Ein Kaplan spendet einer Frau mit ausgestrecktem Arm und Handschuhen die Kommunion.
Erste öffentliche Gottesdienste seit Corona-Verbot in vielen Bistümern

Pfarrer: "Habe die Kommunion noch nie mit so reinen Händen ausgeteilt"

In einigen Bistümern finden an diesem Wochenende seit langer Zeit die ersten öffentlichen Messen statt. Bereits in der vergangenen Woche konnten Gläubige und Priester nach Lockerung der Corona-Maßnahmen wieder Gottesdienste feiern. Manche haben sich dabei sogar an ihre Jugend erinnert gefühlt.

Von Christoph Brüwer |  Bonn - 09.05.2020

Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Wochenlang waren öffentliche Gottesdienste in den Kirchen verboten. Für viele Gläubige und Geistliche war das eine lange und schmerzhafte Zeit. Besonders zu Ostern keine Eucharistie in den Kirchen feiern zu können, setzte vielen zu. Vielerorts ist diese Zeit jetzt aber vorbei. Nach und nach finden in zahlreichen Bistümern unter strengen Hygienevorschriften wieder Messen statt. Und darüber ist die Freude groß: "Für mich war das wie meine eigene Erstkommunion", sagt Ludger Keite, Pfarrer im Dortmunder Osten.

Nachdem öffentliche Gottesdienste untersagt worden waren, habe er aus Solidarität mit seinen Gemeindemitgliedern auch auf private Eucharistiefeiern oder Messen im Livestream verzichtet, so der Geistliche. Im Erzbistum Paderborn können wie in allen Diözesen in Nordrhein-Westfalen seit dem 1. Mai wieder Gottesdienste stattfinden. Für Keite war die Messe am vergangenen Wochenende damit die erste Eucharistiefeier seit zwei Monaten.

"Die Treue der Menschen hat mich sehr berührt"

Ende April hatte die Deutsche Bischofskonferenz ihre Hygiene-Empfehlungen veröffentlicht und viele Bistümer haben bereits eigene Konzepte entwickelt, um Gottesdienstbesucher und Geistliche vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Dazu gehören unter anderem eine begrenzte Zahl an Gottesdienstbesuchern, großer Abstand zwischen den Gläubigen und besondere Hygiene bei der Kommunionausteilung.

Wie diszipliniert und einsichtig die Gemeindemitglieder diese Hygiene-Maßnahmen umgesetzt haben, hat Keite überrascht. Und die strikten Vorgaben hätten die Gläubigen auch nicht abgeschreckt: Zum ersten Gottesdienst nach dem Verbot durch das Coronavirus sei seine Kirche gut gefüllt gewesen, berichtet der Pfarrer. "Die Treue der Menschen hat mich sehr berührt." Um trotz des Sicherheitsabstandes möglichst viele Sitzplätze zu schaffen, wurden sogar einzelne Stühle in den Seitenkapellen der Kirche aufgestellt. Um den nötigen Abstand bei der Kommunion zu gewährleisten, stellte die Gemeinde zudem sogenannte Kommunionbänke auf: Mit weißen Decken versehene Tische, die zwischen Geistlichen und Gläubigen stehen. Auf Handschuhe oder eine Zange habe man dagegen bewusst verzichtet, so Keite. Kommunionhelfer und Priester desinfizierten sich stattdessen direkt vor der Austeilung die Hände.

Der Gottesdienst lebt von der Gemeinde und nicht vom Pfarrer alleine.

Zitat: Franz-Josef Gerner, Stadtpfarrer in Hilpolstein

Auch Clemens Döpker, Pfarrer in der St. Martinus-Gemeinde im münsterländischen Greven, musste sich vor der Kommunion die Hände desinfizieren. Bei der Austeilung trug er einen Mundschutz und anders als Keite auch weiße Handschuhe. "Ich habe die Kommunion noch nie mit so reinen Händen ausgeteilt", scherzt Döpker. Auf die Spendeformel musste er ebenfalls verzichten, um eine Tröpfcheninfektion zu vermeiden. Für den Geistlichen war das zunächst ungewohnt: "Ich musste mich immer wieder daran erinnern, nicht 'Der Leib Christi' zu sagen."

Trotzdem sei die erste Messe nach der Aufhebung des Gottesdienstverbotes ein bewegendes Erlebnis gewesen. "Ich habe mich schon lange darauf gefreut, endlich wieder richtig Eucharistie zu feiern und Antworten aus der Gemeinde zu hören", sagt der Pfarrer. Gewöhnt habe er sich an die neuen Hygienevorschriften nach zwei Gottesdiensten am Wochenende aber noch nicht. "Nach zwei Messfeiern kann man noch nicht von Normalität sprechen."

