Franz-Josef Bode, Bischof von Osnabrück.
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Bischof Bode über Todsünden und die Beichte

"Eine Kultur des Miteinanders bilden"

Welches sind die sieben Todsünden? Und in welchen Formen werden sie sichtbar? Katholisch.de sprach darüber mit Bischof Franz-Josef Bode.

Von Margret Nussbaum |  Osnabrück - 07.01.2015

Frage: Herr Bischof, wie definieren Sie Sünde?

Bode: Das deutsche Wort "Sünde" kommt von "sondern", sich absondern, sich entfremden. Darin wird deutlich, dass sie den Menschen von sich selbst, von anderen und von Gott wegführt. Für Christen ist sie mehr als eine moralische zwischenmenschliche Verfehlung oder nur das Überschreiten einer Grenze. Sie ist die verweigerte Antwort auf die Liebe und den Willen Gottes. Zwei Menschen, die sich lieben, haben ein feines Gespür für richtig und falsch. Wo sie anfangen, die Grenzen zu "testen", ist die Liebe schon dahin. Erst recht ist es so im Leben mit Gott. Wer seiner Zuwendung inne wird, hat eine hohe Aufmerksamkeit für Gut und Böse, für Gelingen und Versagen. Wir nennen diese innere Stimme Gewissen.

Frage: In welche Kategorien lassen sich Sünden einteilen?

Bode: Wir sprechen in der Tradition von Todsünden und lässlichen Sünden oder von schweren und leichten Sünden. Letztere geschehen häufig durch Unaufmerksamkeit, herausfordernde Situationen und Versuchungen von innen und außen, eben in der Bewältigung des oft schwierigen Alltags. Sie sind Schwächen oder Einzeltaten, für die wir aufmerksam bleiben sollen, weil sie zu sehr schweren Sünden führen können, zu schwerwiegenden Entscheidungen gegen andere Menschen und gegen Gott in voller Freiheit und klarer Erkenntnis. Schwere Sünde ist wirkliche Abkehr von Gott. Sie kann den Tod der Beziehung zu ihm bedeuten (darum "Tod-Sünde"). Wir sollten diese Unterscheidung aber nicht zu weit treiben, denn es geht nicht nur um eine Grenzbestimmung, nicht allein um Handlungen, sondern um Haltungen.

Frage: Die sieben Todsünden: Ist dieser Begriff noch zeitgemäß? Oder ist es für Menschen heute verständlicher, sie – Ihre Definition – Wurzelsünden zu nennen?

Bode: Die sieben Todsünden nennen wir deshalb besser sieben Wurzelsünden (oder Hauptsünden), weil sie sich nicht zuerst auf einzelne Handlungen und Taten beziehen, sondern auf Haltungen, die der Wurzelboden für sündige Haltungen sind. Die geistliche Erfahrung der Jahrhunderte nennt sie:

superbia: Überheblichkeit und Stolz

avaritia: Habgier und Geiz

luxuria: Wollust und Unkeuschheit

invidia: Missgunst, Neid und Eifersucht

gula: Unmäßigkeit und Völlerei

ira: Zorn und Hass

acedia: Trägheit und Unlust

Aus diesen Wurzelsünden erwachsen die Einzeltaten. Deshalb ist eine "Wurzelbehandlung", die mit einer realistischen und ehrlichen Selbsterkenntnis beginnt, durchaus hilfreich.

Frage: Welche der sieben Wurzelsünden ist die gefährlichste, die verführerischste?

Bode: Ich denke, die superbia, die Überheblichkeit in all ihren Facetten, ist die gefährlichste; danach die acedia, die Trägheit und Unlust. Die eine will in verschiedenen, oft versteckten Weisen Gott spielen, statt ihm zu dienen (so hat es Bischof Kamphaus formuliert); sie will über den anderen, ja sogar über Gott verfügen, der dann für die eigenen Zwecke und Bedürfnisse herhalten soll. Die acedia ist die schleichende Trägheit, die alles gleich-gültig werden lässt, die keine Entscheidungen mehr trifft, die sich treiben und letztlich den Geist Gottes in sich verlöschen lässt. Die Gefährlichkeit liegt in ihrer unterschwelligen Art: Der Grundwasserspiegel des Lebens, des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe sinkt langsam immer weiter ab, bis der Mensch äußerlich vielleicht noch funktioniert, innerlich aber leer ist.

