Papst Franziskus in Nagasaki
75 Jahre nach dem Bombenabwurf über Hiroshima

Einsatz verboten – Besitz erlaubt? Die Päpste und die Atomwaffen

Hiroshima und Nagasaki stehen gemeinsam mit Tschernobyl und Fukushima für die Gefahren der Atomkraft. Gegen den Einsatz von Nuklearwaffen haben sich die Päpste stets gewandt. Doch Franziskus geht noch einen Schritt weiter.

Von Alexander Brüggemann und Roland Juchem (KNA) |  Rom - 06.08.2020

In Hiroshima war es ein sonniger Morgenhimmel, aus dem am 6. August 1945 die Bombe fiel und zu einem tödlichen Blitz wurde. Drei Tage später traf es ein Wohngebiet von Nagasaki – eher per Zufall, weil über der eigentlich angepeilten Industriestadt Kokura die Sicht zu schlecht gewesen war. Mindestens eine Viertelmillion Menschen starben vor 75 Jahren durch diese beiden ersten (und bislang einzigen) Atombombenabwürfe im Krieg; entweder unmittelbar oder an den Folgen wie Verbrennung und Strahlenschäden.

Hiroshima und Nagasaki – diese Namen stehen gemeinsam mit den Reaktorkatastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 als Synonyme für die Gefahren der Atomkraft. Gegen den Einsatz von Atomwaffen haben sich auf der politischen Bühne auch die Päpste stets gewandt. Allerdings: Was ist mit dem Besitzen von Atomwaffen, auf dem das Konzept der gegenseitigen nuklearen Abschreckung überhaupt nur funktioniert? Muss nicht ein einseitiger Verzicht und das damit entstehende Ungleichgewicht der Mächte den Frieden gefährden? Ein Dilemma.

Franziskus folgt nicht seinen Vorgängern

Paul VI. (1963-1978), der Papst des Kalten Krieges, behalf sich argumentativ damit, das nukleare Rüsten auf Augenhöhe als eine notwendige Zwischenlösung zu betrachten, die es aber zu überwinden gelte. Dieser Argumentationslinie gegenüber den Vereinten Nationen folgten auch seine Nachfolger Johannes Paul II. (1978-2005) und Benedikt XVI. (2005-2013).

Der derzeitige Papst Franziskus kann mit dem Konstrukt des "gerechten Krieges" eher wenig anfangen – und er geht in dieser Hinsicht einen Schritt weiter. Ende 2017, als er Teilnehmer einer internationalen Konferenz zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag empfing, nannte er auch den Besitz von Atomwaffen "unmoralisch" – schon wegen ihrer möglichen katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt. Das trug ihm Proteste ein, auch von Katholiken aus den USA und Frankreich.

Papst Paul VI. betrachtete das nukleare Wettrüsten als eine notwendige Zwischenlösung, die es jedoch zu überwinden gelte.

Vor der Japan-Reise des Papstes im November 2019, für die der Vatikan damals einen Appell gegen Nuklearwaffen ankündigte, sollen Vertreter von Atommächten mehrfach versucht haben, eine Aufweichung der Formulierungen zu erreichen. Die Ansprachen des Papstes an den Orten des Bombenabwurfs wurden mit ziemlicher Spannung erwartet. Schon 1981 hatte Johannes Paul II. in Hiroshima und Nagasaki eindringlich zur Beseitigung aller Atomwaffen weltweit aufgerufen.

Und Franziskus sprach eher ungebremst. Der "Gebrauch von Atomenergie zu Kriegszwecken" sei "heute mehr denn je ein Verbrechen", sagte er in Nagasaki. Gemeint war: Alles daran – der Erwerb von spaltbarem Material, die Entwicklung, Konstruktion und Drohung, mithin der Besitz von Atomwaffen – alles daran sei "unmoralisch".

Rüstungsausgaben als "himmelschreiende" Vergeudung

Frieden und internationale Stabilität ließen sich nicht mit einer "Logik von Angst und Misstrauen" sichern, so der Papst. Er mahnte ein Festhalten an Abrüstungs- und Verbotsabkommen an und äußerte sich besorgt über die derzeitige "Erosion des Multilateralismus". Es gelte, in Pflugscharen statt in Schwerter zu investieren, auch um der UN-Nachhaltigkeitsziele 2030 willen. Rüstungsausgaben seien eine "himmelschreiende" Vergeudung angesichts weltweiter Armut und Klimaprobleme.