Doppelt so viele Gottesdienstbesucher wie sonst

Ein Stück mehr Normalität ist mit Beginn der Woche auch im Bistum Eichstätt eingekehrt: Seit Montag sind in der Diözese wieder Gottesdienste möglich. Am selben Tag feierte Stadtpfarrer Franz-Josef Gerner die erste Messe im mittelfränkischen Hilpoltstein nach wochenlangem Gottesdienstverbot. "Normalerweise kommen werktags nur sehr wenige Gottesdienstbesucher. Jetzt waren es doppelt so viele wie sonst", berichtet Gerner. Die Gläubigen seien erleichtert und froh, endlich wieder Messen feiern zu können. "Für mich persönlich war es wohltuend, beim Gebet von mehreren Menschen eine Antwort zu bekommen", so Gerner. "Der Gottesdienst lebt von der Gemeinde und nicht vom Pfarrer alleine."

Wann die Gemeinden wieder für den Gottesdienst in die Kirche kommen dürfen, wurde in den vergangenen Wochen breit diskutiert. Bischof Gerhard Feige etwa empfiehlt für sein Bistum Magdeburg weiterhin einen Verzicht auf öffentliche Messfeiern – "solange die staatlichen Hygienevorschriften einem würdigen Vollzug entgegenstehen und Gläubige von deren Mitfeier ausgeschlossen werden müssen." Dabei hat das Land Sachsen-Anhalt Gottesdienste unter strengen Hygiene- und Abstandsregeln wieder erlaubt. Auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode betonte unlängst, dass der Verzicht auf Gottesdienste in der aktuellen Situation "aus der Grundhaltung christlicher Nächstenliebe weiter ein Gebot der Stunde sein" könne.

"Auf die Feier von sogenannten öffentlichen Gottesdiensten soll verzichtet werden, solange die staatlichen Hygienevorschriften einem würdigen Vollzug entgegenstehen und Gläubige von deren Mitfeier ausgeschlossen werden müssen", schreibt der Magdeburger Bischof Gerhard Feige in einer aktuellen Anordnung. Seine Sicht wird aber nicht von allen Bischöfen geteilt.

Doch das sehen nicht alle so: Nachdem Mitte April von Bund und Ländern erste Lockerungen der Corona-Beschränkungen beschlossen und die Kirchen dabei ausgenommen wurden, hatte unter anderem der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, enttäuscht reagiert. "Angesichts von ersten Lockerungsmaßnahmen in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens kann ich das nicht nachvollziehen", teilte der Limburger Oberhirte in einem Statement mit. Ähnlich äußerten sich auch Erzbischof Ludwig Schick und Kardinal Rainer Maria Woelki. Immer wieder war dazu in den sozialen Netzwerken diskutiert worden, ob die Regeln für Kirchen etwa mit denen für Supermärkte oder Baumärkte vergleichbar sind.

"Wir hoffen, dass wir nicht mehr lange mit diesen Ausnahmeregeln leben müssen"

So wie die Geschäfte haben die Gläubigen auch die Kirche in Hilpoltstein besucht: mit einem Mundschutz. Für viele sei das Tragen von Masken mittlerweile nichts ungewöhnliches mehr, weil sie das aus dem Supermarkt kennen, sagt Pfarrer Gerner. Außerdem hätten die Gläubigen sehnsüchtig auf die Gottesdienste gewartet, nachdem sie Ostern nicht in der Kirche feiern konnten. "Die Leute sind dankbar, jetzt wieder den Hauch von Gemeinde zu spüren", so Gerner. "Wir hoffen, dass wir nicht mehr lange mit diesen Ausnahmeregeln leben müssen."

Genau wie Gerner hofft und glaubt auch Clemens Döpker, dass in ein paar Wochen wieder Messfeiern wie vor der Coronakrise möglich sind. Ludger Keite sieht das anders. Gerade im ersten Gottesdienst seien viele Gläubige zwar noch auf die äußere Form bedacht gewesen, etwa, ob sie den richtigen Abstand einhalten oder der Mundschutz richtig sitzt. Eine andächtige Haltung sei daher schwierig gewesen. Das werde sich in den nächsten Wochen aber ändern. "Ich glaube, wir werden noch ein Jahr mit dem Virus leben müssen. Da werden uns diese Gottesdienstformen in Fleisch und Blut übergehen."

Von Christoph Brüwer