Das Marsfeld mit Eiffelturm
Ein Gespräch mit Pfarrer und Gläubigen von St. Albertus Magnus

Wie die deutsche Gemeinde in Paris die Corona-Krise erlebt

Es ist still geworden in der sonst so lebenslustigen französischen Hauptstadt - auch rund um die Kirche St. Albertus Magnus. Dort fehlt dem deutschen Pfarrer Markus Hirlinger und seinen Gläubigen das, was sie als Gemeinde sonst verbindet: Das gemeinsame Feiern und Beten in der Muttersprache.

Von Brigitte Geiselhart |  Paris - 10.05.2020

In zentrumsnaher Lage dieser Traumstadt zu wohnen, in der Freizeit im nahegelegenen Bois de Boulogne spazieren zu gehen oder zu joggen, nicht weit vom Haus sogar den Blick auf den Eiffelturm genießen zu dürfen – das hört sich doch gut an. Eigentlich darf sich dieser Mann glücklich schätzen – und das tut er auch. Auch von Berufs wegen. Und doch hat sich auch für Markus Hirlinger im Frühjahr 2020 vieles verändert. "Mir fehlen unsere Gottesdienste. Mir fehlen die echten und nahen Begegnungen mit unseren Gemeindemitgliedern und das quirlige Treiben der Kinder und deren Lachen. Und dass die Wochenenden für die Erstkommunionkinder und Firmlinge auf dem Weg zu ihren Festen nicht stattfinden können, macht mich sehr traurig", sagt der Pfarrer der deutschsprachigen Kirchengemeinde St. Albertus Magnus in Paris.

Es ist still geworden in der sonst so pulsierenden und vor Lebenslust sprühenden französischen Hauptstadt. Auch rund um die St.-Albertus-Magnus-Kirche in der Rue Spontini Nr. 36 im 16. Arrondissement. Eine Stunde pro Tag darf man derzeit auf die Straße und das in einem Umkreis von einem Kilometer zur eigenen Wohnung. Sportliche Betätigung im Freien ist zwischen 10 Uhr und 19 Uhr grundsätzlich verboten – so sagen es die strengen Ausgangsbeschränkungen der Regierung. "Die älteren französischen Gemeindemitglieder, die in der Nähe der Kirche in meiner Nachbarschaft leben, beklagen sich häufiger als die etwas jüngeren deutschsprachigen, die meistens in den Randregionen um Paris leben und dort oft ein kleines Häuschen mit Garten bewohnen", berichtet Hirlinger. Die gewohnte Tagesstruktur werde vermisst. Durch den fehlenden Rhythmus mache sich Langeweile, vielfach aber auch Einsamkeit breit.

Nach dem mehrmaligen Wohnungsputz stellt sich die Frage nach Gott

Wie überall auf der Welt wird auch in St. Albertus Magnus in diesen Tagen und Wochen vor allem in digitaler Weise kommuniziert. Es wir geskypt, ein Großteil der Gemeinde kann per Mail erreicht werden. "Und das gute alte Telefon kommt wieder mehr zum Einsatz. So kann ich vor allem mit Alleinstehenden in Verbindung treten – ob deutsch oder französisch sprechend", sagt Hirlinger. "Nach dem mehrmaligen Putzen der Wohnung stellen sich manche auch wieder persönliche und existentiellere Fragen, was sie denn über die Wohnung hinaus noch in ihrem Leben aufräumen könnten, oder ob sie in ihrem eng getakteten Alltag das ein oder andere vielleicht übersehen haben, was wesentlich wäre und jetzt wieder Raum gewinnen könnte", so die Einschätzung des Pfarrers. "Viele freuen sich über mehr Ruhe, weniger Lärm, weniger Abgase und einen herrlich blauen Himmel. Und sie empfinden sogar etwas Dank mit der Hoffnung, einiges davon auch hinüberretten zu können. Auch die Frage nach Gott wird neu und vertieft gestellt."

Pfarrer Markus Hirlinger

Markus Hirlinger ist seit 2017 Pfarrer der deutschsprachigen Kirchengemeinde St. Albertus Magnus in Paris.

