Das sind die Trends der Trauer- und Bestattungskultur
Gesellschaftlicher Umgang mit dem Tod

Das sind die Trends der Trauer- und Bestattungskultur

Ein aus Asche gepresster Diamant statt eines Sarges, ein Grabstein ohne Kreuz, aber dafür mit einem QR-Code, leere Grabfelder aufgrund von immer häufigerer Urnenbestattung: Die Gestalt der Friedhöfe verändert sich. Und das zeugt laut Experten letztendlich auch vom Bedeutungsverlust der Kirchen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 30.11.2019

Wenn die beiden Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler erklären, wie der Friedhof der Zukunft aussehen könnte, dann klingt das gar nicht allzu traurig. Sie sprechen von individuell gestalteten Grabsteinen, neuen Bestattungsformen, von Orten, an denen aktive Trauerarbeit betrieben wird. Es ist einiges in Bewegung in der deutschen Friedhofslandschaft und auch in der Trauerkultur. Seien es Soziologen, Theologen oder Verbrauchervertreter: Nach der Zukunft befragt, geht es allen letztendlich um das Gleiche — den Friedhof lebendiger zu machen, ihn als Ort nicht nur des Todes, sondern auch des Lebens und der Trauer zu begreifen.

Die Friedhöfe werden immer leerer

Doch bis dahin scheint es noch ein weiter Weg. Nach der aktuellen Situation der deutschen Friedhöfe befragt, muss der Regensburger Moraltheologe Rupert Scheule nicht lange überlegen: "Die Friedhofslandschaft ist ganz klar in einer Krise", lautet seine Diagnose. Und diese Krise ist sogar sichtbar. Viele Friedhöfe werden immer leerer. Der Grund dafür ist simpel. Immer mehr Menschen lassen sich nicht mehr im Sarg bestatten, sondern greifen auf die geld- und platzsparende Variante der Urne zurück. Während es in der Bundesrepublik 1960 noch rund 90 Prozent Erd- und 10 Prozent Feuerbestattungen gab, hat sich der Trend inzwischen umgekehrt. 2018 zählte "Aeternitas", eine deutschlandweite Verbraucherinitiative zur Bestattungskultur, knapp 70 Prozent Feuerbestattungen und nur noch rund 30 Prozent Erdbestattungen. Regional gibt es noch einmal große Unterschiede: "In manchen Gegenden in Ostdeutschland lassen sich sogar bis zu 90 Prozent der Menschen nach ihrem Tod verbrennen", sagt Alexander Helbach, der Sprecher von "Aeternitas". Er weist allerdings darauf hin, dass die Zahlen nur Schätzwerte sind. Offizielle Statistiken gibt es zu dem Thema nicht.

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Barbara Heck hat ein besonderes Ehrenamt inne. Sie begleitet Trauerfamilien und beerdigt in Karlsruhe.

Doch die Friedhöfe werden nicht nur leerer. Auch aus einem anderen Grund machen einige von ihnen einen optisch wenig vorteilhaften Eindruck. Da die Gräber immer unterschiedlicher gestaltet werden, herrsche bisweilen eine Art Durcheinander, finden Thorsten Benkel und Matthias Meitzler, die an der Uni Passau seit Jahren zusammen zu dem Thema Tod und Trauer forschen: Klassische Gräber mit einem Kreuz am Grabstein finden sich neben ausgefalleneren, deren Grabstein zum Beispiel mit einem QR-Code, einem Fußball oder ein paar Tanzschuhen auf das Hobby des Verstorbenen verweist, eine Ecke weiter stehen gewaltige Familiengruften aus dem 19. Jahrhundert und auch das anonyme Grabfeld ist in Sichtweite. Theologe Rupert Scheule fühlt sich da schon mal an ein Kuriositätenkabinett erinnert. Mancher Friedhof sei ein "Panoptikum" unterschiedlicher Trauerformen, sagt er.

