Limburger Dom über grünen Baumwipfeln und unter blauem Himmel
Serie: Unsere Bistümer

Bistum Limburg: Progressiver Aufbruch und die große Krise

Viele verbinden die Limburger Diözese vor allem mit dem "Protz-Bischof" Franz-Peter Tebartz-van Elst. Doch das Bistum in Hessen und Rheinland-Pfalz hat schon entscheidende Impulse in Politik und Kirche gesetzt – und damit einige moderne Ideen vorweggenommen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Limburg - 26.10.2019

Am Anfang stand das Nichts: Zuerst die Französische Revolution, dann die napoelonischen Kriege und zuletzt auch noch die Landesfürsten, die sich durch den "Reichsdeputationshauptschluss" ehemaliges Kircheneigentum einverleibten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Struktur der Kirche in Deutschland vollständig zusammengebrochen. Nach dem Wiener Kongress 1814/1815 entstanden dann neue Staaten, die sich wieder kirchliche Hierarchien aufbauten. Darunter auch das Herzogtum Nassau. So schlug die Geburtsstunde des Bistums Limburg, zu dem neben Nassau auch die Stadt Frankfurt gehörte, die bis 1866 ein eigenständiger Stadtstaat und deutsche Hauptstadt war.

Doch warum gerade Limburg, eine ländlich gelegene Kleinstadt? Das hatte historische Gründe. Denn wie andere Diözesen war auch die Verwaltung des alten Erzbistums Trier zerschlagen worden und geflohen. Nur an einem Ort des alten Erzstiftes war noch ein Rest Bistumsadministration übrig geblieben – in Limburg. "Eigentlich sind es also wir, die die Kontinuität des alten Erzbistums weiterführen", sagt Matthias Kloft nicht ohne ein Schmunzeln. Der Theologe leitet das Limburger Diözesanmuseum und weiß viel über das disperse Gebiet, das damals zu einer Diözese wurde.

Denn bis ins 20. Jahrhundert gab es dort ein paritätisches Verhältnis zwischen Lutheranern, Reformierten und Katholiken – wobei die beiden protestantischen Konfessionen sich 1817 aus Anlass des 300-jährigen Reformationsjubiläums vereinigten. Doch auch viele Katholiken hatten eine protestantische Vergangenheit: Denn die katholischen Gebiete des Herzogtums waren erst im Zuge der Gegenreformation wieder katholisch geworden – "vor 1600 war die Gegend noch deutlich protestantischer", so Kloft.

Neue Kirche, alter Staat

Zu dieser konfessionellen Durchmischung kam ein neuer Kirchengeist, der auf ein altes Staatsverständnis traf: Denn die Staatsgründer des Wiener Kongresses verstanden sich als absolute Herrscher mit dem evangelischen Bischof als oberstem Beamten für die Protestanten und dem katholischen Bischof als erstem Staatsbediensteten für die Katholiken – und rechneten mit ihrem Gehorsam. Doch das ließ die katholische Kirche nicht mehr mit sich machen. Die Oberhirten der Zeit wollten sich nicht von einem – in diesem Falle auch noch evangelischen – Staatsoberhaupt bevormunden lassen, sondern schauten für geistliche Führung lieber nach Rom. Die "Ultramontanen" waren dem Fürsten deshalb ein Dorn im Auge und es kam zu zahlreichen Konflikten.

Die Paulskirche in Frankfurt beherbergte unter anderem das nach ihr benannte Paulskirchenparlement 1848/49.

Bei der Entdeckung dieses katholischen Selbstbewusstseins war das Bistum Limburg ganz vorne mit dabei: Bereits 1837 sorgte der Camberger Jurist Moritz Lieber mit anonym verfassten Schriften für Aufruhr, in denen er gegen das staatliche Kirchendiktat wetterte. Durch ihn wurde der Glaube politisch: Sein Sohn Ernst sollte später der zweite Vorsitzende der Zentrumspartei werden. Der politische Katholizismus prägte auch die 1848er-Revolution: In der Frankfurter Paulskirche wurde über die Selbstständigkeit der Kirche diskutiert. Erst nach und nach sprang dieser Geist auch auf den Klerus über.