Das katholische Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn unterhält weltweit deutschsprachige Gemeinden und entsendet dafür etwa 60 hauptamtliche Seelsorger und Seelsorgerinnen. Eine innerliche Nähe zum französischen Nachbarland verspürte der Oberschwabe Markus Hirlinger schon seit früher Jugend – war er doch mehrmals mit Schüleraustauschen in Frankreich und studierte auch ein Jahr in Paris. "Für mich heißt es jetzt, Vertrautes und Gewohntes loszulassen und mich neuen Herausforderungen zu stellen."

Mit diesem Anspruch brach Markus Hirlinger Anfang 2017 vom eher beschaulichen Schwabenländle in Richtung der Millionenmetropole an der Seine auf. Zuvor war der gebürtige Ravensburger und Priester der Diözese Rottenburg-Stuttgart zwölf Jahre in der Bodenseestadt Friedrichshafen als Pfarrer tätig. Dass Kirchentüren nicht nur für die treuen Gottesdienstbesucher offen sein sollten, sondern auch für Menschen, die der Institution Kirche eher distanziert gegenüberstehen, war ihm immer ein Anliegen. "Suchende und Zweifelnde sind genauso willkommen wie die Kerngemeinde" – mit dieser Intention hatte er in Friedrichshafen die "Offene Stadtkirche St. Nikolaus" initiiert, die mit ganz unterschiedlichen Projekten an den Start ging.

Den Glauben in der Muttersprache feiern – ein Stück Heimat in der Fremde

Das Gotteshaus in der französischen Hauptstadt, in dem der 57-jährige deutsche Pfarrer heute wirkt, erinnert von außen eher an ein Wohngebäude. Ein Haus, in dem sich vornehmlich Christen treffen, die ursprünglich aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommen. Menschen, die einen dauerhaften Wohnsitz in Paris haben oder nur für einen begrenzten Zeitraum hier arbeiten oder studieren. "Zum Sonntagsgottesdienst kommen viele auch aus einem Umkreis von 20 Kilometern oder mehr, um unser Leben und den Glauben in unserer Muttersprache zu feiern. Sprache bedeutet Heimat und dieses schöne Gefühl, zuhause zu sein, gehört zu den Besonderheiten, die unsere Gemeinde ausmachen", sagt Hirlinger.

Eine genaue Anzahl von Katholiken zu nennen, die sich der St. Albertus Magnus Gemeinde zugehörig fühlen, sei allerdings nicht möglich, da sie weder von den deutschsprachigen Botschaften, noch vom Staat oder der Kirche erfasst werden könnten. "Wir haben jährlich etwa 25 Erstkommunionkinder und derzeit 16 Firmlinge. Das entspräche in Deutschland etwa einer Gemeinde von 3.000 Katholiken – je nach ländlicher oder städtischer Prägung", betont der Pfarrer. "Wir freuen uns natürlich, viele junge Familien bei uns zu haben, die mit ihren Kindern unsere Angebote gerne annehmen und selbst mitgestalten." Gerade der rege Wechsel fördere auch immer wieder neue Ideen und Initiativen. Die Gemeinde sei in Bewegung und offen für Neues. Und man habe als Neuankömmling das Gefühl, direkt dazuzugehören.

Wiebke d’Amécourt
Bild: © Privat

Wiebke d’Amécourt kam mit 18 nach Paris. Mit ihrem Mann Philippe und ihren zwei Kindern gehört sie der deutschsprachigen Gemeinde in Paris an.

Ein Eindruck, der von Wiebke d’Amécourt bestätigt wird. "Die deutsche katholische Gemeinde war einer meiner ersten Anlaufpunkte als ich damals mit 18 Jahren in Paris ankam. Die Au-Pair-Treffen oder auch der Kreis der jungen Erwachsenen und die Sonntagsmessen konnten mir immer ein Stück Heimat vermitteln", erinnert sie sich gerne. Seither sind 14 Jahre vergangen. Die junge deutsche Frau hat in Paris studiert, ihren Mann Philippe kennen und lieben gelernt, ist mittlerweile glückliche Mutter zweier kleiner Töchter im Alter von vier und zwei Jahren – und beruflich in der Unternehmensberatung tätig.