Zur Person

Bischof Franz-Josef Bode, geb. am 16. Februar 1951 in Paderborn, ist Bischof von Osnabrück. Seit 2010 ist Bode außerdem Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: In welchen Formen kommen die sieben Wurzelsünden heute vor? Hinter welchen Fassaden verstecken sie sich?

Bode: Sie zeigen sich mehr oder weniger offenbar in den tausend Weisen, über andere verfügen zu wollen, in der Kultur des Habenwollens und -müssens, in der Liebe, die zur Ware wird oder den anderen zum Objekt der Bedürfnisbefriedigung macht, in den Auswüchsen von Neid und Eifersucht, in steigender Gewaltbereitschaft (nicht nur zu physischer, sondern sehr oft zu psychischer Gewalt) und in einer inneren Entleerung, wo alles egal wird.

Frage: Die sieben Wurzelsünden erscheinen vielen allenfalls als Marotten oder Neurosen. Sie treten sozusagen als Light-Version der Sünde in Erscheinung. Vor allem das private Fernsehen und andere Medien führen uns täglich vor, wie normal Perversität geworden ist. Wie können wir als Christen uns gegen ein solches menschenverachtendes Bild wehren?

Bode: Der Hang zur Perversität oder dazu, sich Perversionen zum Nervenkitzel zu machen, und die immer ausgefeilteren Formen der Bedürfnisbefriedigung in vielen Bereichen des Lebens sind letztlich auch ein Schrei nach Liebe, nach Sinn, nach etwas anderem und größerem. Menschenverachtung hat ihren Grund oft in der Erfahrung, selbst verachtet oder nicht beachtet und geachtet worden zu sein. Nur eine Kultur der Wertschätzung, der positiven Bilder und Werte, die Überzeugung, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes seine unantastbare Würde hat, und die sieben Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe und Klugheit, Mut, Maß und Gerechtigkeit können den Abgründen der Menschen und den eigenen Herausforderungen gewachsen machen.

Frage: Welche Aufgaben müssen christliche Kirchen hier wahrnehmen?

Bode: Sie müssen eine Kultur des Lebens und des Miteinanders bilden und mit aufbauen, in der Menschen erkennen und er-leben können, wie sehr der christliche Glaube Lebenshilfe ist und zum Gelingen der eigenen Existenz beiträgt. Der Kern unseres Glaubens, dass Gott der immer Größere ist (Vater) und doch ins immer Niedrigere der Menschen gekommen ist (Sohn) und uns zu bleibender Gemeinschaft verbindet (im Heiligen Geist), ist die beste Grundlage dafür.

Frage: Beichten - ist das heute nötiger denn je? Gibt es Regeln, etwa wie oft und in welcher Form Katholiken beichten sollten?

Bode: Wenn Beichte nicht auf ein Geheimgespräch im Dunkeln reduziert wird, sondern wirklicher Dialog ist, wirkliche Aussprache vor Gott über die eigene Lebenssituation mit all ihren Höhen und Abgründen, dann ist sie eine große Hilfe für den eigenen Weg. Sie ist konkret erfahrbare Befreiung und Ermutigung für weitere Schritte im Leben mit Gott und den Menschen. Überschaubare Zeiträume sind wichtig, damit aus den Schritten ein Weg wird. Anhaltspunkte können Feste des Kirchenjahres sein oder persönliche Gedenktage und Ereignisse. Als Form empfiehlt sich das Gespräch mit dem Priester im Gebetsraum oder am Rande einer Bußfeier oder auch auf einer gemeinsamen Pilgerstrecke. Für die Vorbereitung gibt es gute Hilfen in der Betrachtung der Zehn Gebote oder biblischer Szenen.

Buch zum Thema

Franz-Josef Bode: Und führe uns in der Versuchung. Vom Umgang mit den eigenen Abgründen. 12 Euro, Verlag Herder. Die sieben großen Versuchungen, denen jeder Mensch früher oder später begegnet, zeigen Beharrungsvermögen, auch wenn die Erscheinungsformen sich mit der Zeit geändert haben. Der innere Schweinehund ist heute nicht weniger träge als früher. Ihn zu überwinden, macht das Leben menschlicher – für einen selbst und für die Zeitgenossen. Bischof Franz-Josef Bode nimmt die Leser mit auf eine nachdenkliche Tour mit geistlichen Impulsen für ein befreiteres Leben.

Von Margret Nussbaum