Bei gewalttätigen Ausschreitungen zerstören Demonstranten in Santiago de Chile ein Kruzifix.
Pastor Christian Olding über das Sonntagsevangelium

Würde im Leid

Verhöhnt, gepeinigt und verlassen – was bringt denn so ein König? Schicksalsschläge haben nichts von ihrem Schmerz verloren, das weiß unser Autor Pastor Christian Olding aus eigener Erfahrung. Und doch ist er überzeugt: In Christus hat Gott unser Leid von innen gewandelt.

Von Christian Olding |  Geldern - 23.11.2019

Impuls von Pastor Christian Olding

Hier findet eine völlige Demontage des Königtums statt. Ein König am Kreuz, unter Verbrechern. Ein König beim Sterben, ein Antikönig.

Sie haben ihn mit seinen Händen an einen Querbalken angenagelt, ohne Erbarmen und dann nach oben gezogen. Von diesem Pfahl kommt er nicht mehr weg. Die Wunden an Händen und Füßen brennen in seinem Leib. Die Dornenkrone martert sein Haupt. Und seine Seele ist ein Meer von Trauer, Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Dort am Kreuz hängt einer, der alles andere ist, als das, was man klassischerweise mit König in Verbindung bringt. Er ist einer, der von Anfang an, schon als Neugeborener diesen Titel demontiert und ins völlige Gegenteil verkehrt. Am Anfang ein Schwächling in der Krippe und am Ende ein Versager am Kreuz.

Was bringt denn so ein König?

Wenn die Not des Alltags sich erdrückend auf mich legt, wenn die Stunden kommen, in denen ich über mich und mein Leben weine; wenn die Stunden kommen, da der Glaube zur qualvollen Not wird, die Hoffnung sich in Verzweiflung zu wandeln, die Liebe im Herzen tot zu sein scheint; wenn der Mund Gebetsworte stammelt, die dem zermalmten Herzen wie Lügen klingen – dann wird mir nichts davon erspart bleiben. Aber es leidet einer mit mir. Denn Gott hat dem Leiden Würde und Heiligkeit gegeben. Er hat seinem eigenen Sohn die Strapazen des menschlichen Lebens nicht erspart.

Dieser Tag hätte das Ende einer tragischen Geschichte sein können. Aber er wurde zu einem Tag des Heils. Er wurde zum good friday – zum guten Freitag – wie die angelsächsischen Christen sagen. Dieser König hat gelitten und lässt sich das Leid der Menschen zu Herzen gehen. Diesem König ist es nicht egal, wie es in meinem Leben und Herzen aussieht.  

Was bringt denn so ein König?

Alles, was ER angenommen hat, ist erlöst, weil Gott es selbst durchlebt hat. Er hat den Tod angenommen, also muss der Tod mehr sein, als der Untergang in die leere Sinnlosigkeit. Er hat es angenommen verlassen zu sein, also muss selbst die erstickende Einsamkeit noch die Verheißung der Nähe Gottes in sich bergen. Weder Tod, noch Einsamkeit, noch irgendein anderes erdrückendes Schicksal verliert seine Schwere und Pein. Aber ich weiß um jemanden, dem ich mein Unverständnis, meinen Schmerz und meine Qual entgegenhalten darf.

Das bringt dieser König. Er bringt Hoffnung und Perspektive in meine abgründigsten und dunkelsten Momente. Gott sieht den Menschen in seiner Würde und Schönheit, hinter all den Taten, mit denen er sich selbst entstellt oder mit denen ihn andere entstellen wollen.

Von Christian Olding

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 23,35b-43)

In jener Zeit verlachten die führenden Männer des Volkes Jesus und sagten: Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten, wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst! Über ihm war eine Aufschrift angebracht: Das ist der König der Juden.

Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst! Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Der Autor

Christian Olding ist Pastor in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.