"So gut man eine Fremdsprache beherrschen und kulturell sich wohlfühlen mag, so gibt es im Leben doch zwei Dinge, die man in seiner Muttersprache ausübt: Zählen und Beten", sagt Wiebke d’Amécourt. "Meinen Kindern im französischen Umfeld meine Muttersprache zu vermitteln und sie in unsere deutschsprachige Kirchengemeinde zu integrieren, das ist für mich sehr wichtig." Als im vergangenen Jahr neugewählte Kirchengemeinderätin leitet die 32-Jährige die Kleinkindergruppe und engagiert sich darüber hinaus auch im Kindergottesdienstteam.

Franzosen leben ihre Spiritualität durchaus anders als Deutsche

"Ja, in der Muttersprache betet es sich am einfachsten", so auch die Empfindung von Alexander von Janta Lipinski. Der zweifache Familienvater lebt schon seit 15 Jahren in Paris, arbeitet als Projektleiter in einem französischen Pharmakonzern, ist Vorsitzender des Kirchengemeinderats von St. Albertus Magnus  – und hat über die Gemeinde auch seine Frau kennengelernt. "Spiritualität in Frankreich und Deutschland ist durchaus unterschiedlich", sagt er. Vieles, das für Franzosen ganz selbstverständlich sei, erscheine Deutschen oftmals etwas gewöhnungsbedürftig, sodass er sich in der deutschsprachigen Gemeinde einfach eher zuhause fühle. "Dazu gehört auch das Pflegen deutscher Tradition, die es in Frankreich so nicht gibt - wie etwa St. Martin, St. Nikolaus oder auch Karneval", betont der 43-Jährige.

Alexander von Janta Lipinski
Bild: © Privat

Alexander von Janta Lipinski lebt seit 15 Jahren in Paris und arbeitet als Projektleiter in einem französischen Pharmakonzern. Der zweifache Familienvater ist Vorsitzender des Kirchengemeinderats von St. Albertus Magnus.

Mitglieder von St. Albertus Magnus und ihr Pfarrer sind natürlich nicht nur Teil der kirchlichen, sondern auch der weltlichen Gemeinde. "Es ist fast schon amüsant zu sehen, wie Leute in korrektem Abstand mitten auf einer kaum mehr befahrenen Kreuzung stehen und sich darüber austauschen, was Präsident Emmanuel Macron weniger, Angela Merkel aber seltsamerweise besser im Griff habe. Und plötzlich gibt es jede Menge Fachleute, die genau wissen, wie die Krise besser zu meistern wäre", berichtet Pfarrer Hirlinger. Die Stimmung empfinde er meist als entspannt, selbst während des Wartens in Schlangen vor den Apotheken oder Lebensmittelgeschäften. Gleichzeitig seien aber auch existentielle Not und die Sorgen der Menschen um die eigene Gesundheit und die ihrer Angehörigen auf Schritt und Tritt präsent.

Wie schwer es derzeit sein kann, den Spagat zu leisten zwischen beruflicher Anspannung der Eltern im Home-Office und der Bewältigung des familiäres Alltag mit zwei kleinen Kindern, die auch zu ihrem Recht kommen wollen, davon können  auch die Mitglieder der deutschsprachigen Gemeinde ein Lied singen. "Und man muss zwischendurch schon schauen, dass einem die Decke nicht auf den Kopf fällt", konstatiert Alexander von Janta Lipinski.

Trotzdem: "Kirchengemeinde und Glaube geben Halt und Kontinuität. Gerade in diesen schweren Zeiten ist es ist gut zu wissen und zu spüren, dass es weitergeht", sagt Wiebke d’Amécourt hoffnungsfroh. Mit großem Optimismus blickt auch Markus Hirlinger nach vorne: "Ich freue mich schon auf die Zeit, in der ich wieder mit Freunden und Gästen mit einer Flasche Wein und etwas französischem Käse samt Baguette an einem Sommerabend an der Seine sitzend über Jean-Paul Sartre, den Glöckner von Notre Dame und das Leben in dieser Stadt philosophieren kann."

Von Brigitte Geiselhart