Frankfurt als progressives "Glutnest"

Ein besonders heißes "Glutnest" für die bürgerliche katholische Bewegung war immer Frankfurt. Schon 1817 hatte die evangelisch geprägte Stadt einen katholischen Bürgermeister – anderswo undenkbar. Außerdem lag das Kirchenvermögen der Stadtpfarrei in den Händen des Kirchenvorstands – der Pfarrer hatte nichts zu melden. Hier entwickelte sich die katholische Selbstverwaltung deshalb besonders schnell. Deutlich wurde das etwa in der "Rhein-Mainischen Volkszeitung", die 1923 erstmals erschien. Die von Intellektuellen gegründete Zeitung hatte im Gegensatz zu anderen katholischen Publikationen ein dezidiert linksliberales Profil – und wurde damit weit über die Diözesangrenzen bedeutsam.

Anteil an dieser Entwicklung hatte auch die Gründung der Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in der Stadt drei Jahre später. Mit der ersten akademischen Institution im Bistum kam ein neuer Geist: Priester konnten nun erstmals direkt in ihrem Bistum ausgebildet werden. Die Hochschule zog außerdem Gelehrte überregionaler Bedeutung an: Oswald von Nell-Breuning entwickelte hier die katholische Soziallehre mit, war ein führender Kopf hinter der berühmten Sozialenzyklika "Quadragesimo anno" von Papst Pius XI. im Jahr 1931 und engagierte sich für die Gründung von Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg.

Doch der soziale Gedanke kam auch aus einer anderen Ecke: Im Laufe des 19. Jahrhunderts gründeten sich viele Ordensgemeinschaften, die das Bistum Limburg bis heute prägen. Unter den Gründerpersönlichkeiten war auch ein einfaches Bauernmädchen namens Katharina Kasper. Sie wollte mit ihrer Kongregation nicht außerhalb der Welt, sondern inmitten der Menschen leben. Bis heute engagieren sich die Dernbacher Schwestern in den Bereichen Krankenpflege, Erziehung und Bildung. Vergangenes Jahr wurde Kasper heiliggesprochen. In diesem Zusammenhang wurde allerdings auch auf zahlreiche Missbrauchsfälle in Ordenseinrichtungen hingewiesen.

Streit um Mitbestimmung

Die vielen neuen Impulse und Ideen aus dem Bistum Limburg prägten das 20. Jahrhundert. Moderne Kirchen mit freistehenden Altären wurden hier gebaut, die liturgische Bewegung fasste schnell Fuß. Anteil daran hatte auch Bischof Wilhelm Kempf. Eigentlich ein Konservativer, wandelte er sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dessen Subsekretär er war. Mit ihm kamen die Konzilsideen nach Limburg und den Gläubigen wurden weitreichende Mitbestimmungsmöglichkeiten gegeben.

Wilhelm Kempf, Bischof von Limburg, Michael Keller, Bischof von Münster und Carl Joseph Leiprecht, Bischof der Diözese Rottenburg (v.l.n.r.)
Bild: © Dux/KNA

Wilhelm Kempf, Bischof von Limburg, Michael Keller, Bischof von Münster und Carl Joseph Leiprecht, Bischof der Diözese Rottenburg (v.l.n.r.) während der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im August 1951 in Fulda.

