Wie der Papst auf dem diplomatischen Parkett tanzt
Kolumne: Römische Notizen

Wie der Papst auf dem diplomatischen Parkett tanzt

Die Päpste unterhalten ein gut entfaltetes diplomatisches Wesen. Damit stehen sie als Religionsführer einzigartig da. An diesem Donnerstag lädt Franziskus die am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten wieder zum Neujahrsempfang. Unsere Kolumnistin Gudrun Sailer schildert, wie es auf dem diplomatischen Parkett im Vatikan zugeht.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 09.01.2020

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Unter den wachsamen Augen bewährter Vatikan-Gendarmen wird am Donnerstagmorgen eine Kolonne dunkler Limousinen mit CD-Kennzeichen den Diensteingang zum Vatikan, die Porta del Perugino, passieren und das gesammelte hier akkreditierte Diplomatische Corps beim Papst abliefern. Mit 183 Staaten der Welt unterhält der Heilige Stuhl volle diplomatische Beziehungen. Es fehlen zwei "Big Player", China und Saudi-Arabien, so weit sind wir noch nicht, aber sonst ist die Welt praktisch geschlossen vertreten im kleinsten Staat der Welt.

Wer zum ersten Mal dabei ist von den Damen und Herren im diplomatischen Dienst, wird das Setting mit gesteigerter Aufmerksamkeit verfolgen. Gut, Neujahrsempfänge dieser Art gibt es in den meisten anderen Staaten auch, aber der Heilige Stuhl ist eben kein Staat, und das Mützchen hier hat auch kein Präsident auf, sondern ein Kirchenoberhaupt. Das sorgt für ein diverses Klima. Das Protokoll beim Papst sei streng, heißt es. Er habe sich für den Posten im Vatikan den ersten Frack seines Lebens kaufen müssen, vermerkte jüngst der Schweizer Botschafter beim Heiligen Stuhl, Denis Knobel. Und nicht alle Diplomatinnen seien von Herzen glücklich über das Gebot, im schwarzen Schleier, der "Mantilla", zu erscheinen. Manche vergessen das Spitzenteil denn auch prompt zu Hause, wohl wissend, dass die Spalier stehende Schweizergarde sie auch ohne durchlässt.

Uniformierung einerseits, landestypische Trachten andererseits

Wozu denn einerseits die Uniformierung, wenn andererseits landestypische Trachten gestattet und gern gesehen sind? Der Botschafter des Iran trägt Turban, Afrikanerinnen schreiten im prachtvollen, langen Gewand, Indonesier erscheinen in farbiger Seidentunika. Was zieh ich bloß an? Nur der Gastgeber braucht sich da keinen Kopf zu machen. Er kommt, wie man ihn kennt, in Weiß, und basta. Festkleidung trägt er im Gottesdienst, zu Ehren des Höchsten, aber nicht im Königssaal seines Palastes vor Repräsentanten irdischer Staaten.

Bild: © KNA

Der Empfang für das Diplomatische Corps findet traditionell in der prunkvollen "Sala Regia" im Vatikan statt.

Da sitzen sie nun gestaffelt nach Dienstalter, an die 380 Diplomaten und Diplomatinnen aus allen Erdteilen. Was der Papst ihnen sagt beim "Austausch der Neujahrswünsche", so heißt dieser Standardtermin, ist sorgfältig dosiert. Eine Tour d'horizon durch die Baustellen der Weltpolitik aus dem Blickwinkel päpstlicher Diplomatie und christlicher Friedensethik. Länder, Krisen, Entwicklungen – aber keine Rüffel und keine Randbemerkungen. Die Papstrede hat anonym der Apparat im Staatssekretariat geschrieben, und Franziskus hält sich ans Manuskript, was umso nachdrücklicher festgehalten sei, als wir hier unlängst Gegenteiliges anzuzeigen hatten. Bei den Jahresansprachen vor dem Diplomatischen Corps ändert Franziskus üblicherweise kein Komma. Johannes Paul II. hielt das anders, hört man, und das habe im Staatssekretariat jeden Januar aufs Neue für angehaltenen Atem gesorgt.

Franziskus ist ein politischer Papst, ebenso wie sein Vorgänger aus Polen einer war. Und selbst wenn es einigen nicht passt, lässt sich der Heilige Stuhl überhaupt als Gebilde beschreiben, das ausdrücklich auch politisch handeln will. Denn selig sind die Friedensstifter. Wozu leisten sich denn die Päpste seit dem 5. Jahrhundert ein diplomatisches Wesen, wenn nicht in der Absicht, Konflikte mit Gespräch statt mit Gewalt zu lösen, so wie dieser Tage die Krise um den Iran? Wozu entsenden sie denn ihre gut 100 Nuntien, Botschafter im Rang von Erzbischöfen, in auch rundweg unkomfortable Dienstorte? Und empfangen Diplomaten aus der ganzen Welt, denen sich ein päpstlicher Wink auch mal auf dem kleinen Dienstweg stecken lässt?

