Bischof Gerber: Kirche ist längst nicht mehr nur die Ortsgemeinde
Der Fuldaer Oberhirte wird 50 Jahre alt

Bischof Gerber: Kirche ist längst nicht mehr nur die Ortsgemeinde

Katholiken leben Kirche schon lange nicht mehr nur in der Pfarrgemeinde, beobachtet der Fuldaer Oberhirte Michael Gerber. Deutschlands jüngster Diözesanbischof hat bei seinen Touren durchs Bistum eine große Vielfalt kennengelernt. Zu seinem 50. Geburtstag spricht er mit katholisch.de über die Zukunft der Kirche.

Von Christoph Paul Hartmann |  Fulda - 15.01.2020

Mit seinen nun 50 Jahren ist Michael Gerber der jüngste Diözesanbischof Deutschlands. Seit März 2019 steht der gebürtige Badener und vorherige Freiburger Weihbischof der Diözese Fulda vor. Zum Geburtstag sprach katholisch.de mit ihm über seine Erfahrungen im Bistum und den Glauben der Zukunft. 

Frage: Bischof Gerber, bei Ihrem Amtsantritt in Fulda haben Sie betont, dass Ihnen die Begegnung mit Menschen am Herzen liegt. Wie viele Menschen haben Sie bereits gesprochen?

Gerber: Unzählige. 29 von unseren 45 Pastoralverbünden habe ich besucht. Ich bin durchs ganze Bistum gereist und habe ganz unterschiedliche Menschen getroffen, von engagierten Ehrenamtlichen bis zu sehr distanzierten Christen, junge und alte Leute waren dabei. Das macht einen bedeutenden Teil meiner Arbeit als Bischof aus – das sieht man auch am Terminkalender.

Frage: In welcher Situation ist Ihr Bistum, welche Anliegen haben die Leute?

Gerber: Obwohl Fulda das kleinste westdeutsche Bistum ist, ist es sehr vielschichtig. Wir haben das traditionell stark katholisch geprägte Fuldaer Land, einen gemischtkonfessionellen Teil um Hanau und Gelnhausen und dann das Diasporagebiet nördlich von Fulda. Diese Regionen sind auch wirtschaftlich in sehr unterschiedlichen Situationen, das prägt dann auch die pastorale Realität, welche gesellschaftlichen Gruppen vor Ort sind und wie viele Ehrenamtlichen es gibt. Die Zukunft ihrer Region beschäftigt die Menschen. Auch mich bewegt die Frage, wie und in welcher Gestalt es in der Kirche weitergeht. Wie können Menschen, die in unserer pluralen, multioptionalen Gesellschaft aufwachsen, eine Beziehung zu Jesus Christus finden?

Frage: Wie kann in der Zukunft denn kirchliches Leben funktionieren?

Gerber: Ich merke, dass für junge Menschen, die sich kirchlich engagieren, die Ortsgemeinde in der Regel nie die einzige Größe ist. Daneben erleben sie anderswo Gemeinschaft, etwa bei diözesanen Treffen oder Verbänden. Das ist ein Hinweis, dass wir eine stärkere Vernetzung pastoraler Strukturen brauchen – also verschiedener Orte wie Hochschulgemeinden, karitativen Einrichtungen und Ortsgemeinden. Entscheidend ist für mich, dass wir exemplarisch Leuchtturmprojekte einrichten, wo man ein Gefühl für unterschiedliche Wege bekommt, den Glauben zu leben – und was für eine Form des Miteinanders notwendig ist. Das kann dann ein Vorbild sein, wie Projekte an anderer Stelle und unter anderen Gegebenheiten fruchtbar werden können. Erste Leuchtturmprojekte konnte ich im Bistum bereits entdecken.

Ich merke, dass für junge Menschen, die sich kirchlich engagieren, die Ortsgemeinde in der Regel nie die einzige Größe ist.

Zitat: Michael Gerber

Frage: Es geht also um überregionale Organisationsformen – wie auch Großpfarreien?

Gerber: Wir wollen hier in Fulda nicht so große Pfarreien schaffen wie in anderen Bistümern. Denn wir haben in manchen Diasporaregionen schon Pfarrgemeinden, die eine sehr große Ausdehnung haben – 20 Kilometer und mehr. Das lässt sich schon aus logistischen Gründen nicht beliebig vergrößern. Wir wollen die Pfarrei als Netzwerk begreifen und andere Größen ins Spiel bringen, wie etwa die City-Pastoral, die ein niederschwelliges Angebot für Passanten in der Einkaufsstraße ist. In Fulda gibt es sie schon, in Marburg bauen wir sie gerade auf, in Hanau und Kassel gibt es zumindest erste Ansätze. Die Frage nach den richtigen Formaten für bestimmte Zielgruppen wird uns da auch noch beschäftigen.

