Surfexerzitien auf dem Wasser
Bild: © Esther Göbel
Ein Interview mit "Surf & Soul"-Gründerin Esther Göbel

Im Wind Gottes: Warum eine Theologin Surfexerzitien anbietet

Windsurfen und Kirche – für Pastoralreferentin Esther Göbel kein Widerspruch. Mehrmals im Jahr bietet sie Surfexerzitien an der Ostsee an. Im Interview erklärt die Theologin, warum sie "Surf & Soul" gegründet hat und was die Kirche vom Surfen lernen kann.

Von Roland Müller |  Berlin - 28.06.2020

Sie ist Theologin und "Windsurf Instructor": Esther Göbel verbindet zwei Welten, die nach Ansicht wohl vieler Menschen eher wenig miteinander zu tun haben. Die Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin bietet regelmäßig Surfexerzitien an. Im Inetrview verrät sie, wie es dazu gekommen ist.

Frage: Frau Göbel, Sie bieten seit drei Jahren das Projekt "Surf & Soul" an. Windsurfen und Kirche – wie ist es zu dieser ungewöhnlichen Mischung gekommen?

Göbel: In meinen ersten Jahren im pastoralen Dienst gab es eine Jugendgruppe, die gerne Windsurfen lernen wollte. Ich habe gemeinsam mit den Jugendlichen den Surfschein gemacht und erwartet, dass sie alles viel besser und schneller lernen als ich – das war aber nicht so. (lacht) Da habe ich gemerkt, dass ich ein Talent fürs Windsurfen habe.

Frage: Sie surfen also noch gar nicht so lange?

Göbel: Ich habe Windsurfen erst mit 27, also vor etwas mehr als zehn Jahren gelernt, doch schnell entdeckt, dass mir das großen Spaß macht. Über diesen Surfkurs hinaus habe ich weiter geübt und auch Flow-Momente erlebt, je besser ich es konnte. Mir wurde klar, dass es beim Surfen eine spirituelle Dimension gibt. Das war eine ganze Zeit lang erst mal nur für mich schön. Dann ist es nach einigen Jahren nochmal zu einer Surffahrt mit Jugendlichen gekommen, die sich zu einem regelmäßigen Angebot entwickelt hat. Es waren ursprünglich nur Ferienfreizeiten, bei denen ich immer eine "fromme" Abendrunde gemacht habe. Wie das so ist, blieben die Älteren sitzen und es haben sich die klassischen Lagerfeuergespräche über Gott und das Leben entwickelt. Schließlich hat sich daraus ab Oktober 2017 mein Projekt "Surf & Soul" entwickelt. Inzwischen ist es für mich zu einer Berufung geworden.

Frage: Sie haben spirituelle Erlebnisse beim Surfen erwähnt. Wie lässt sich das in Worte fassen?

Göbel: Das ist ganz klassisch die Erfahrung von Schöpfung, die es etwa auch bei Wanderexerzitien gibt: in der Natur sein, dem Alltag entfliehen und an manchen Stellen ins Staunen darüber kommen, wie schön diese Welt ist. Das ist beim Surfen natürlich ebenfalls so, denn man ist der Natur vollkommen ausgeliefert. Dabei geht es nicht nur um Schönheit, sondern um die Erfahrung der Naturgewalten: Wind und Wasser haben eigene Kräfte, die weit über den Menschen hinausgehen. Ich konnte früher mit dem Wort "Demut" nicht viel anfangen. Aber beim Surfen habe ich wirklich Demut vor den Naturgewalten gelernt, denn diese Kräfte sind größer als ich. Ich muss mich ihnen fügen.

Frage: Wo kommt Gott bei diesen Erfahrungen ins Spiel?

Göbel: Spiritualität ist eine grundmenschliche Dimension. Die genannten Erfahrungen kann also auch ein Atheist machen. Die Erfahrungen, die ich im Leben mache, deute ich vor dem Hintergrund meiner Überzeugungen – und entweder ist da Gott im Spiel oder eben nicht. Wenn ich also über die Natur nachdenke und ein Gottesbild habe, in dem Gott der Schöpfer ist, kann ich so Begegnung erleben. Wenn ich das jedoch als Atheist mache, staune ich einfach über die Schönheit der Natur und tue das vielleicht eher in einer Form von Universum oder kosmologischem Kontext.

Pastoralreferentin Esther Göbel
Bild: © Esther Göbel

Esther Göbel ist Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin und bietet seit einigen Jahren Surfexerzitien an.

Frage: Was spricht die Menschen besonders an, die zu Ihren Angeboten kommen?