Der Vatikanposten als Belohnung kurz vor der Rente

Seinerseits ist der Heilige Stuhl als Dienstort bei Diplomaten und Diplomatinnen aller Länder außerordentlich beliebt. So entsenden einige Staaten verdiente Leute für die letzten Jahre ihrer Laufbahn nach Rom zum Papst. Andere – wie die USA – belohnen mit dem Vatikanposten besonders ergebene politische Mitstreiter, sogar ohne diplomatische Erfahrung. Der Vatikan als Zuckerstück, als Dessert-Destination für den gehobenen auswärtigen Dienst – warum eigentlich?

Im Hintergrundgespräch fassen Botschafter es so zusammen: Erstens, man hat im Vatikan nicht Woche für Woche irgendeine brennende politische Lunte auszutreten. Zweitens geht es so multikulturell und thematisch vielfältig zu wie sonst nur bei internationalen Organisationen, aber ohne das Papierene und dafür, drittens, mit der Draufgabe des ehrwürdigen, religiös aufgeladenen Ambientes; jedes vatikanische Traditiönchen steckt mit jahrhundertealten Wurzeln in der Papstgeschichte und verströmt seinen Reiz.

 Michael Koch und Papst Franziskus

Seit Oktober 2018 ist Michael Koch für die Bundesrepublik Deutschland Botschafter beim Heiligen Stuhl.

Überhaupt gehört es ja zum Habitus des Diplomaten, sich kulturell einzuschwingen. Anwesenheit bei Papstmessen? Die verlangt der Vatikan rund zehnmal im Jahr nicht nur von den katholischen, sondern von allen Angehörigen des Diplomatischen Corps – und sie kommen brav (ohne zu kommunizieren). Ein formelles Dinner an der Botschaft? Auch die agnostische Botschafterin wird den anwesenden Monsignore selbstverständlich um ein Tischgebet ersuchen. Manieren und die gelassene Annahme fremder Gepflogenheiten liegen in der DNA des Berufs, weil sie eine vertrauensvolle Gesprächsbasis und damit den Rahmen wirksamer Diplomatie schlechthin schaffen. Das ist auch der tiefere Sinn des Protokolls. Und zur Not kommt Frau dann eben doch mit Mantilla, selbst wenn die Haarnadeln drücken und das Ganze nach Velázquez und spanischem Hofzeremoniell aussieht. Was tut man nicht alles für den Weltfrieden.

30 Sekunden mit dem Papst

Hauptgesprächspartner im Vatikan sind für die Diplomaten die Männer im Staatssekretariat. Mit ihnen hat man mehrmals im Monat in der einen oder anderen Sache zu tun, bei der Vorbereitung von Besuchen, beim Abstimmen von Allianzen oder beim Ausräumen sich abzeichnender Verstimmungen. Was Karrierediplomaten anfangs überrascht, sind die Dimensionen des vatikanischen Apparats: Er ist winzig. "Unser Gegenüber im Staatssekretariat sind 40 Leute, und die decken die ganze Welt ab", schildert eine unserer Quellen fast verblüfft. In Washington finden sich an der entsprechenden Stelle rund 11.000 Staatsbedienstete, in Berlin sind es gut 3.000. Lob finden auswärtige Diplomaten für das Urteilsvermögen und die Kultur ihrer Gesprächspartner im Vatikan, noch etwas Luft nach oben hätten die Monsignori in Sachen Vertrauen, "sie könnten manchmal etwas offener sein", heißt es.

Manchmal etwas offener wäre vielleicht der Papst. Den allerdings bekommen Diplomaten beim Heiligen Stuhl nicht so oft zu Gesicht. Deshalb schildern erfahrene Botschafter den Neujahrsempfang als Einmal-im-Jahr-Gelegenheit. Am Ende begrüßt der Papst alle Anwesenden einzeln. "Da haben Sie 30 Sekunden, um ihm etwas zu sagen. Aber die haben Sie. Das muss dann halt sitzen", bringt es ein Botschafter auf den Punkt. Das Kirchenoberhaupt zu sprechen, das sei wie Blitzschach. Der Neujahrsempfang im Vatikan – eine sportliche Disziplin.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.