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Standpunkt

Corona: Statt kirchlichem Aktionismus lieber eine Anleitung zur Stille

In der Corona-Krise haben viele Menschen unfreiwillig mehr Zeit zu Hause. Die Kirchen begegnen dem mit einer Flut digitaler Angebote. Da wäre weniger manchmal mehr, kommentiert Theresia Kamp.

Von Theresia Kamp |  Bonn - 31.03.2020

Wenn die Krise eines produziert, dann ist es neue Poesie: Gedichte und kurze Texte sprechen in den Sozialen Medien vom Innehalten und Atemholen, von Menschen, die wieder Bücher lesen und in der Ruhe des Nachdenkens endlich ihre eigentliche Berufung entdecken.

Leider deckt sich diese Utopie nur wenig mit der Wirklichkeit. In den gleichen Sozialen Medien lese ich "10 Tipps gegen die Langeweile!" sowie "Strategien für perfekte Produktivität trotz Homeoffice". Dazu kommt die Aufforderung, meinen Schrank auszumisten und meine Bücher nach Farben zu sortieren. Schon allein für die Menschen, die noch arbeiten können, ist das absurd. Wer nach einem Arbeitstag, der gegenwärtig sogar noch fordernder ist, weil die Krise zu völlig neuem Denken herausfordert, endlich Feierabend hat, wird kaum Lust haben, sich den Kleiderschrank vorzunehmen. Aber selbst wenn ein paar Tage Ruhe einkehren sollten, wäre das doch zunächst ein Geschenk.

Wer, wenn nicht die Kirche, müsste wissen, wie wichtig echte Stille ist. Beim Blick in die kirchlichen Angebote zeigt sich aber ein anderes Bild. Pfarreien, Diözesen, geistliche Gemeinschaften und "Sinnfluencer" buhlen um meine Aufmerksamkeit: täglich einen WhatsApp-Impuls erhalten, eine virtuelle Kerze anzünden, eine echte Kerze anzünden und sie ins Fenster stellen, beim ersten Glockenläuten an diese Menschen denken und beim zweiten Glockenläuten an jenes Gebetsanliegen, den Impuls des Bischofs anhören, einen Hausgottesdienst feiern, aber vielleicht doch auch den im Stream verfolgen …

Kritische Leser wenden ein, dass ich es ja bin, die sich aussucht, an welchen Angeboten sie teilnimmt. Das dispensiert die Macherinnen und Macher aber nicht davon, auch in der Krise an der Unterscheidung der Geister festzuhalten: Welche Angebote braucht es wirklich? Wo können wir uns vernetzen und auf gut Gemachtes verweisen, anstatt es selbst – möglicherweise schlechter – zu machen? Und: Könnte es nicht auch ein Angebot geben, das genau diesen neu entstandenen Druck abbaut und in der aufgeregten und verängstigten Stimmung einfach nur ein Wort des Zuspruchs und der Hoffnung spricht?

Von Theresia Kamp

Die Autorin

Theresia Kamp ist Theologin und Romanistin. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für verschiedene katholische Medien.

Hinweis

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