Die an fortgeschrittener Demenz leidende Carmen tanzt am 20.03.2013 im Demenz-Tanzcafé in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) mit ihrem 69-jährigen Ehemann Peter Dunkelmann einen Tango. Angebote für Demenzkranke und ihre Angehörigen sind bislang dünn gesät.
Wie Kirchengemeinden «demenzsensibler» werden können

Nicht vergessen

Glaube - Jahre-, oft jahrzehntelang haben sie sich in ihrer Gemeinde engagiert, waren im Kirchenchor, haben den Adventsbasar organisiert oder für das Pfarrfest Kuchen gebacken. Bei einer einsetzenden Demenzerkrankung ziehen sich die einst so Aktiven oft zurück - dabei leben sie meist weiterhin in ihrem Zuhause, gleich nebenan. Doch wie sollen Gemeinden mit ihren dementen Pfarrangehörigen umgehen?

Bonn - 01.06.2013

Berührungsängste und Unwissenheit herrschen auf der einen, Scham und Resignation auf der anderen Seite. Die Kirchen überlegen in jüngster Zeit, neue Wege in der Gemeindeseelsorge zu beschreiten.

Seelsorgliche Angebote für demenzkranke Altenheimbewohner gibt es bereits viele, wie auch eine Experten-Tagung "Auf dem Weg zu einer demenzfreundlichen Kirchengemeinde" der Düsseldorfer Diakonie im Frühjahr zeigte. Trotz gestiegenen Bewusstseins für die Notwendigkeit, demente Menschen ins Gemeindeleben zu integrieren, gibt es bislang keine wirklich konkreten Beispiele gelungener Integration.

Aber die Sensibilität für das Thema steigt. Das beobachtet Christine Czeloth-Walter, Fachreferentin für Senioren in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Anders als noch vor fünf Jahren seien "die Räume jetzt voll", wenn sich Kirchengemeinden mit dem Thema Demenz in den eigenen Reihen beschäftigten. Das habe sich beim jüngsten, über drei Jahre angelegten Seelsorgeprojekt "Pastoral in der vierten Lebensphase" für Menschen im hohen Lebensalter gezeigt. Während dieses Projekts entstand auch eine DVD, die eine Hilfestellung zum Umgang mit dementen Gemeindemitgliedern gibt.

"Teil der Gemeinschaft bleiben"

Dabei werden demente Gemeindemitglieder oft gar nicht wahrgenommen. "Mancher Pfarrer sagt: Ich glaube, in meiner Gemeinde gibt es keine Menschen mit Demenz", berichtet etwa die Religions- und Gemeindepädagogin Antje Koehler. Sie steuert für das Demenz-Servicezentrum Region Köln, das vom katholischen Alexianerorden getragen wird, das Projekt "Dabei und mittendrin - Gaben und Aufgaben demenzsensibler Kirchengemeinden". Ziel des von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekts ist unter anderem, dass Betroffene am Gemeindeleben teilhaben und "Teil der Gemeinschaft bleiben" können, so Köhler. Sie sollen sich in ihrer vertrauten Kirche auch weiterhin wohlfühlen und sich "innerhalb des normalen Gemeindelebens gesehen und willkommen fühlen".

Das Projekt begleitet in den kommenden Monaten je eine katholische und evangelische Gemeinde in der Domstadt auf dem Weg, "demenzsensibler" zu werden. Die beiden Gemeinden - sie werden in den kommenden Wochen ausgewählt - werden dann innerhalb eines halben Jahres jeweils zwei besondere Messen anbieten. "Solche Gottesdienste - mit vielen Liedern und sinnlicher Gestaltung - tun auch den Orientierten und Fitten gut", bemerkt die Gemeindepädagogin.

Außerdem werden "Schlüsselpersonen" der Gemeinden und ehrenamtliche Besuchsdienstler im Umgang mit dementen Menschen geschult. Zunächst müssten oft «Ängste und Vorurteile, Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit abgebaut und überwunden werden», erläutert Koehler. Und ungewohnte Herausforderungen in den Blick genommen werden. "Wie etwa soll man einen Geburtstagsbesuch bei einem Menschen gestalten, der gar nicht weiß, dass er Geburtstag hat?", nennt die Kölnerin ein praktisches Beispiel. Am Ende der Projektphase im Sommer 2014 sollen alle Kirchengemeinden in Köln eine Broschüre als Handreichung bekommen.

Die Religionspädagogin gibt zu bedenken, dass es in einer Lebenssituation grundlegender Verunsicherung wie bei Demenz für die Betroffenen wichtig sei, "Geborgenheit, Zugehörigkeit, Zuspruch und Angenommensein von Gott und einer gottesdienstlichen Gemeinde zu erfahren". Dies sei "existenzieller Ausdruck" eines menschenfreundlichen Gottes und einer menschenfreundlichen Gemeinde.

"Weg von der Kopflastigkeit"

Auch auf evangelischer Seite wird in den letzten Jahren verstärkt überlegt, Gottesdienste so zu gestalten, dass sich demente Gemeindemitglieder willkommen fühlen. "Wir müssen weg von der Kopflastigkeit", findet etwa Pfarrer Heinz Frantzmann von der Diakonie Düsseldorf. Er plädiert wie Köhler für sinnlichere Gottesdienste, "weil sie allen guttun". Katholische Gemeinden mit ihren über die Sinne erfahrbaren Messen mit Musik und Weihrauch seien diesbezüglich auf einem "besseren Weg". Frantzmann plädiert dafür, nicht weitere spirituelle Angebote für "eine neue Zielgruppe" auszutüfteln - "lasst sie einfach dazugehören", so sein Fazit. Es gehe darum, gemeinsam Gottesdienst zu feiern, statt Erkrankte zu separieren und auszugrenzen.

Bei der Tagung in Düsseldorf wurden zahlreiche Ideen gesammelt: So könnten nachmittags generationenübergreifende "sinnliche" Gottesdienste mit Kindern und Demenzkranken gefeiert werden. Solche sinnlichen Angebote sollten nicht als Ausnahme, sondern als «neues Entwicklungsfeld» begriffen werden. Eine Anregung war auch, Demenzkranken bei einer Messe Rückzugsmöglichkeiten zu geben. Überhaupt müsse das Miteinander selbstverständlicher werden, demente Chormitglieder etwa könnten an die gemeinsame Probe erinnert werden. Auch geht es darum, demente Menschen bei Veranstaltungen "ohne Erwartungen" mit dabei sein zu lassen.

Wie etwa ein gelungener Gottesdienst aussehen kann, zeigte sich schon 2011 in der Lüneburger St. Nicolaikirche. Seit mehreren Jahren kooperiert die Gemeinde mit der Alzheimer Gesellschaft und einer Psychiatrischen Klinik. "Vergiss mein nicht" - so lautete der Titel des Gottesdienstes, den die Karl-Bernhard-Ritter-Stiftung mit dem evangelischen Gottesdienstpreis 2012 auszeichnet hat. Im Mittelpunkt der Feier stand das Symbol der Hand. Es wurde verknüpft mit einer eindrücklichen Botschaft: Auch diejenigen, die mit dem Vergessen kämpfen, sind in die Hand Gottes geschrieben - und darum nicht vergessen.