Das Dach der Yavuz Sultan Selim Moschee in Mannheim. Die Moschee liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur katholische Liebfrauenkirche. Minarett und Kirchturm ragen in den blauen Himmel.
Bild: © KNA
Projekte des interreligiösen Dialogs

Wo sich Christen und Muslime begegnen

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Muslime. Doch wo gibt es wirklich Berührungspunkte zwischen den Religionen? Katholisch.de hat Beispiele für christlich-muslimische Projekte zusammengetragen: von kleinen lokalen Initiativen bis hin zu großen überregionalen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 16.08.2020

Der Islam gehört zu Deutschland, hat der frühere Bundespräsident Christian Wulff 2010 in einer berühmten Rede gesagt. Inzwischen leben laut Bundesregierung zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland, gut fünf Prozent der Bevölkerung. Neben Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene bemüht sich auch eine ganze Fülle eher praxisorientierter interreligiöser Projekte um den Dialog – von kleinen lokalen Initiativen bis hin zu großen überregionalen. Wir stellen beispielhalft einige von ihnen vor. 

Beispiel aus der Jugendarbeit: Gemeinsames Lager christlicher und muslimischer Pfadfinder

Zwischen christlichen und muslimischen Pfadfindern gibt es einige Berührungspunkte. So hat die Dachorganisation der Pfadfinder, der Ring deutscher Pfadfinderverbände, dem auch die christlichen Pfadfinder angehören, vor zwei Jahren den 2010 gegründeten Bund Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinderinnen Deutschlands (BMPPD) in seine Reihen aufgenommen. Das erste gemeinsame Sommerlager muslimischer und christlicher Pfadfinderinnen hatte aber schon zuvor im Jahr 2015 in Rhens am Rhein stattgefunden. Neben Klettern, Wandern, Kennenlern- und Gruppenspielen lernten die Jugendlichen auch die gegenseitigen Gebete und Gottesdienste kennen. Was "halal" oder "haram" beim Essen bedeutet, wird zum Beispiel auf ganz praktischer Ebene durch den Speiseplan klar, der auf Schweinefleisch verzichtet. Und es gibt noch mehr Formen der Zusammenarbeit: Beim Evangelischen Kirchentag 2019 engagierten sich die muslimischen Pfadfinder ehrenamtlich und halfen Besuchern buchstäblich dabei, den Weg zu finden.       

Auch die Pfadfinder (hier ein Symbolbild) engagieren sich im interreligiösen Dialog.

DialogbeleiterInnen und Kulturmittlerinnen

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und die Frauenorganisation der Islamischen Gemeinschaft Mili Görus haben gemeinsam mehrere Jahrgänge sogenannter Kulturmittlerinnen ausgebildet. Muslimische und christliche Frauen sammeln über eineinhalb Jahre Wissen über die jeweils andere Religion, besuchen Kirchen und Moscheen, lesen die Heiligen Schriften und diskutieren über Gottesbilder. Außerdem stoßen sie interreligiöse Projekte in ihrem Heimatgemeinden an. "Gerade in Zeiten, wo Rechtspopulisten Hass und Angst schüren, müssen wir durch solche Projekte für ein friedliches Miteinander einstehen und daran arbeiten", sagte dazu im vergangenen Jahr Handan Yazιcι, die Vorsitzende der Frauenorganisation von Mili Görus.

Einen ganz ähnlichen Titel haben die Dialogbegleiter und -begleiterinnen, die es in mehreren deutschen Bistümern gibt. Ein gemeinsames Angebot der Erzbistümer Köln und Paderborn zum Beispiel richtet sich an junge Juden, Christen und Muslime zwischen 18 und 28 Jahren. Sie erwerben Wissen über die anderen Religionen, lernen aber auch Methoden des Dialogs. So sollen sie zu Multiplikatoren werden, die zu einem gegenseitigen Verständnis der Religionen beitragen. Auch die Dialogbegleiterinnen im Bistum Osnabrück arbeiten so und tragen das Thema in ihre Gemeinden und Dekanate.  

Beispiele für Stiftungen

Auch Stiftungen fördern Projekte des Dialogs zwischen Christen und Muslimen. Dazu gehört auf katholischer Seite etwa die Eugen-Biser-Stiftung, benannt nach dem Theologen und Religionsphilosophen Eugen Biser (1918 bis 2014). Eines ihrer Stiftungsziele ist es, den Dialog mit Judentum und Islam zu fördern. Die Stiftung engagiert sich unter anderem in christlich-islamischer Bildungsarbeit; in diesem Jahr hat sie etwa ein neues Fortbildungsprogramm zu Islamthemen gestartet. Zudem ist bereits ein "Lexikon des Dialogs" entstanden. Auch die Georges-Anawati-Stiftung bewegt sich auf diesem Feld. Ihr Gründer Georges C. Anawati (1905 bis 1994) war ein ägyptischer Dominikaner-Mönch und Pionier des christlich-islamischen Dialogs. Die Stiftung fördert Projekte, die zu einem besseren Verständnis zwischen Christen und Muslimen beitragen. So veranstaltet sie zum Beispiel zusammen mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart regelmäßig einen Essaywettbewerb. Sie wirkt auch mit an der Auswahl der Preisträger des Pax-Bank-Preises für besondere Verdienste der interreligiösen Verständigung.

Christlich-Islamische Gesellschaften

In verschiedenen deutschen Städten gibt es christlich-islamische Gesellschaften, die sich im interreligiösen Dialog engagieren. Die Kölner Gesellschaft besteht seit 1982 und bezeichnet sich als "größte und älteste Organisation des christlich-islamischen Dialogs" in Deutschland. Auf ihrer Homepage christenundmuslime.de sind zahlreiche Veranstaltungen angekündigt, auch in anderen Städten NRWs. Dazu gehört zum Beispiel ein Abend mit dem Titel "König Salomon in der Bibel und der Prophet Salomon im Koran" im September in Solingen oder eine Infoveranstaltung zum Eheverständnis aus islamischer, römisch-katholischer und evangelischer Sicht ebenfalls im September in Dortmund.  

Aus dieser ersten Gesellschaft sind nach Angaben ihres Geschäftsführers Thomas Lemmen nach und nach andere Gruppierungen entstanden. Heute gibt es unter anderem in Gießen, Mannheim, Stuttgart, Pforzheim, Freiburg und Karlsruhe christlich-islamische Gesellschaften. 

Bild: © House of One

Modellansicht des geplanten "House of One" in Berlin.

House of One

Ein einzigartiges Projekt in Deutschland ist das geplante House of One im Zentrum von Berlin. Am historischen Standort der zu DDR-Zeiten abgerissenen Petri-Kirche soll ein gemeinsames Gotteshaus entstehen für die Religionen, die an einen Gott glauben: eine Moschee, eine Synagoge und eine Kirche unter einem Dach. Es soll darin auch einen Raum für die Begegnung mit anderen religiösen und nichtreligiösen Menschen geben. Beteiligt sind die evangelische Kirchengemeinde Sankt Petri-Sankt Marien, die Jüdische Gemeinde Berlin zusammen mit dem Abraham-Geiger-Kolleg (eine Ausbildungsstätte für Rabbiner) und der muslimische Verein Forum für Interkulturellen Dialog, der zur Bewegung des türkischen Predigers Fethullah Gülen gehört. Die katholische Kirche steht dem Projekt eher reserviert gegenüber und ist bisher nicht an Bord. Die Grundsteinlegung hätte eigentlich im April 2020 stattfinden sollen, wurde wegen der Corona-Pandemie aber kurzfristig verlegt.

Von Gabriele Höfling