Schachfigur
Standpunkt

Was Greta Thunbergs Bahnreise mit dem "synodalen Weg" zu tun hat

Unsere Debattenkultur ist alles andere als erstklassig, findet Tilmann Kleinjung. Das zeige sich zum Beispiel an der Diskussion um den Bahn-Tweet von Greta Thunberg. Innerhalb der Kirche biete der "synodale Weg" die Chance, es besser zu machen.

Von Tilmann Kleinjung |  Bonn - 19.12.2019

Tilmann Kleinjung ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk in München

Bilder können zu Ikonen werden oder zu Feindbildern. Kommt ganz auf den Standpunkt des Betrachters an. Die Reaktionen, die Greta Thunberg mit ihrem ICE-Foto ausgelöst hat, taugen diesbezüglich zur Lehrstunde für angehende Kommunikationswissenschaftler. Das via Twitter verbreitete Bild samt Text hatte eigentlich eine ganz einfache Botschaft: Die junge Klimaaktivistin muss in einem überfüllten Zug der Deutschen Bahn mit einem Sitzplatz auf dem Fußboden Vorlieb nehmen. Dazu der Kommentar: "Endlich auf dem Heimweg". In sozialen und anderen Medien entspann sich daraufhin eine Debatte, die wenig bis gar nichts mit dem Gesagten und Gezeigten zu tun hatte. Die einen nutzten Greta Thunberg als Vehikel, um auf die überforderte Bahn einzudreschen. Die anderen zeihten sie der Scheinheiligkeit, weil sie doch auch einen Sitzplatz in der ersten Klasse hatte. Greta Thunberg hat weder das eine noch das andere gesagt oder bestritten. Die Kommentare waren zumeist selbstreferentiell. Die Protagonistin hat niemand gefragt. Es lebe die gemütliche Echokammer, die heimelige Filterblase!  

Unsere Debattenkultur ist alles andere als erstklassig. Gegensätzliche Meinungen vorurteilsfrei anzuhören, den Kompromiss zu suchen, gilt in einer auf Likes, Clicks und Shares basierten Logik als langweilig. Es geht mir nicht um Harmonieseligkeit. Ich vermisse die echte Auseinandersetzung, den offenen Austausch und, wenn es sein muss, den ehrlichen Konflikt.

Die katholische Kirche bereitet sich gerade auf den "synodalen Weg" vor. Das könnte eine echte Chance sein, wenn sich die Beteiligten nicht in den alten Schützengräben "konservativ" versus "progressiv" verbarrikadieren. Die Gefahr besteht, wenn Synodale schon vorher wissen, was am Ende rauskommt. Oder wenn rote Linien markiert werden: "Wenn das passiert, dann steige ich aus." Der Rückzug in die eigene Filterblase ist keine Lösung. Zum Kompromiss gehört die Enttäuschung, seine eigene Position nicht hundertprozentig durchgesetzt zu haben. Wäre schön, wenn der "synodale Weg" nicht so endet wie Greta Thunbergs Reise in der Deutschen Bahn, im Lärm um Nichts.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Chef vom Dienst der Redaktion Religion und Orientierung beim Bayerischen Rundfunk (BR).

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Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.