Der Dom St. Salvator und die Michaelskirche in Fulda.
Serie: Unsere Bistümer

Bistum Fulda: Mehr als Bonifatius und Bischofskonferenz

Bonifatius – Mönch, Missionar und... Bistumsgründer? Auch wenn es naheliegend klingt, der Apostel der Deutschen hat das Bistum Fulda nicht errichtet. Das entstand erst 1.000 Jahre nach seinem Tod. Und sah sich schon kurz darauf mit großen Veränderungen konfrontiert.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn - 21.09.2019

Er war vielleicht kein großer Theologe, doch ein begnadeter Organisator war der angelsächsische Wandermönch in jedem Fall. Immer in Rücksprache mit Rom erneuerte Bonifatius die Bistumsstrukturen in Bayern, gründete im mitteldeutschen Raum Diözesen und festigte die christliche Kultur im östlichen Frankenreich durch die Errichtung von Klöstern. Und sein Name ist untrennbar verknüpft mit dem Ort an den Ufern der Fulda, wo sein Schüler Sturmius ein Kloster gründete. "Viele sagen, die Geschichte Fuldas ist die Geschichte der Reichsabtei", sagt Domdechant Werner Kathrein. Damit sei die religiöse und kulturelle Blüte des Klosters in karolingischer und ottonischer Zeit gemeint. Doch für den Kirchenhistoriker Kathrein gibt es noch eine zweite Blütezeit, und zwar im 18. Jahrhundert. In diese Zeit fällt der Bau des heutigen Barockdoms, die Gründung der Universität – und auch die Erhebung der Abtei zum Bistum.

1754 feierte die Fürstabtei Fulda das große Bonifatiusjubiläum, denn seit 1000 Jahren ruhten die Gebeine des Heiligen in der Stiftskirche. Doch Amand von Buseck stand den Feierlichkeiten nicht nur als Abt vor, sondern auch als Bischof. Denn zwei Jahre zuvor hatte ihn der Papst zum Fuldaer Oberhirten ernannt.  Durch die neuen Würden änderte sich… nichts. "Die Abtei blieb die Abtei. Sie wurde nur mit der zusätzlichen Würde eines Bistums ausgestattet. Es fand keine Umwandlung statt, die benediktinische Verfassung blieb erhalten", betont Kathrein. "Das Bistum war in rechtlicher, personeller und materieller Hinsicht vollkommen abhängig von der Abtei". Das war notwendig, um die wichtige Stellung des Klosters im Reich zu erhalten.

Die Quasi-Bischöfe von Fulda

Doch warum hatten sich die Äbte dann seit dem 16. Jahrhundert um den Bischofshut bemüht? Nun, durch ausgedehnte Schenkungen war die Abtei seit dem Mittelalter Trägerin eines Hochstifts. "Über dieses Gebiet hatten der Abt und das Stiftskapitel absolute fürstliche Gewalt. Doch die dazugehörigen 60 Pfarreien unterstanden der Jurisdiktion der Bischöfe von Mainz und von Würzburg." Die Äbte konnten also in ihrem eigenen Territorium keine Weihen vornehmen. Selbst die Stadtpfarrei von Fulda war von Würzburg abhängig.

Nach dem Konzil von Trient versuchten die Äbte den Einfluss der beiden Bistümer mithilfe von päpstlichen Vollmachten Schritt für Schritt zu verdrängen. "Sie gerierten sich als Quasi-Bischöfe", sagt Kathrein. So erreichte der Fürstabt bei der Weihe des Domes 1712 das päpstliche Privileg, "diese Weihe nicht von einem Bischof vornehmen lassen zu müssen, sondern sie in eigener Person zu vollziehen". Fürstabt Adolf von Dalberg nahm dann eine wichtige Etappe auf dem Weg zum Bistum: Rom gestattete ihm, einen eigenen Weihbischof aus den Reihen der Stiftsmitglieder zu wählen. Dessen Nachfolger, Amand von Buseck, wurde nach Dalbergs Tod zum Abt gewählt und vereinigte so erstmals Abts- und Bischofsgewalt in einer Person. Bis zur formellen Erhebung zum Bischof durch Rom war es dann nur noch ein kleiner Schritt.

bonifatius

Das Denkmal des heiligen Bonifatius auf dem Bonifatiusplatz vor dem Stadtschloss in Fulda.

Auch wenn die bischöfliche Würde nur als Zusatz zur fürstabtlichen Würde gesehen wurde, spielte sie 50 Jahre später eine wichtige Rolle. Mit der Säkularisation durch Preußen wurde die Abtei aufgelöst und ihr Besitz weltlichen Staaten zugeschlagen. Hätte man sich zuvor nicht um die bischöfliche Würde bemüht, wäre das geistliche Territorium spätestens jetzt Mainz und Würzburg zugeschlagen worden. Doch als eigenes Bistum konnte es bestehen bleiben.

Heute ist Fulda jeden Herbst Thema in der katholischen Welt, wenn dort die Deutsche Bischofskonferenz zu ihrer Vollversammlung zusammenkommt. Diese Treffen gehen auf das 19. Jahrhundert zurück, als sich die deutschen Hirten nach einigen Zusammenkünften in Würzburg für Fulda als Versammlungsort entschieden. Warum Fulda und nicht Köln oder Berlin? In dieser Zeit erlebte die Verehrung des Bonifatius eine Renaissance. Im Kontext des Bonifatiusjubiläums 1854/55 formierte sich eine Sammlungsbewegung verschiedener katholischer Kräfte hinter der Gestalt des Heiligen. "Als Apostel der Deutschen hatte er durchaus eine nationale Einfärbung, aber gleichzeitig auch eine ultramontane Ausrichtung. So stellte er – sowohl für die Bischöfe als auch für politische katholische Kräfte – eine ideale Identifikationsfigur dar", sagt Kathrein. Durch die Bonifatiusrenaissance rückte auch Fulda wieder mehr in den Blickpunkt der katholischen Welt. Deshalb hätten sich die Bischöfe für die Stadt als ihren Versammlungsort entschieden, sagt Kathrein. Und "bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hieß es in den offiziellen Verlautbarungen der Bischofskonferenz: 'Die am Grabe des heiligen Bonifatius versammelten deutschen Bischöfe'."