Bei den Bestattungen sieht die Verbraucherinitiative Aeternias derzeit vor allem zwei Trends: Es werden einerseits teure, individualisierte Bestattungen nachgefragt und andererseits möglichst günstige "Discountbeisetzungen". "Alles dazwischen bricht zunehmend weg", so Sprecher Helbach. Nicht wenige Verbraucher kritisieren zudem, dass Bestattungen in Deutschland zu teuer seien. Je nach Geldbeutel können sie zu einer echten finanziellen Belastung werden: Selbst, wer den Angehörigen auf die günstigste Art und Weise einäschert und anonym beisetzt, muss dafür laut Aeternitas rund 1.000 Euro bezahlen. Rund 4.500 Euro kostet eine durchschnittliche Beerdigung mit einem Sarg, allerdings noch ohne Grabstein und die spätere Pflege. Und nach oben gibt es keine Grenzen: 5.000 Euro für einen aufwendig gestalteten Sarg aus Edelholz, 10.000 Euro für einen individuell gestalten Grabstein sind keine Seltenheit. Da ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen eine einfache und damit kostengünstige Beerdigung wünschen: "Sie wollen ihren Angehörigen nach ihrem Tod nicht zur Last fallen", sagt Rupert Scheule. "Deswegen möchten sie nicht nur ein pflegefreundliches- oder pflegearmes Grab, sondern buchstäblich ein pflegefreies Grab". Besonders, wenn die Angehörigen nicht in der Nähe wohnten, werde das in Betracht gezogen.  

Thorsten Benkel und Matthias Meitzler sehen in der sich wandelnden Friedhofs- und Trauerkultur einen Spiegel des gesellschaftlichen Wandels. Es zeige sich eben auch auf dem Friedhof, dass die Kirchen immer mehr an Einfluss verlören. "Statt einem Bibelvers kann auch ein Zitat aus dem Lieblingssong des Verstorbenen auf dem Grabstein stehen", so die beiden. "Es gibt immer mehr Gräber, die völlig auf einen Bezug zum Christentum verzichten". Auch Bestattungsformen außerhalb des Friedhofs werden immer beliebter: So gibt es Friedwälder, die ersten Städte erlauben inzwischen Beerdigungen zusammen mit dem eigenen Haustier und manche können sich auch Bestattungsformen vorstellen, die in Deutschland bisher noch an dem meisten Orten verboten sind: die Urne mit den Überresten des Angehörigen im heimischen Garten zu vergraben zum Beispiel oder Asche des geliebten Menschen zu einem Diamanten pressen zu lassen.

Nicht allen Trends steht die die katholische Kirche positiv gegenüber. Die Urnenbestattung wird zwar inzwischen anerkannt. Die Erdbestattung ist nach katholischen Moralvorstellungen jedoch weiter vorrangig, wie der Vatikan in einer 2016 erschienenen Instruktion "Ad resurgendum cum Christo" (Zur Auferstehung mit Christus) festlegt. Theologe Scheule argumentiert, für die Angehörigen sei es eine sehr gute, eindrückliche Form des Abschieds, wenn der Tote im Sarg in die Erde herabgelassen werde. "Ist da nur eine Urne, dann brauchen sie mehr Fantasie". Eine Beerdigung im Sarg verdeutliche zudem am eindrücklichsten die Nähe der Gläubigen zu Jesus Christus: "Auch er wurde in ein Grab gelegt — und ist dann für uns alle auferstanden", so Scheule. Mit einem Diamanten aus um den Hals kann er dagegen wenig anfangen. "Ein komplexes Leben auf ein Schmuckstück zu reduzieren, finde ich etwas seltsam". Und gegen die Urne im heimischen Regal oder im heimischen Garten spreche die Erfahrung, dass für viele Menschen in der Bewältigung ihres Verlusts sogenannte Trauerorte wichtig seien: Orte, die sie aufsuchen könnten, um ihrer Trauer Raum zu geben, die sie dann aber auch wieder verlassen könnten.

Grundsätzlich begrüßt Scheule es jedoch, wenn sich beim Umgang mit dem Tod etwas ändert: "Unsere Bestattungs- und Trauerkultur stammt noch aus dem 19. Jahrhundert. Wenn sich da mal etwas weiterentwickelt, ist das kein Skandal", erklärt er. Zu "theatralisch", "bürokratisch" und "medikalisch" seien die Abläufe mancher Beerdigung. Pompöse Feiern mit Särgen in schwarzem Samt passten genauso wenig in die Zeit wie detaillierte medizinische und bürokratische Anforderungen wie der Leichenhallenzwang. Sie gingen auf eine Angst vor Verbreitung von Krankheiten zurück gingen, die heute nicht mehr nötig sei.  

