Gordon Sobbeck im Portrait
Gordon Sobbeck über die Zukunft der Kirchenfinanzen

Kölner Finanzdirektor: Bistümer müssen sich finanziell kleiner setzen

Während des Finanzskandals um Bischof Tebartz-van Elst war Gordon Sobbeck im Bistum Limburg beschäftigt. Heute ist er Finanzdirektor des Erzbistums Köln. Im Interview erinnert er sich an die aufregende Zeit vor sieben Jahren und entwirft die Vision einer "guten Unternehmensführung" für die Bistümer.

Von Gabriele Höfling |  Köln - 03.04.2020

Große Diözesen wie das Erzbistum Köln haben den Ruf, sehr reich zu sein. Doch Gordon Sobbeck, der Kölner Finanzdirektor hält mit einer einfachen Rechnung dagegen: Den hohen Einnahmen stünden fast genauso hohe Ausgaben gegenüber. Im Interview erklärt er auch, wie sich die Arbeit in Köln von der im kleineren, aber skandalgeschüttelten Bistum Limburg unterscheidet und was die Diözesen künftig noch an ihrer Unternehmensstruktur verbessern wollen. 

Frage: Herr Sobbeck, was sagen Sie Menschen, die kritisieren, dass Bistümer wie Köln zu viel Geld haben?

Sobbeck: Geld und Vermögen müssen immer in Relation zu den Aufgaben und den Verpflichtungen bewertet werden. Bei dieser Sichtweise relativiert sich vieles. Die Bistümer engagieren sich in der Seelsorge, für benachteiligte Menschen, in Bildung und Kultur. All das kostet Geld. Hohe Ausgabeposten verbergen sich auch in der Altersvorsorge für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie den Unterhalt der Gebäude, beispielsweise historische Kirchen in der Kölner Innenstadt.

Frage: Was gibt das Erzbistum konkret in welchen Bereichen aus?

Sobbeck: Etwa die Hälfte der Kirchensteuer als unserer Haupteinnahmequelle fließt in die Seelsorge. Konkret sind das 237 Millionen Euro für die Seelsorge in den einzelnen Gemeinden und 52 Millionen Euro für die zielgruppenbezogene Seelsorge, zum Beispiel für Jugendliche oder Behinderte. Für über 100 Einrichtungen der Caritas finanziert das Erzbistum mit gesamt 58 Millionen Euro Teile der Betriebs- und Sachkosten. Im Bereich Bildung werden rund 550 Kitas  mit 51 Millionen Euro jährlich unterstützt. Gebäude und Verwaltung erfordern rund 65 Millionen Euro, 44 Millionen gehen in Mission und Entwicklungshilfe. Insgesamt stehen in diesem Jahr unseren erwarteten Einnahmen von rund 924 Millionen Euro 914 Millionen Euro an Ausgaben gegenüber. Sie sehen, wie nah diese Zahlen aneinander liegen.    

Bischof schaut am Altar nach unten und zieht seine Bischofsmütze.
Bild: © KNA

Am 26. März 2014 hat Papst Franziskus den Rücktritt von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst angenommen.

Frage: Vor Köln haben sie als Finanzdirektor im Bistum Limburg gearbeitet und den Finanzskandal um das Bischofshaus unmittelbar mitbekommen. Wie war das damals?

Sobbeck: Das war eine herausfordernde und aufregende Zeit. Ich kam Mitte 2012 in das Bistum. Kurze Zeit später gab es bereits die mediale Eskalation. Nach dem Rücktritt von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst als Limburger Bischof hat die neue Bistumsleitung aber schnell entschieden, grundsätzliche Schlüsse aus dem Skandal zu ziehen. Das war der Punkt, an dem ich gemerkt hab: Ja, hier will man wirklich etwas verändern. Im Folgenden wurden sehr konsequente Schritte im Bereich der Vermögensverwaltung vollzogen.

Frage: Was hat sich konkret geändert?

Sobbeck: Die Kurzzusammenfassung war: mehr Transparenz, mehr externe Kontrolle und Aufsicht sowie eine personelle Entflechtung. Aufsicht und Kontrolle über Rechtsgeschäfte wurde einem extern besetzten Gremium zugeordnet, dem sogenannten Diözesanvermögensverwaltungsrat. Die bistumsinterne Kontrolle wurde in diesen Bereichen abgeschafft. Dieses Gremium besteht aus unabhängigen Fachleuten, die größere Vorhaben, zum Beispiel im Bereich von Baumaßnahmen, freigeben müssen. Andere Bistümer haben sich in den Folgejahren bei den eigenen Reformen an diesem Limburger Modell orientiert.