Diaspora und katholisches Kernland – in einem Bistum

Der Missionsbischof blieb hier Symbolfigur, auch in den Auseinandersetzungen zwischen Kirche und preußischem Staat. Von den protestantischen Herrschern sei die überwiegend katholische Bevölkerung des ehemaligen Hochstifts Fulda "etwas stiefmütterlich behandelt" worden, sagt Domdechant Kathrein. "Deshalb hat es hier in Fulda ein starkes zusammengehen zwischen bürgerlicher Gesellschaft und der Kirche gegeben." So gehe beispielsweise das Bonifatiusdenkmal direkt gegenüber dem Stadtschloss auf bürgerliche Initiative zurück und sei auch von der Bürgerschaft finanziert worden. "Man spricht vom 'Fuldaer Milieu', einer ausgeprägt katholischen Bevölkerungsschicht, die sehr dominant mit der Zentrumpartei verbunden war."

Das stand im Kontrast zu den Diasporagebieten im Norden und Süden des Bistums, in denen sich die Bevölkerung aufgrund der Industrialisierung veränderte. Fulda war also zwei Dinge gleichzeitig, einmal ein ausgeprägtes Diasporabistum und einmal ein Bistum mit einem starken, traditionsbewussten Kern um das ehemalige Hochstift herum. Das Gebiet des Bistums veränderte sich in dieser Zeit einige Male. 1866 bekam es seine an Bayern und das Bistum Würzburg verlorenen Gebiete zurück – weil Bayern im Deutsch-Deutschen Krieg auf der "falschen" Seite gestanden hatte. Die nächste große Veränderung stand 1929 an: "Mit der Errichtung der neuen Mitteldeutschen Kirchenprovinz erhielt Fulda einen beachtlichen Teil von ehemals paderbornischem Gebiet, das sogenannte Eichsfeld."

Bild: © katholisch.de

Die deutschen Bischöfe beim Eröffnungsgottesdienst ihrer traditionellen Herbstvollversammlung im Fuldaer Dom.

Nach dem zweiten Weltkrieg lag dieser Teil plötzlich hinter dem Eisernen Vorhang. Ein Generalvikar wurde mit der Verwaltung der Ostgebiete der Bistümer Fulda und Würzburg beauftragt. 1994 sollte daraus das Bistum Erfurt werden. Nur ein Dekanat wollte Fulda nicht abgeben. Die Pfarreien von Geisa gehen auf Gründungen von Missionaren aus Fulda aus dem 8. Jahrhundert zurück. Jahrhundertealte Bande binden diese Kirchen an die ehemalige Abtei. Bis heute ist Geisa eine von zwei mehrheitlich katholisch geprägten Regionen im sonst eher protestantischen Thüringen.

Der Wandermönch als Europäer

Im Krieg wurden auch über Fulda Bomben abgeworfen, "der Dom wurde getroffen. Aber es war keine so schwere Zerstörung wie an anderen Orten." Man habe zwar alle Fenster der Kathedrale erneuern müssen, aber Bischof Johannes Dietz (der im Krieg Verbindungen zur Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis unterhalten hatte) konnte schon 1954 im größtenteils wiederhergestellten Dom das 1200-jährige Bonifatiusjubiläum feiern. War das Gedenken an den Heiligen hundert Jahre zuvor deutlich nationalistischer ausgefallen, geriet es jetzt zu einem Fest europäischer Verständigung:  "300.000 Leute kamen und Bundeskanzler Konrad Adenauer hielt eine Rede", erzählt Kathrein. Erstmals hätte ein größeres Treffen von Bischöfen aus verschiedenen Ländern Europas stattgefunden. Der Wandermönch und Missionar wurde als eine große europäische Gestalt, das Christentum als Verbindung der europäischen Völker gesehen.

Wie in den anderen deutschen Diözesen, muss auch Fulda heute auf Priestermangel und sinkende Gläubigenzahlen reagieren. Dafür rief Bischof Heinz-Josef Algermissen kurz nach seinem Amtsantritt 2002 den "Pastoralen Prozess" ins Leben. Nach einigen Umstrukturierungen gliedert sich das Bistum heute in zehn Dekanate und 43 Pastoralverbünde. Der 2019 in sein Amt eingeführte Michael Gerber wird die von seinem Vorgänger begonnene Umsetzung der "Strategischen Ziele zur Neuausrichtung der Seelsorge" bis zu deren geplantem Ende 2030 fortführen. "Wir wollen größere Verbünde mit Netzwerk-Strukturen schaffen", sagte Gerber der Fuldaer Zeitung. Das bedeute, dass man an gewohnten Orten zwaer weniger kirchliche Angebote bieten werde. Aber "Netzwerk meint: Nicht an jedem Ort muss alles sein, die Orte verweisen aufeinander." Mit dem kirchlichen Organisationstalent Bonifatius hat das Bistum für die Herausforderungen, die das mit sich bringt, jedenfalls den passenden Patron.

Von Cornelius Stiegemann