Diese weitreichende Liberalität und Synodalität kam nicht bei jedem gut an: Der Nuntius in Deutschland, Corrado Bafile, warf dem Bischof vor, in seiner Diözese seien bei einem Jugendgottesdienst Cola und Würstchen konsekriert worden. Dem war nicht so. Allerdings hatten Jugendliche nach einer Messe die anschließende Feier einfach auch in die Kirche verlagert. Was heute kein Problem mehr ist, sorgte 1969 bei Konservativen für Schnappatmung – das Wort "Sakrileg" stand im Raum. Bafile wollte Kempf absetzen und die Mitbestimmungsrechte der Gläubigen beschneiden. Doch die "Bafile-Affäre" kam an die Öffentlichkeit, die dem Bischof den Rücken stärkte. Kempf blieb im Amt. Seitdem war das Bistum immer wieder mit progressiven Initiativen in den Medien. So stellte sich Kempfs Nachfolger Franz Kamphaus 1999 gegen Papst Johannes Paul II., als der den Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung forderte. Zunächst gab es eine Sonderregelung für Limburg und die Beratungsscheine für straffreie Abtreibungen durften weiter ausgestellt werden. Am Ende sprach der Pontifex aber ein Machtwort.

Große Wunden durch Tebartz-van Elst

Der größte Einschnitt der vergangenen Jahrzehnte war jedoch sicherlich die Affäre um Franz-Peter Tebartz-van Elst. Der vormalige Münsteraner Weihbischof und Passauer Professor für Pastoraltheologie wurde 2008 in sein Amt als Limburger Bischof eingeführt. Die ausufernden Kosten des – bereits vor seiner Amtszeit geplanten – neuen Bischofshauses, falsche Angaben über Erste-Klasse-Flüge in Entwicklungsländer und Klagen über seinen autoritären Führungsstil sorgten für einen landesweiten Eklat. Die undurchsichtigen Finanzen des Diözesanoberhauptes und dessen neue teure Badewanne schafften es wochenlang in alle Medien. Kloft kennt Tebartz-van Elst gut. Er findet: "Das ist ein guter Pastoraltheologe, aber kein erfahrener Bistumsverwalter." Ein teures Bischofshaus bauen und gleichzeitig Geld bei den Gemeinden kürzen, das gehe nicht. Er führt das aber eher auf eine Überforderung des Bischofs in Managementfragen zurück. "Er ist mit der modernen Zeit nicht fertig geworden und wollte ein Bischofsbild leben, das nicht mehr zeitgemäß ist."

Bild: © KNA

Franz-Peter Tebartz-van Elst war von 2008 bis 2014 Bischof von Limburg.

Die Affäre hat für viele Wunden und Verletzlichkeiten im Bistum gesorgt, die noch nicht überwunden sind. Auch eine offizielle Versöhnung mit dem ehemaligen Bischof steht noch aus. Tebartz-van Elst arbeitet mittlerweile im Vatikan, auf dem Limburger Bischofsstuhl sitzt seit 2016 der ehemalige Generalvikar des Bistums Trier, Georg Bätzing. Der hat viele Projekte vor sich: Neben der Konsolidierung der Diözese wartet unter anderem noch eine Gemeindereform auf ihn, die auch seine beiden Vorgänger schon beschäftigt hat. Ein paar Hoffnungsschimmer sind jedoch erkennbar: Bei der Heiligsprechung Katharina Kaspers 2018 traf der ehemalige Bischof Tebartz-van Elst auf das Limburger Bistum – die große Konfrontation blieb überraschenderweise aus. Zudem zeigt die neueste Kirchenstatistik, dass Limburg von der großen Austrittswelle weniger betroffen ist als andere Bistumsstädte.

Früher wie heute bestimmt vor allem das Zusammenleben mit anderen Religionsgemeinschaften den Alltag im Bistum. Da die Region früher sehr kleinteilig gegliedert war, ist sie bis heute konfessionell sehr durchmischt: Schon das Nachbardorf kann anders geprägt sein. Das sorgt für eine ganz selbstverständlich gelebte Ökumene. Mancherorts gehen etwa evangelische Geistliche bei Fronleichnamsprozessionen mit. Ein paar Sticheleien blieben dann aber doch nicht aus: So ließ ein Pfarrer aus der Gegend um Hadamar eines Tages verfügen, das aus seinem Erbe eine Synagoge finanziert werden sollte. Begründung: Die Protestanten hätten ja auch eine Kirche im Ort – und die seien viel weniger.

Von Christoph Paul Hartmann