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Standpunkt

Priester dürfen nicht das Maß aller Dinge sein

Die römische Intervention im Reformprozess der Diözese Trier hat gezeigt, dass es zum Problem für die Kirche werden kann, wenn Priester das Maß aller Dinge sind, kommentiert Stefan Orth. Er spricht sich für eine größere Gestaltungsfreiheit aus.

Von Stefan Orth |  Bonn - 03.07.2020

Seit Jahren ist der Priestermangel nicht nur in Deutschland dramatisch, die Leitung einer Pfarrei ist aber zwingend an das Priesteramt geknüpft. Bisher ist nicht zu erkennen, wann es zu einer Ausweitung der Zugangsbedingungen zur Weihe kommen wird. Solange sind die Bischöfe gezwungen, die Größe der pastoralen Räume in ihrer Diözese entsprechend zuzuschneiden. Wie der Fall des Bistums Trier gezeigt hat, ist das allerdings leichter gesagt als getan. Neben der Stellenbeschreibung für die Priester wurden bei der Ablehnung der bisherigen Pläne von der römischen Kurie durchaus auch Zahl und Größe der zukünftigen Pfarreien moniert.

Das ist nicht nur für das Bistum Trier von Bedeutung, stehen doch die meisten deutschen Bischöfe vor denselben Herausforderungen. Der Erzbischof von Freiburg, selbst Kirchenrechtler, hat allerdings jüngst erst verlautbaren lassen, dass er keinen Anlass sieht, von seinen Plänen mit derselben Stoßrichtung in diesem Punkt abzurücken.

Nun gibt es durchaus gute pastorale Gründe, um einer Kirche vor Ort willen die Größe der Pfarreien möglichst klein zu halten. Auf der anderen Seite geht es auch bei dieser Frage um das Priesterbild. Muss jeder Priester Pfarrer sein? Schärfer gefragt: Kann überhaupt jeder Priester diese Aufgabe ausfüllen – angesichts der Bedingungen von in jedem Fall sehr großen pastoralen Räumen einschließlich der entsprechenden kirchlichen Strukturen mit einer teilweise erheblichen Anzahl von Mitarbeitern?

Hier liegt noch viel Konfliktstoff, weil Ideal und Wirklichkeit beim Priesternachwuchs sowohl mit Blick auf die Zahl als auch die Fähigkeiten immer weiter auseinanderdriften. Wo immer Priester das Maß aller Dinge sind, wird sich die Situation weiter verschärfen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Bischöfen die Kompetenz zugeschrieben, die ihnen anvertraute Ortskirche zu strukturieren. Angesichts ohnehin schon schwieriger Rahmenbedingungen darf es hier keine weiteren Einschränkungen geben, um größere Gestaltungsspielräume für die unterschiedlichen Dienste und Ämter in der Kirche zu schaffen. Auch das gehört zu den Voraussetzungen dafür, dass die Kirchenbindung der Katholiken hierzulande nicht weiter abnimmt.

Von Stefan Orth

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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