Die Schweizer Flagge weht im Wind.
Marianne Pohl-Henzen löst Bischofsvikar ab

Schweiz: Wie eine Frau die Bistumsregion Deutschfreiburg leitet

Sie ist kein weiblicher Bischofsvikar, darüber ist sich Marianne Pohl-Henzen klar. Und dennoch sieht die 60-Jährige einen großen Gestaltungsspielraum in ihrer neuen Aufgabe. Mit Blick auf die Rolle der Frau in der Kirche hat sie klare Forderungen.

Von Raphael Rauch (KNA) |  Fribourg - 21.05.2020

Mit Marianne Pohl-Henzen (60) leitet künftig eine Frau die Schweizer Bistumsregion Deutschfreiburg. Sie war bereits acht Jahre lang die rechte Hand des Bischofsvikars, Pater Pascal Marquard, der nun nach Zürich wechselt. Nach einer viermonatigen Sabbat-Zeit wird Pohl-Henzen zum 1. August "Regionalverantwortliche im Namen des Bischofs", wie das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg mitteilte. Damit ist sie künftig auch Mitglied des Bischofsrates. Ein weiblicher Bischofsvikar ist sie freilich nicht - dieses Amt ist an die Priesterweihe gebunden, wie sie im Interview erläutert.

Frage: Frau Pohl-Henzen, fühlen Sie sich als "Bischofsvikar zweiter Klasse"?

Pohl-Henzen: Ich bin kein Bischofsvikar, das ist klar. Ich werde keine Firmungen spenden, keine Priester beerdigen - das stand bislang im Pflichtenheft des Bischofsvikars. Auch die Pfarrinstallationen werde ich wahrscheinlich nicht vornehmen.

Frage: Aber?

Pohl-Henzen: Praktisch kann ich viel machen: Ich habe das Personalmanagement, auch das von Priestern. Ich leite verschiedene Gremien, bin Kontaktperson zur Körperschaft im Kanton Freiburg. Künftig bin ich auch im Bischofsrat und im Priesterrat vertreten.

Frage: Was antworten Sie einem Priester, falls er Ihnen entgegnet: Du hast mir gar nichts zu sagen?

Pohl-Henzen: Dem antworte ich: Bitte, gehe zum Bischof. Aber der Bischof wird ihn wahrscheinlich zu mir zurückschicken und sagen: Das musst du mit deiner Verantwortlichen besprechen.

Frage: Welches Signal steckt hinter Ihrer Berufung?

Pohl-Henzen: Bischof Charles Morerod tut, was er kann, um Frauen in der Kirche zu fördern.

Frage: Manche Deutschschweizer fühlen sich in Ihrem französischsprachig geprägten Bistum marginalisiert. Wie sehen Sie das?

Pohl-Henzen: Eine Minderheit hat immer das Problem, nicht wahrgenommen zu werden. Ich sehe mich als Brückenbauerin. Ich möchte keinen Graben zwischen dem deutsch- und dem französischsprachigen Teil ausheben. Ich fühle mich in beiden Teilen zuhause.

Frage: Wo stehen Sie kirchenpolitisch?

Pohl-Henzen: Ziemlich in der Mitte. Ich war früher vielleicht kämpferischer. Mit zunehmendem Alter nimmt man die Dinge anders auf.

Frage: Was heißt das?

Pohl-Henzen: Ich steige nicht mehr auf die Barrikaden und fordere das Frauenpriestertum, auch wenn ich das grundsätzlich gut fände. Wir müssen zum Wohl der Kirche in kleinen Schritten vorangehen, sonst gibt es eine Kirchenspaltung. Erst brauchen wir den Diakonat der Frau.

Linktipp: So könnte der Frauendiakonat Wirklichkeit werden

Frage: Wie dramatisch sind die Personalsorgen in Ihrer Region?

Pohl-Henzen: Der jüngste Priester ist so alt wie ich, 60 Jahre alt. Bei den Laientheologen sieht es nicht sehr viel besser aus. Die Jüngeren sind zugezogen.

Frage: Frauen in Leitungspositionen gelten als ein Schlüssel, um Machtstrukturen aufzubrechen - gerade beim Thema Missbrauch.

Pohl-Henzen: Als Mutter und Großmutter habe ich sicher einen anderen Blick auf das Thema Übergriffe. Wir sind dabei, ein Schutzkonzept zu entwickeln. Dort möchten wir nicht nur sexuelle Übergriffe einbeziehen, sondern auch Machtmissbrauch und spirituellen Missbrauch.

Von Raphael Rauch (KNA)