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Standpunkt

Die Weihe des Erzbistums Berlin an Herzen Jesu und Mariä irritiert

In Zeiten von steigender Angst und Hass bedürfe es mehr denn je des emotionalen Gegenprogramms der Kirche, findet Birgit Aschmann. Darauf aber mit Kultformen einer fremd gewordenen Vergangenheit zu reagieren, hält sie für den falschen Weg.

Von Birgit Aschmann |  Bonn - 18.08.2020

Am vergangenen Samstag wurde das Erzbistum Berlin den Heiligen Herzen Jesu und Mariä geweiht. Begründet wurde dies mit der Berliner Tradition, schließlich habe es in 1930er und 1940er Jahren schon einmal Herz-Jesu-Weihen im Bistum gegeben. Allerdings reicht die Geschichte des Kultes noch viel weiter zurück. Man sollte sie kennen, wenn man heute daran anknüpft.

Die französische Salesianerin Margareta Maria Alacoque soll im 17. Jahrhundert von Jesus in einer Vision gebeten worden sein, sich für die Verehrung seines Herzens einzusetzen. Der Kult schlug ein: Das Herz war das Modeorgan des 17. Jahrhunderts – und die Jesuiten verstanden es, die Herzen der Gläubigen dafür zu gewinnen. Doch nicht nur die emotionale Ansprache, auch die Tauglichkeit als Kampfsymbol waren attraktiv: Es entwickelte sich zum Zeichen der Ultras unter den Royalisten und Katholiken. Nachdem die katholische Aufklärung mit dem Herz Jesu nichts anfangen konnte, begann die eigentliche Karriere des Kultes unter dem Ultramontanismus. Pius IX. erließ 1864 nicht nur den Syllabus errorum. Im selben Jahr wurde Alacoque seliggesprochen. Nicht nur im Kulturkampf, auch im Ersten Weltkrieg spielte das Herz Jesu eine wichtige Rolle, versprach dessen Verehrung doch Sieg, Unversehrtheit oder zumindest einen würdigen Tod. Davon, dass diese Versprechen unerfüllt blieben, erholte sich der Kult in Deutschland nicht mehr. Die Verehrung des Herzens Mariä war ein separater Kult, immer verbunden mit der Immaculata.

Wenn nach den Bemühungen von Maria 2.0 um ein neues Marien- und Frauenbild das Erzbistum jetzt Gebete zum "unbefleckten Herzen Mariens" formuliert, muss das irritieren. Völlig unstrittig: In Zeiten emotionaler Bedrängnis, von Angst und Hass, bedarf es mehr denn je des emotionalen Gegenprogramms der Kirche. "Herz zeigen" und "Liebe schenken" sind fundamental. Wenn wir aber nur die Kultformen einer fremd gewordenen Vergangenheit reaktivieren, steht es nicht gut um die Zukunftsfähigkeit der Kirche.

Von Birgit Aschmann

Die Autorin

Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

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