Künftig, das sagen alle Experten, müssten sich die Friedhöfe mehr nach außen öffnen. "Der Tod gehört zum Leben und darf nicht mehr nur hinter hohe Friedhofsmauern verbannt werden", so Scheule. Wie das funktionieren könnte, dazu gibt es bereits eine Fülle von Ideen und Ansätzen – darunter auch recht ausgefallene. Auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe etwa gibt es seit einigen Jahren inmitten der Gräber einen besonderen Spielplatz. Ein Teil funktioniert ganz normal, ist mit Schaukel, Sandkasten und Klettergerüst ausgestattet. Auf der anderen Hälfte gibt es zwar auch Spielgeräte, aber im Sandkasten befindet sich Zement, die Schaukeln sind arretiert – Symbole, die Kindern nahebringen sollen, was der Tod bedeutet.

Doch nicht immer müssen Friedhöfe auf so spektakuläre Weise umgestaltet werden. So plädieren die Soziologen Benkel und Meitzler etwa für ein sogenanntes "Mehr-Feld-Prinzip", das die verschiedenen Bestattungsformen von klassischen Gräbern, über auffälligere, individuellere Ruhestätten bis hin zu anonymen Grabfeldern voneinander trennt und so in eine nicht nur optisch ansprechendere, sondern auch der Pluralität der Gesellschaft Rechnung tragende Ordnung bringt.

Per LCD-Bildschirm im Grabstein können Angehörige und Freunde sich eine Bilderschau oder sonstige digitale Dateien des Toten ansehen.

Der erste digitale Grabstein Deutschlands findet sich auf dem Friedhof Ensen-Westhoven in Köln.

Der freiwerdende Platz könnte laut den Experten verstärkt für (Trauer-)Cafés und Trauerzentren genutzt werden. Sie könnten einerseits auch Menschen anlocken, die sonst nicht auf den Friedhof kommen würden und so die Trennung zur Außenwelt durchbrechen. Andererseits könnte hier verstärkt Fachpersonal angesiedelt sein, seien es Seelsorger oder —für Menschen, die keine kirchliche Begleitung haben möchten — "säkulare" Trauerbegleiter. Sie könnten Angebote wie spezielle Trauerkurse machen oder einfach nur als Gesprächspartner für die Trauernden da sein. Rupert Scheule sieht da einen großen Bedarf: "Wenn Sie über den Friedhof gehen und als Priester oder Seelsorger zu erkennen sind, dann erzählen Ihnen Menschen in kürzester Zeit ihre Trauer- und vielleicht sogar Lebensgeschichte", so lautet seine Erfahrung.

Generell sehen die Experten noch Aufholbedarf, wenn es um qualifiziertes Personal rund um das Thema Tod und Trauer geht. An der Uni Bonn können Studierende, die in Soziologie oder Evangelischer Theologie eingeschrieben sind, ab diesem Wintersemester eine Zusatzqualifikation zur "Religionssensiblen Trauerbegleitung am Arbeitsplatz" durchlaufen. Und an der Uni Regensburg, wo Rupert Scheule lehrt, gibt es ab dem kommenden Sommersemester einen neuen interdisziplinären Masterstudiengang. "Perimortale Wissenschaften" heißt dessen etwas geheimnisvoller Titel. Mediziner, Theologen und Absolventen anderer Fachrichtungen lernen hier in zwei Jahren einen ganzheitlichen Umgang mit dem Tod. Bei einer Umfrage gab es ein großes Interesse der Studierenden an dem neuen Master: "Der Studiengang lag sozusagen in der Luft", sagt Scheule.

Trauervideos auf YouTube

Überhaupt, so beobachten die Soziologen Benkel und Meitzler, ist der Friedhof zwar noch ein weitgehend abgeschlossener Raum. Generell sei das Thema Tod aber nicht mehr so ein großes Tabu — gerade unter jungen Leuten. Dabei spiele auch das Internet eine immer größere Rolle: Es sei etwa beliebt, Trauervideos über einen Verstorbenen bei YouTube hochzuladen oder den Account eines Verstorbenen bei Facebook weiter aufrecht zu erhalten. "So entstehen virtuelle Trauerorte", sagt Thorsten Benkel. "Aber auch die gesellschaftlichen Diskussionen um Hospizarbeit, Sterbehilfe, Hirntod und Organspendeausweis haben ihre Spuren hinterlassen." Und das ist ja schon mal ein Fortschritt hin zu einer offeneren Trauerkultur. 

Friedhof: Die letzte Ruhestätte

Was ist im Todesfall zu beachten? Welche Formen der Beisetzung gibt es in Deutschland? Wie hat sich die Bestattungskultur verändert und wie ist es heute um den Friedhof bestellt? Katholisch.de gibt in einem umfangreichen Dossier Antworten auf diese und andere Fragen.

Von Gabriele Höfling