Göbel: Die Leute kommen mit unterschiedlichen Motivationen: Die einen nehmen teil, weil sie schon Windsurfer sind, das ganze gekoppelt mit Glauben oder Christentum spannend finden und es ausprobieren wollen. Diese Menschen kommen also explizit zu Surfexerzitien. Dann gibt es aber auch Teilnehmer, die Erfahrungen mit Exerzitien haben und das Surfen kennenlernen wollen. Außerdem kommen Leute, die weder mit dem einen noch anderen Erfahrungen haben, das Angebot aber trotzdem ansprechend finden – warum, weiß ich auch nicht. (lacht) Aber sie sind gerne willkommen. Es gibt zudem Teilnehmer, die nicht an Gott glauben, was für mich überhaupt kein Hindernis ist. Sie müssen natürlich wissen, dass ich in den Impulsen von Gott spreche. Ich versuche aber immer so zu formulieren, dass ein Gottesbild vermittelt wird, das nicht zu eng gedacht ist, denn viele Menschen haben mit verschiedensten Gottesvorstellungen auch Schwierigkeiten.

Frage: Wie sehen die Impulse bei "Surf & Soul" aus?

Göbel: Wichtig ist mir, dass die Leute an meine Gedanken andocken können. Wir machen zunächst einen körperlichen Erfahrungsraum auf, den sie normalerweise nicht haben, in dem sie also ganz bewusst etwas ausprobieren, das außerhalb ihres Alltags ist. Das ist das gleiche wie bei Exerzitien: Ich gehe in einem Raum, von dem ich noch nicht weiß, wie er ist. Der zweite Schritt ist, das zu reflektieren, was beim Windsurfen auf dem Wasser passiert: Ich wage es, mich auf dieses wackelige Board zu stellen. Ich merke, dass es vielleicht gar nicht so schwierig ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Oder aber ich mache die Erfahrung, dass es etwa mit dem Segel nicht so gut funktioniert. Nach zwei, drei Tagen merkt man zudem, dass man sehr viel gelernt und geschafft hat. In einer Gruppe kommt dann natürlich auch das Thema Konkurrenz auf und viele setzen sich selbst unter Druck. Diese oder ähnliche Themen kommen meist ganz schnell auf. Daran anschließend kann man die Erfahrungen auf dem Wasser anhand des eigenen Alltags reflektieren, also die Frage stellen: Kennst Du das aus Deinem Leben? Wie gehst Du normalerweise mit Konkurrenz um? Bist Du ein neugieriger Mensch und probierst vieles einfach aus?

Frage: Wie findet die Reflexion statt?

Göbel: Es sind Gruppenexerzitien, aber es gibt natürlich auch die Möglichkeit zum Einzelgespräch. Wir haben jeden Tag eine stille Zeit, die "Soul Time", in der jeder für sich schweigt. Dazu gibt es einen Impuls und kleine Übungen, die man machen kann. Darauf folgt die "Surf Time", die wir natürlich alle zusammen auf dem Wasser haben. Es ist wie beim Glauben: Man lernt es in der Gruppe, aber in der Praxis – also beim Gebet oder auf dem Surfbrett – ist dann doch jeder auf sich gestellt. Abends folgt eine Reflexionsrunde mit einem Rückblick auf den Tag. Meistens biete ich auch eine kleine Gebetsschule an, in der die Leute etwas über Gebetsformen und wie man mit Gott in Kontakt kommen kann lernen, weil die meisten da eher wenig Erfahrung haben.

Frage: Wie viele Leute kommen normalerweise und wie sind die Rückmeldungen?

Göbel: Es gibt Leute, die haben einmal teilgenommen und das war's dann. Es gibt aber eine relativ hohe Anzahl an Leuten, die wiederkommen und teilweise auch Freunde mitbringen. Im ersten Jahr hatte ich nur einen Kurs, danach vier und dieses Jahr werden es acht Kurse sein. Es haben sich inzwischen zudem verschiedene Kursformate entwickelt: Es gibt jetzt nicht mehr nur den klassischen Exerzitien-Kurs über eine Woche, sondern auch kürzere Kurse und vermehrt Anfragen von Jugendgruppen. In der Regel nehmen an den Kursen 12 bis 15 Personen teil. Die älteste Teilnehmerin war 55 Jahre alt.

Frage: Vor einigen Jahren haben Sie auch Motorrad-Seelsorge angeboten. Sie scheinen eine Frau für ungewöhnliche pastorale Modelle zu sein. Braucht die Kirche mehr solcher Angebote?

Göbel: Ja, die braucht sie – aber nicht, weil es einfach interessante Sachen sind. Denn es gibt gerade bei katechetischen Angeboten eine Tendenz, "coole" Formate anzubieten, um die Leute zu interessieren. Darum geht es mir aber nicht. Es braucht mehr solcher Angebote, weil sie Spiritualität mit dem Alltag verknüpfen und fürs Leben relevant machen. Meine Beobachtung ist, dass es sehr viele Menschen gibt, bei denen ihr Alltag und ihr spirituelles Leben auseinanderklaffen. Doch Glaube und Spiritualität sollen eine Bedeutung für mein stinknormales Alltagsleben haben. Ein Beispiel: Mir macht Motorradfahren Spaß und ich glaube an Gott. Dann ist es super, wenn mir jemand aufzeigen kann, dass beides etwas miteinander zu tun hat. Für viele ist diese Erkenntnis ein Aha-Moment. Das kann dazu führen, dass der christliche Glaube mehr Alltagsrelevanz entfaltet – und das ist mein Ziel.

