Schachfigur
Standpunkt

Die Taufe – das Faszinosum des christlichen Glaubens

In wenigen Tagen begeht die Kirche das Fest "Taufe des Herrn". Für Pater Nikodemus Schnabel wird damit der faszinierendste Aspekt des Christentums gefeiert. Die Taufe reiße den Menschen aus seiner menschlichen Enge und mache ihn frei.

Von Pater Nikodemus Schnabel |  Bonn - 10.01.2020

Roland Müller, katholisch.de

An diesem Sonntag feiern wir im Westen das Fest "Taufe des Herrn". Ich gebe zu, dass ich mich sehr darüber freue, dass das zweite der drei Festgeheimnisse von Epiphanie nochmal eigens an einem Sonntag prominent gefeiert wird. In meinen Augen ist es ein mehr als dringend notwendiger Kontrapunkt zum Fest der Heiligen Familie, das zwei Wochen vorher begangen wurde.

Dieses Fest erinnert mich an sehr viele Glaubensgespräche, die ich in den vergangenen Jahren mit meinen jüdischen und muslimischen Freunden in Jerusalem führen durfte. Zwei Themen ziehen dabei in meiner Erfahrung die meiste Aufmerksamkeit auf sich, wenn es um den christlichen Glauben geht: zum einen die Trinität als das Irritierendste an meinem Glauben und zum anderen die Taufe als das Faszinierendste. Das Faszinosum rührt daher, dass der christliche Glaube niemandem in die Wiege gelegt wird: Weder eine christliche Mutter noch ein christlicher Vater machen ihr Kind durch Geburt zur Christin oder zum Christen, sondern allein die Taufe.

Radikal gesprochen reißt die Taufe die Menschen aus ihren familiären, nationalen, kulturellen und anderen menschlichen Identitätszuschreibungen und schenkt eine neue Art von Kindschaft durch Gott, welche jede menschen- oder naturgemachte Identitätsschublade sprengt. Durch die Taufe fliegen die Fenster aus dem Haus der menschlichen Enge und frische Luft zieht durch. Die Weihnachtszeit nimmt in all ihrer Kürze dabei einen enormen Spannungsbogen von der Erniedrigung des Logos in unsere menschliche Enge hin zur Aufsprengung eben dieser Enge hin zur Freiheit der Gotteskindschaft.

Damit entlarvt dieses Fest aber auch alles Menschengemachte als solches: Dass Getaufte es wagen, anderen Getauften ihr Christsein abzusprechen oder ihren Gemeinden das Kirchesein, dass die trennende Herkunft und "Landsmannschaft" wichtiger ist als die verbindende Taufe, dass Kirche menschlichen Identiätsschubladen einen immer noch viel zu hohen Stellenwert einräumt. Wenn die Christen in diesem Jahr ein bisschen glaubwürdiger in der Praxis leben, was nicht nur meine Jerusalemer Freunde in der Theorie so faszinierend finden, dann habe ich richtig Lust auf 2020 und auf das, was ansteht!

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.