Frage: Wie kann eine geistliche Erneuerung aussehen?

Gerber: Die Frage ist für mich zentral, wie wir dafür sorgen können, dass die verantwortlichen Gruppen und Gremien geistlich miteinander unterwegs sind. Geistlich meint da, dass die Sinne geschärft werden: Wo öffnen sich Türen, welche Botschaft haben die Menschen für uns, wo stecken Chancen drin und wo möchte Gott uns hinführen? Meine jüngste Veröffentlichung "Pastoral am Puls" – zusammen mit weiteren Herausgebern – beschreibt so einen Weg, der die letzten 15 Jahre entwickelt wurde. Das wird auch abgefragt. Wir arbeiten ganz konkret mit Gemeindeteams zusammen und helfen ihnen dabei, Wege zu entwickeln.

Frage: Sie haben enge Bindungen zur Schönstatt-Bewegung und sind Mitglied des Schönstatt-Instituts Diözesanpriester. Können Sie Anregungen von dort ins Bistum einbringen?

Gerber: "Pastoral am Puls" ist in der Schönstattbewegung entwickelt worden und findet seit einiger Zeit Resonanz deutlich über die Schönstattbewegung hinaus. Mir ist der Dialog mit Menschen wichtig, die geistlich anders beheimatet sind. Unterschiedliche Bewegungen und geistliche Einflüsse wie etwa Taizé können eine Inspiration sein. Wesentlich ist für mich der Impuls, dass Gott der Gott der Geschichte wie der Gegenwart ist, dass er uns also durch das Wort und das Leben im Alltag etwas sagen möchte. Wir müssen da aufmerksam sein.

Wir müssen zunächst einmal innerhalb der Kirche zu einer Form der Kommunikation finden, in der sich Menschen mit unterschiedlichen Positionen begegnen können. Gelingt uns das, kann es in die Gesellschaft ausstrahlen.

Zitat: Michael Gerber

Frage: Können Sie die Erkenntnisse aus dem Bistum auch auf anderer Ebene einbringen, etwa beim Synodalen Weg?

Gerber: Es geht um die Frage, wie wir beim Synodalen Weg miteinander ins Gespräch kommen, etwa zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen. Gelingt uns eine Gesprächskultur, wo wir ernsthaft nach der Geschichte hinter einzelnen Positionen fragen? Welche Sehnsucht und welche Erfahrungen stecken dahinter? Das kann ein erster Ansatz zur Verständigung bei der Ausrichtung auf eine gemeinsame Vision sein.

Frage: Nicht zuletzt der Mord an Walter Lübke hat tiefe Risse in der Gesellschaft gezeigt. Was kann die Kirche da tun?

Gerber: Wir müssen zunächst einmal innerhalb der Kirche zu einer Form der Kommunikation finden, in der sich Menschen mit unterschiedlichen Positionen begegnen können. Gelingt uns das, kann es in die Gesellschaft ausstrahlen. Die digitale Kommunikation birgt viele Chancen, aber auch Gefahren. Es braucht da – wie eben bemerkt – eine neue Form des Dialogs. Zudem schauen wir als Kirche auf die benachteiligten Menschen und wollen sie in das gesellschaftliche Leben einbeziehen. Wir müssen als Kirche Erfahrungsräume schaffen, dass sich Menschen für das Gemeinwohl und ihre Mitmenschen engagieren. Durch diese Schlüsselerfahrungen müssen sie spüren, dass sie als Persönlichkeiten wachsen. Das sorgt dafür, dass Menschen nicht nur um die Werte des Grundgesetzes wissen, sondern diese auch verinnerlicht haben. Davon lebt unser Land und das ist auch in der Verantwortung der Kirche.

Frage: Ihnen war auch immer der persönliche Glaube wichtig. Immerhin sind Sie vor Ihrer Amtseinführung ganz bewusst nach Fulda gepilgert. Bleibt dafür in einem stressigen Alltag noch Zeit?

Gerber: Das ist mir ganz wichtig, etwa die persönlichen Gebetszeiten. Für mich ist eine Bereicherung, dass ich nicht alleine im Bischofshaus lebe, sondern ein pensionierter Mitbruder meiner Priestergemeinschaft mit eingezogen ist. Wir stehen etwa über Glaubensfragen viel im Austausch, essen und beten zusammen. Außerdem bin ich etwa in eine Priestergruppe eingebunden, wo ich mich auch tiefer über den Glauben austauschen kann. Dadurch mache ich immer wieder neue Erfahrungen.

Von Christoph Paul Hartmann