Kardinal George Pell
Früherer "Finanzminister des Papstes" verbüßt sechsjährige Haftstrafe

Kardinal Pell erhält letzte Chance – Gericht lässt Berufung zu

Der oberste Gerichtshof Australiens hat den Berufungsantrag angenommen: Damit erhält Kardinal George Pell eine letzte juristische Chance, gegen seine Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs vorzugehen. Doch die Anhörung wird noch auf sich warten lassen.

Canberra - 13.11.2019

Australiens oberster Gerichtshof hat am Mittwoch den Berufungsantrag von Kardinal George Pell (78) gegen seine Verurteilung als Sexualstraftäter angenommen. Die Anhörung werde voraussichtlich erst 2020 stattfinden, teilte das Gericht in Canberra mit. Pell war bei der Verkündung der Entscheidung laut Medienberichten nicht persönlich im Gerichtssaal anwesend und auch nicht per Video-Link zugeschaltet.

Mit der Zulassung der Berufung erhält der gesundheitlich angeschlagene Pell eine letzte juristische Chance, gegen seine Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs vorzugehen. Der 78-Jährige verbüßt eine sechsjährige Haftstrafe. Ein Geschworenengericht hatte ihn für schuldig befunden, Mitte der 90er Jahre als Erzbischof von Melbourne einen Chorknaben sexuell missbraucht und einen weiteren belästigt zu haben. Eine weitere juristische Klage ist anhängig. Pell ist der frühere Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariates und war damit eine Art "Finanzminister des Papstes". Er ist der ranghöchste katholische Geistliche, der bisher wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde.

Reaktion der Bischofskonferenz

In einer ersten Reaktion der australischen Bischofskonferenz erklärte deren Vorsitzender, Erzbischof Mark Coleridge, die Entscheidung werde den langen und schwierigen Prozess verlängern: "Aber wir können nur hoffen, dass die Berufung so bald wie möglich verhandelt wird und dass das Urteil Klarheit und eine Lösung für alle bringen wird".

Nach der Annahme eines Berufungsantrags sprach der Vatikan sein Vertrauen in die Justiz des Landes aus. In einer schriftlichen Erklärung teilte Vatikansprecher Matteo Bruni am Mittwoch mit, man nehme die Entscheidung für ein Berufungsverfahren zur Kenntnis; weiter sei man sich "bewusst, dass der Kardinal stets seine Unschuld behauptet hat". Zudem erklärte Bruni, der Heilige Stuhl bekräftige seine Nähe zu allen, die durch sexuellen Missbrauch durch Kleriker gelitten hätten.

Pell wurde am 8. Juni 1941 in Ballarat im australischen Bundesstaat Victoria geboren und mit 25 Jahren zum Priester geweiht. Mit der geistlichen Laufbahn entschied er sich gegen eine mögliche Karriere als Rugby-Spieler. Sein Weiterstudium in Rom und Oxford führte ihn zur Promotion im Fach Kirchengeschichte. Nach mehreren Stationen in Seelsorge und Hochschule ernannte ihn 1987 Papst Johannes Paul II. (1978-2005) zum Weihbischof und 1996 zum Erzbischof von Melbourne. 2001 wurde Pell nochmals befördert - nach Sydney, in die Hauptstadt des australischen Libertinismus. Von hier aus meldete er sich immer wieder mit kernig-konservativen Statements über Themen wie Homosexualität, Bioethik und Umwelt zu Wort.

Ins weltkirchliche Rampenlicht trat er als Gastgeber des Weltjugendtags in Sydney 2008. Im Februar 2014 machte ihn Papst Franziskus zum Leiter des neugegründeten vatikanischen Wirtschaftssekretariates. Aufgrund der Missbrauchsvorwürfe war der Kardinal aber bereits seit Juni 2017 als Finanzchef beurlaubt. Als Mitglied der Römischen Glaubenskongregation (1990-2000) gehörte Pell zu den engsten Beratern des damaligen Präfekten, Kardinal Joseph Ratzinger, später Papst Benedikt XVI. (2005-2013). Unter den Kandidaten für dessen Nachfolge im Amt des Präfekten wurde 2005 auch sein Name genannt. (tmg/KNA)

13.11., 12:15 Uhr: Ergänzt um Stellungnahme des Vatikans.