Frage: Wie unterscheidet sich ihre Arbeit in Köln von der in Limburg?

Sobbeck: Das Finanz- und Vermögensvolumen des Erzbistums ist etwa dreimal bis viermal so groß wie in Limburg. Allein das macht schon einen Unterschied.

Frage: Gab es nach Limburg in den Bistümern auch interne Widerstände gegen die Bemühungen um mehr Transparenz?

Sobbeck: Ja, in erster Linie aufgrund einer Sorge, was daraus folgt. Diese Sorge war unbegründet. Meine Erfahrung ist: Nichts ist nach außen so langweilig, wie eine dauerhafte und ernst gemeinte Transparenz. Damit verliert das Thema für die Öffentlichkeit an Reiz. Transparenz schafft Vertrauen in der Öffentlichkeit. Aber, das darf man nicht unterschätzen, sie trägt auch zur Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Standards in den Bistümern bei. Da gab es Nachholbedarf.

Frage: Sollten die Bistümer bei den Finanzen in Zukunft noch stärker zusammenarbeiten? Wenn ja, in welchen Bereichen?

Sobbeck: Die Bistümer stimmen sich schon jetzt regelmäßig ab. Aber mit künftig real sinkenden Kirchensteuereinnahmen wird das noch wichtiger. Nicht jede Aufgabe muss in 27 (Erz-)Bistümern bewältigt werden. Die Bistümer werden sich in manchen Aufgaben kleiner setzen oder sie gänzlich in Frage stellen müssen, um in anderen Bereichen Akzente setzen zu können. Gute Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt es im Bereich der Verwaltung oder zum Beispiel bei IT-Dienstleistungen, Rechenzentren, Datenschutz, aber auch in der inhaltlichen Arbeit bei den Siedlungswerken im Hochschulbereich oder in der Entwicklungshilfe.

Linktipp: Debatte um Kirchenfinanzen

Spätestens seit dem Skandal um den Bau am Limburger Domberg sind Kirchenfinanzen ein häufiges Thema. Mit einer Transparenzoffensive haben die Bistümer auf die Kritik reagiert. Lesen Sie hier die wichtigsten Informationen zur Debatte.

Frage: Sind die Bistümer mit ihrer Transparenzoffensive schon am Ziel?

Sobbeck: Die Transparenzoffensive hatte bislang einen Fokus auf der Offenlegung der Zahlen. Wir wollen in den Bistümern hier nicht stehen bleiben und auch in Strukturen und Prozessen qualitativ weiter entwickeln und an außerkirchlichen Standards orientieren. Das Stichwort heißt "Good Governance", gute Unternehmensführung. In einer überdiözesanen Arbeitsgruppe haben wir dazu eine Art Knigge für eine gute kirchliche Unternehmensführung entworfen. Das ist ein Werkzeugkasten oder Handlungsrahmen, an dem sich die Bistümer orientieren können, sozusagen ein Mindeststandard: Wie laufen die Entscheidungsprozesse ab, wie gut und effektiv wird kommuniziert, können finanzielle Risiken schon im Vorhinein erkannt werden?

Frage: Was bedeutet das konkret?

Sobbeck: Wesentliche Einnahmen, wie die Kirchensteuer, lassen sich mit bestimmten Frühwarnindikatoren analysieren. Geeignete Indikatoren sind zum Beispiel das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, die Lohnentwicklung, Arbeitslosenquoten, Kirchenaustritte oder die Taufquote. Um vorrausschauend zu agieren haben wir bereits vor Jahren Studien in Auftrag gegeben, die prognostizieren, wie sich künftig die Zahl der Kirchenmitglieder entwickeln könnte. Die jüngsten Szenarien gehen von einer Halbierung der  Kirchenmitglieder bis 2060 aus. Das ist zwar schmerzlich, aber andererseits können wir mit diesem Wissen langfristig planen und agieren.

Frage: Wann werden die Standards der Unternehmensführung, die Sie erarbeitet haben, eingeführt?

Sobbeck: Die durch die Arbeitsgruppe erarbeiteten Standards werden in diesen Monaten beraten und weiterentwickelt. In einem zweiten Schritt soll daraus auch eine Governance-Richtlinie entwickelt werden, die dann in den Bistümern umgesetzt werden soll. Ich wünsche mir, dass wir in diesem Jahr auch an die Umsetzung kommen, um die Standards im Bereich der Verwaltung qualitativ zu verbessern. Ich möchte, dass wir uns als Kirche auch im Vergleich zur öffentlichen Verwaltung und zu den Unternehmen dann nicht verstecken müssen.

Von Gabriele Höfling