Surfexerzitien an der Ostsee
Bild: © Esther Göbel

Wie hält man das Segel richtig? Bei den Surfexerzitien von Pastoralreferentin Esther Göbel erfährt man das und noch viel mehr.

Frage: Wobei die Kurse, die Sie anbieten, ja genau das Gegenteil von Alltag sind…

Göbel: Das stimmt, aber die Themen, die dort behandelt werden, sind Alltagsthemen: Wie finde ich Balance in meinem Leben? Was treibt mich eigentlich voran? Wie gehe ich mit Scheitern und Versagen um? Das sind alltägliche Themen, die bei der Arbeit und in der Familie vorkommen.

Frage: Aufgrund Ihrer Erfahrungen mit "Surf & Soul": Wie muss Seelsorge in der Kirche aussehen?

Göbel: Mir ist besonders das Thema "inneres Wachstum" wichtig. Ich bin sehr von der ignatianischen Spiritualität geprägt und dabei geht es um inneres Wachstum und innere Freiheit. Wenn man Menschen dazu befähigen kann, ein Leben in Glück und Fülle zu finden, können wir annehmen, dass es Gottes Wille für uns Menschen ist: Jeder Mensch ist dazu berufen, ein Leben in Fülle zu führen – auch wenn die endgültige Fülle der Ewigkeit vorbehalten ist. Seelsorge sollte eine Anleitung dazu sein.

Frage: Gibt es auch Kritik an "Surf & Soul"?

Göbel: Mir gegenüber direkt wird wenig Kritik geäußert. Es mag vielleicht Leute geben, die meine Aktionen nicht gut finden, aber die sagen es nicht so laut – Gott sei Dank. (lacht) Ich merke aber wohl, dass es Skepsis gibt. Einige denken, dass "Surf & Soul" eine schöne Aktion ist, aber keine richtige Seelsorge. Sie nehmen es also nicht ernst. Und es gibt einige Kollegen, die sehr viel nachfragen. Ich nehme dabei oft Wertschätzung und Interesse wahr, wenn sie merken, dass alles theologisch fundiert und durchdacht ist – und ich das nicht nur mache, weil ich den ganzen Tag am liebsten selbst auf dem Surfbrett stehe.

Frage: Zum Surfen gehört ein gewisser lockerer und cooler Lifestyle. Was kann die Kirche davon lernen?

Göbel: Wir können sehr viel vom Surfen für unser Leben lernen. Das erste ist wohl, dass es ohne den Wind nicht geht – sei es der Wind des Meeres, ohne den Windsurfen nicht möglich ist, oder das Wehen des Heiligen Geistes, das die Kirche braucht. Es gibt zahlreiche weitere Metaphern und Bilder, die auf unser Leben angewendet werden können. Etwa die Sache mit der Balance: Beim Windsurfen kommt es ganz viel auf das Gleichgewicht an. Ich brauche sie fürs Board und meinen Körper. Manchmal ist viel Wind und ich muss gegenhalten. Wie kriege ich das hin? Das ist ganz schnell und easy aufs Leben übertragbar. Dann gibt’s das Thema, wie man mit Gegenwind umgeht. Wenn der Wind von der falschen Seite weht, dann komme ich nicht mehr voran. Was mache ich dann? Die Frage nach der Orientierung auf dem Wasser und dorthin zu kommen, wo ich hinmöchte. Wie kann ich Kurs halten? Es gibt also viele Bilder, die auf das Leben übertragen werden können. Ich habe dazu sogar ein Buch geschrieben. Es wird jetzt im Sommer erscheinen.

Frage: Und konkret auf die Kirche bezogen…

Göbel: Kirche muss neu lernen, relevant für das Leben der Menschen zu sein. Wir sind nicht mehr selbstverständlich und haben als moralische Leitinstanz versagt. Wir haben dazu zwar nach wie vor etwas zu sagen, das möchte derzeit aber niemand mehr hören – aus verständlichen Gründen. Kirche muss lernen, eine Sprache zu sprechen, die nicht aus kirchlich-institutionellen Floskeln besteht und die nicht mit einem Absolutheitsanspruch einhergeht. Sie muss nicht locker und cool daherkommen, um den Menschen zu gefallen. Kirche muss eher für sich lernen, dass die meisten Menschen weder "Pastoral-Sprech" noch "Ecclesio-Chinesisch" sprechen, sondern "normal". Was immer das in ihrem Kontext dann heißt: locker und cool, intellektuell anspruchsvoll oder eben geradeheraus ohne viel Gerede. Kirche muss andere Positionen respektieren, nach dem Motto: Du bist Atheist und das ist okay. Wir können trotzdem über die Dinge des Lebens gemeinsam nachdenken. Mein Ziel ist es nicht, Leute zu missionieren. Genau das macht den Raum auf, christliche Perspektiven überhaupt kennenzulernen, ohne Angst haben zu müssen, gleich zum Glauben gedrängt zu werden. Das ist eine Grundhaltung, die mein Projekt erfolgreich macht, und von der die Kirche viel lernen kann.

Von Roland Müller