Sinus-Jugendstudie: Jugendliche sehen Kirche als moralische Instanz
"Bedingungslose Hilfe und Schutz"

Sinus-Jugendstudie: Jugendliche sehen Kirche als moralische Instanz

Jugendliche halten die Kirche für "eher vertrauenswürdig": Das ist eine der Erkenntnisse der neuen Sinus-Jugendstudie. Es gibt aber auch Kritik – und Verwunderung über manche Tätigkeitsbereiche in der Kirche.

Bonn/Berlin - 23.07.2020

Die Kirchen verdienen in den Augen der meisten Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren offenbar einen Vertrauensvorschuss. Das geht aus der Sinus-Jugendstudie hervor, die am Donnerstag bei einer Online-Pressekonferenz vorgestellt wurde. Die Kirchen seien moralische Instanzen in der Gesellschaft und politisch unabhängig, erklärten viele Befragte. Besonders wichtig sei ihnen, dass die Kirchen "bedingungslos Hilfe und Schutz anbieten", beispielsweise beim Kirchenasyl für Flüchtlinge.

Eine Mehrheit der befragten Jugendlichen bezeichnete die Kirchen demnach als "eher vertrauenswürdig". Allerdings gebe es auch Kritik - entweder aufgrund eigener schlechter Erfahrungen oder aufgrund von Skandalen etwa um Missbrauch, über die in den Medien berichtet werde.

Kirche als Arbeitgeber stößt auf Verwunderung

Dass die Kirche auch Arbeitgeberin ist, stieß laut den Autoren der Studie bei vielen Jugendlichen auf Verwunderung – vor allem bei den jüngeren und in den bildungsfernen Lebenswelten. "Die Kirche gehört nicht unbedingt zum Mindset", sagte Marc Calmbach vom Sinus-Institut. Nur wenige Befragte hätten für sich ausgeschlossen, eines Tages in einer kirchlichen Einrichtung zu arbeiten. Jugendliche, die sich dies eher nicht vorstellen konnten, nannten zumeist den fehlenden Glauben als Begründung.

Im Unterschied zu anderen Arbeitgebern werde die Kirche bisweilen "als 'überkorrekt' oder 'zu spirituell' wahrgenommen", hieß es. "Außerdem sei die Kirche zu 'altertümlich' und 'nicht mehr zeitgemäß'." Positiv bewerteten die Jugendlichen dagegen die Möglichkeit, bei einer Tätigkeit für die Kirche etwas Gutes und Sinnvolles zu tun. Sie stellen sich die Kirche zudem als "ehrlicheren" Arbeitgeber vor, bei dem man stärker in eine Gemeinschaft eingebunden sei als anderswo. Bedingung für eine solchen Job wäre für viele indes, keine religiösen Vorschriften einhalten zu müssen.

Seelsorger: Jugendliche wollen die Kirche nicht zerstören, sondern...

In einer Umfrage hat das Bistum Mainz jüngst junge Menschen nach ihrer Meinung über die Kirche gefragt. Im Interview mit katholisch.de spricht Diözesanjugendseelsorger Mathias Berger über die Ergebnisse der Befragung und die daraus zu ziehenden Konsequenzen.

Aus Sicht von Bianka Mohr, Leiterin der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj) und Auftraggeberin der Studie, ist das eine Herausforderung für die Kirche: "Wir haben noch eine ganze Menge Hausaufgaben zu machen." Offenbar müsse noch deutlicher vermittelt werden, welche Berufe und Ausbildungsangebote es bei der Kirche gebe: "Es geht eben nicht nur um Priester und Gemeindereferentinnen." Die Voraussetzungen für Jobs im sozialen Bereich seien etwa weniger hoch, als viele glaubten - und dieser Bereich interessiere viele junge Menschen.

Als wichtige gesellschaftliche Werte bezeichneten die Jugendlichen etwa Solidarität, Fairness und Gerechtigkeit, Demokratie und Meinungsfreiheit. Beklagt wurde dagegen eine "Jeder für sich"-Mentalität in der Gesellschaft. Polarisierung, Hass und Aggression beunruhigten viele der Befragten.

Jugendtypische hedonistische Mentalität nimmt ab

Zu beobachten sei zudem eine "Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Orientierung". So fühlten sich Jugendliche in der Schule vor allem dann wohl, wenn sie sozial gut eingebunden seien, gute Beziehungen zu den Lehrkräften hätten und sich am Unterricht beteiligen könnten. Dagegen verlören "Feiern gehen, Fun und Action" an Bedeutung: "Die ehemals so jugendtypische hedonistische Mentalität nimmt weiter ab", hieß es. Die verbreiteten Berufswünsche seien "eher bodenständig und realistisch"; wichtig sei den meisten eine gute Work-Life-Balance mit Zeit für Familie, Freunde und sich selbst.

Für die Sinus-Jugendstudie werden alle vier Jahre die Lebenswelten von Teenagern untersucht. Auftraggeber sind unter anderen die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj), der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) sowie die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung. Der Schwerpunkt der Studie lag in diesem Jahr auf der Wahrnehmung der Kirche als Arbeitgeberin. (cbr/KNA)