größe, eine Konvention, ein Konstrukt" sei.

"Menschen wollen und müssen essen, trinken und Sex haben. Das stellen die sieben Todsünden auch nicht in Abrede. Sie bemängeln aber die Übertreibung", sagt der Hildesheimer Ethiker Alexander Merkl.

An diesem Punkt setzt die aktuelle Forschung an. "Ethische Imperative richten sich an Kollektive, doch ethische Entscheidungen sind stets individueller Natur. Auf dem Gebiet von Richtig und Falsch ist alles persönlich", hält Kleinberg fest. Unterstützt wird das theologischerseits von einem Blick auf Paulus und seine Sicht auf die Freiheit des Menschen. "Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder und Schwestern. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe", schreibt er im Galaterbrief (Gal 5,13).

Der Blick auf das Individuum

So stellen sich für Merkl die großen Fragen auch im Einzelfall: "Wie ist es mit gerechtem Zorn, authentischem Stolz, wahrhaft empfundener Traurigkeit etwa über den Verlust eines Menschen?" Mit diesen Anfragen müsse sich die Hauptlasterlehre auseinandersetzen. Auch die Umstände, wann sich bei einem einzelnen Mensch in einer bestimmten Situation Haltungen in Handlungen niederschlagen, seien sehr unterschiedlich. Denn alle sieben Hauptlaster seien fester Bestandteil des Menschseins, ausschalten ließen sie sich nicht.

Die sieben Hauptsünden und der Teufel auf einem Stich von 1879.

In Frage steht außerdem, woher gewisse Haltungen kommen. Aviad Kleinberg zufolge sind die großen Unzulänglichkeiten des Menschen nicht die Siebenerreihe, sondern vielmehr "Schwachheit, Einsamkeit und Verzweiflung, denn sie (und nicht Hochmut, Neid und Zorn) sind die Urformen der Sünde". Inwieweit diese Urängste des Menschen zum Tragen kommen, hängt von der Erziehung, dem persönlichen Selbstwertgefühl und der Lebenssituation ab. Wer Angst um seine unmittelbare Zukunft hat, steht stärker unter Strom als ein gut situierter Ruheständler, der sich um nichts mehr Sorgen machen muss. Dementsprechend variiert die Gefahr, eine Sünde zu begehen. Ebenso spielt die Gesellschaft eine Rolle: In einer auf kapitalistischen Grundwerten wie dem persönlichen Besitz aufbauenden Gesellschaft ist Habsucht und Neid gegenwärtiger als in einem auf allseitiger Egalität bedachten Umfeld.

Bei aller Wertschätzung für die Tradition der sieben Todsünden brauchen sie heute also eine Ergänzung, findet Merkl. "Der klassische Rückschluss, dass schlechte Handlungen einen schlechten Menschen machen und umgekehrt, gilt in dieser Ausschließlichkeit nicht mehr. Wir müssen auch mit Hilfe aktueller Erkenntnisse der Psychologie und Soziologie darauf schauen, wo die Laster herkommen." So könne das traditionelle Todsünden-Konzept anschlussfähig werden und für weitere Diskussionen stimulierend sein.

Was Gregor der Große im 6. Jahrhundert für die westliche Hemisphäre formuliert hat, ist also heute noch sinnvoll. Existentielle Tendenzen wie Hochmut, Neid oder Wollust haben Menschen aller Zeiten bewegt. Bekannte literarische Figuren von Faust bis Macbeth haben damit gerungen, ob sie ihren Lastern nachgeben oder ihrer Herr werden können. Auch außerhalb des religiösen Kontextes behalten die Sieben Todsünden in einer individualisierten Gesellschaft Wert und Berechtigung, können sogar Anlass zu weiteren Diskussionen über die Herkunft der Sünde und damit letztendlich über das Schlechte im Menschen geben. Gerade mit dieser modernen Perspektive ist der Zugang zu überzeitlichen Themen wie Schuld und Verantwortung heute breiter, als es sich der Mönch in der ägyptischen Wüste vor 1.600 Jahren vorstellen konnte.

Von Christoph Paul Hartmann