In Hiroshima sprach Franziskus anschließend weniger als Diplomat denn als Moralist: "Nie wieder Krieg, nie wieder das Dröhnen der Waffen, nie wieder so viel Leid!" Eine atomwaffenfreie Welt sei möglich; sie erfordere aber das Mitwirken aller. "Hier", so formulierte Franziskus, "sind von vielen Männern und Frauen, von ihren Träumen und Hoffnungen, inmitten von Blitz und Feuer nichts als Schatten und Stille zurückgeblieben. In einem Augenblick wurde alles von einem schwarzen Loch aus Zerstörung und Tod verschlungen."

Das Zentrum der japanischen Stadt Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe am 6. August 1945.

Die Überlebenden der Atombomben von vor 75 Jahren werden immer weniger; desto eindringlicher sprachen sie während des Papstbesuchs ihr "Nie wieder". Eher stiller ist es zum Jahrestag der Bombenabwürfe um die dritte schwere Atomkatastrophe, die sich seit damals in Japan ereignet hat: die Reaktorschmelze von Fukushima im März 2011, ausgelöst durch ein schweres Seebeben und einen darauf folgenden Tsunami. Dabei sind die Folgen der Tragödie vor gut neun Jahren im Nordosten Japans noch allgegenwärtig.

Noch immer gibt es die 20-Kilometer-Sperrzone rund um den havarierten Atommeiler Fukushima-Daiichi. Und noch immer gibt es Reste der staatlichen Containersiedlungen, wie sie nach 2011 überall in der Präfektur am Straßenrand lagen. Mit dem allmählichen Ende dieser Provisorien endet auch die gemeinsame Geschichte vieler Dörfer und Städte.

Die Alten bleiben zurück

Vor allem die Jungen haben sich neu arrangiert, haben einen neuen Job, ein neues Haus gebaut. Sie wollen ihre Kinder nicht der Strahlung aussetzen, die vielerorts immer noch viel zu hoch ist. Es bleiben die Alten, die keine Kraft mehr haben, sich ein neues eigenes Leben aufzubauen.

Die Folgearbeiten in der Region Fukushima könnten laut Schätzungen noch 30 bis 40 Jahre dauern – während Japans Regierung schon versucht, den teuren Atomausstieg zurückzudrehen und das ein oder andere AKW wieder hochzufahren. Wachsenden Widerstand gibt es gegen den Plan der Regierung, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser von Fukushima ins Meer zu leiten. Das Wasser wurde nach der Katastrophe zur Kühlung der Brennstoffkerne genutzt und in 960 Tanks gesammelt. Deren Kapazität wird spätestens 2022 erschöpft sein.

Von Alexander Brüggemann und Roland Juchem (KNA)

Papst-Brief an Hiroshima: Atomwaffen sind unmoralisch

Papst Franziskus hat seine Verurteilung schon des Besitzes von Atomwaffen bekräftigt. "Die Nutzung der Atomenergie zu Kriegszwecken ist unmoralisch, ebenso wie der Besitz von Atomwaffen unmoralisch ist", schrieb er zum 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. In dem auf der Website des Hiroshima-Friedenszentrums veröffentlichten Brief erinnert Franziskus an seinen Besuch am 24. November 2019 dort und in Nagasaki.

Als Friedenspilger trage er nach wie vor die Sehnsucht vor allem junger Menschen in seinem Herzen, die "nach Frieden dürsten und auch bereit sind, dafür Opfer zu bringen", so Franziskus weiter. Es sei nie klarer geworden als heute, "dass alle Menschen die Kriegswaffen, insbesondere die mächtigsten und zerstörerischsten, niederlegen müssen, damit Frieden gedeihen kann". Die prophetischen Stimmen der "Hibakusha", wie die Überlebenden des Atombombenabwurfs in Japan heißen, müssten heutigen wie nachfolgenden Generationen eine beständige Warnung sein.

Anders als schon die Päpste vor ihm, die den Einsatz, aber auch die Drohung von Atomwaffen als nicht zu rechtfertigen erklärten, ging Franziskus bei seiner Ansprache im November in Hiroshima einen Schritt weiter. Er bezeichnete allein auch schon den Besitz von Nuklearwaffen als unmoralisch. Er beabsichtige, dies auch noch im Katechismus der katholischen Kirche unterzubringen, sagte der Papst damals auf dem Rückflug von Japan nach Rom. (KNA)