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Sind konservative Bewegungen anfälliger für systemischen Missbrauch?

Der Film "Verteidiger des Glaubens" ist heftig kritisiert worden. Dabei zeige er, wie anfällig konservative Bewegungen für Systeme des Missbrauchs sind, kommentiert Christoph Strack – und beruft sich dabei auf ein Mitglied des Kardinalskollegiums.

Von Christoph Strack |  Bonn - 14.11.2019

christoph Strack von der deutschen Welle

Das war ziemlich einmütig: Der Film "Verteidiger des Glaubens" von Filmemacher Christoph Röhl ist kirchlicherseits offiziell auf breite Kritik gestoßen. Einzelne Bischöfe, die Deutsche Bischofskonferenz, der Wiener Kardinal Christoph Schönborn… In den letzten Tagen vor dem Filmstart folgte eine Stimme der anderen.

Und nun, keine zwei Wochen später, hat sich Schönborn in einer Vorlesung an der Universität Wien zum Thema "Missbrauch in der Kirche" und damit zu einem Aspekt geäußert, der in dem Film einen Schwerpunkt bildet. Der 74-Jährige ist übrigens jemand, der auch auf Twitter unterwegs ist und dort mehr verbreitet als Wetter-Sprüche oder Grußadressen. Im aktuellen Fall lieferte er per Tweet ein einzelnes Zitat samt Link, der zum längeren Text führt: "Es ist erschütternd, dass so viele der neuen geistlichen Bewegungen Gründer haben, die sich mit der Zeit als Missbrauchstäter erwiesen haben."

Was für ein kardinaler Satz! Da steht nicht nur "nicht wenige", sondern "viele". Die Bewertung durch Schönborn bringt eines der kirchlichen Dramen der vergangenen Jahrzehnte aufs Trapez. Auffallend oft gab und gibt es zumeist im betont konservativen Milieu in den vergangenen Jahrzehnten Bewegungen, die den heiligen Rest markieren, die sich absetzen von ach so kritischen Laien. Wer da als Gründer oder Gründerin seinen Fuß in der Tür eines Bischofshauses oder gar einen Zugang zum Apostolischen Palast hatte, der war verfahrenstechnisch gerne auf der Überholspur unterwegs. Der Film "Verteidiger des Glaubens" illustriert das am Beispiel der "Legionäre Christi", deren Gründer Marcial Maciel (1920-2008) letztlich ein Sexualstraftäter war. Beklemmend. Und bis kurz vor seinem Tod will es niemand gewusst haben. Tja…

Die folgenden Sätze von Kardinal Schönborn – vier Kriterien zu Gründergestalten geistlicher Gemeinschaften als Missbrauchstäter – möchte ich aus seinem Twitter-Link einfach zitieren: "Dazu zähle ein 'Guru-Verhalten' von Gemeinschaftsleitern, die sich selbst als fehlerfrei betrachten. Auch exklusive Bindung an eine Gründerperson verführe zum Missbrauch. Gleiches gelte für Situationen, wo Gemeinschaftsleiter Mitgliedern mit 'Liebesentzug' drohten und das Buhlen um die Gunst des Gründers unter Mitgliedern der Gemeinschaft dazu führe, dass alles andere ausgeblendet werde. "Besonders gefährlich" sei schließlich, "dass in solchen Kreisen dann ein Drinnen und ein Draußen praktiziert wird", so Kardinal Schönborn. "Wenn du drinnen bist, akzeptierst Du unglaublich viel, bis hin zu Missbrauch, um dazuzugehören."

Das passt zu den Beispielen, die der Kardinal anführt: die "Legionäre Christi", die Johannes-Gemeinschaft in Frankreich, die Gemeinschaft der Seligpreisungen. Und er nennt zwei Personen namentlich: den Chilenen Fernando Karadima (89) und seinen Vorgänger als Wiener Erzbischof, Kardinal Hans Hermann Groer (1919-2003). Zitat Schönborn: "Der Kreis um ihn, das waren die ganz Katholischen, die anderen wurden beiseite geschoben."

Klare Worte. Und Bischöfe dürfen sich von einem der klügsten Theologen im Kardinalskollegium sicher ermutigt fühlen, mal in sich zu gehen. Hier oder da gibt es ja bereits ein Nachdenken über besonders exklusive Gruppen. Aber vielleicht ist es einfach zu einfach, auf die "ganz Katholischen" zu setzen. Auch das wird Kirche wieder lernen müssen.

Von Christoph Strack

Der Autor

Christoph Strack ist Leiter des Bereichs Religionen der Deutschen Welle.

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