Darstellung des Herrn
Pastor Christian Olding über das Sonntagsevangelium

Weil das Leben mehr ist als harte Fakten

"An einen Gott glauben, heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt nicht abgetan ist", so Ludwig Wittgenstein. In seinem Impuls zum Sonntagsevangelium analysiert Pastor Christian Olding, was das konkret für den Glauben bedeutet.

Von Christian Olding |  Geldern - 01.02.2020

Impuls von Pastor Christian Olding

Ludwig Wittgenstein sagt: "An einen Gott glauben, heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt nicht abgetan ist." Es gehört zum Wesen des Glaubens, sich zu weigern, dass die Realität ausschließlich am Augenschein zu messen ist. Tatsachen sind eben nicht gleich Tatsachen. Sie leben von der Bedeutung, die wir ihnen zumessen. Wer keine utopischen Wünsche hegt, keine Träume vom Leben mehr hat und kein Gespür dafür, dass wir dieses Leben nicht allein auf die Kette bekommen, für den ist der Glaube nicht wirklich nachvollziehbar.

Die Grundform christlichen Glaubens lautet nicht: Ich glaube etwas, sondern ich glaube dir. Wir glauben an das Handeln Gottes und nicht an Informationen über ihn. Es geht um eine Wirklichkeit, die sich nur im Fallenlassen und vertrauensvollen Handeln erschließen und erfahren lässt. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten: ich glaube. Ich, mit meinen Lebenserfahrungen und meiner Geschichte. Ich glaube heißt: Ich glaube mit meinen Hoffnungen und Ängsten, mit meinen Stärken und Schwächen. Ich glaube, das heißt weiter: Niemand anderer als ich kann für mich glauben. Ich verantworte meinen Glauben. Daher gibt es so viele Weisen des Glaubens, wie es Menschen gibt. Und zwei beeindruckende Gläubige werden uns heute vorgestellt.

Da ist Simeon. Sein Name bedeutet "Hörender". Bis ins Greisenalter hat er an den Verheißungen Gottes immer neu festgehalten und ihnen vertraut. Hanna, die langjährige Witwe, deren Name "Gott ist gnädig" bedeutet. In diesem Glauben und Vertrauen hat sie ihr Lebensschicksal angenommen und ist nicht daran zugrunde gegangen. Aus ihrer Beziehung zu Gott schöpft sie Kraft, bewertet und gestaltet ihr hartes Leben dennoch positiv.

Simeon und Hanna sind ihr Leben lang nicht allein bei den harten Fakten des Alltags stehen geblieben. Sie sind trotz ihres Alters, belehrt durch manche Umwege, durch Erfahrungswiderstände Hoffende geblieben. Wer in seinem Leben ernsthaft sucht, der muss durch viele Enttäuschungen hindurch schreiten zu Wachstum und Reife. Das gilt auch für den christlichen Glauben. Ohne Zweifel kommt der Glaube nicht zu seiner Sicherheit. Ein Glaube ohne Zweifel und ohne kritisches Denken könnte zum Fanatismus führen, zum naiven Hochmut eines Fundamentalisten. Andererseits könnte ein Zweifler, ohne irgendeinen Glauben zu haben, allerdings in Zynismus und bittere Hoffnungslosigkeit stürzen. Hanna und Simeon haben festgehalten und durchgehalten und der Weg hat sich gelohnt. Sie wurden nicht enttäuscht in ihrer Hoffnung und ihrem Aufbegehren gegen die harten Realitäten.

Von Christian Olding

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 2,22-40)

Als sich für die Eltern Jesu die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung erfüllt hatten, brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn darzustellen, wie im Gesetz des Herrn geschrieben ist: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn heilig genannt werden. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann namens Símeon. Dieser Mann war gerecht und fromm und wartete auf den Trost Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe. Er wurde vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Símeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Símeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, – und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.

Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Pénuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.

Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Der Autor

Christian Olding ist Pastor in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.

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