Dokument beschädigte Ökumene und Beziehung zum Judentum

20 Jahre "Dominus Iesus": Wie der Vatikan für Irritationen sorgte

Aktualisiert am 05.09.2020  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Die heitere Stimmung des christlichen Jubiläumsjahres 2000 erfuhr einen Dämpfer, als der Vatikan das Dokument "Dominus Iesus" vorlegte. Die "Bombe aus Rom" wirkte lange nach und beschädigte die ökumenischen Beziehungen.

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Sie war ein entschiedenes Plädoyer wider den religiösen Relativismus, wonach jeder Glaube gleich gut zum Heil führt: Die Erklärung "Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche" erschien am 5. September 2000. Das dichte und kurze Papier wandte sich gegen eine pluralistische Religionstheologie, die Jesus Christus auf eine Stufe mit anderen Religionsstiftern stellt und die universale Bedeutung des Christentums und der Kirche anzweifelt.

Das Dokument der Glaubenskongregation, von manchem als "Bombe aus Rom" etikettiert, führte zu Irritationen innerhalb der katholischen Kirche, in der Ökumene, in den Beziehungen zum Judentum und zu weiteren Dialog-Partnern.

Erklärung sollte feierliches Bekenntnis zu Christus werden

Eigentlich wollten Johannes Paul II. und sein oberster theologischer Berater Kardinal Joseph Ratzinger zum Höhepunkt des Heiligen Jahres ein feierliches Bekenntnis zu Christus ablegen, dem sich die Gläubigen neu anschließen sollten. Aber nach der glanzvollen ökumenischen Eröffnung der Heiligen Pforte in der Pauls-Basilika und einem gemeinsamen Märtyrergedenken im Kolosseum löste das Papier massive Verstimmungen auf.

Es schien wie eine Abkehr von der Linie des Konzils, das 1965 die alte Lehre ("Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil") modifiziert hatte durch den Satz, die Kirche lehne "nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist". Zudem wurde "Dominus Iesus" ein Problem im evangelisch-katholischen Verhältnis, weil es den "Dialog auf Augenhöhe" aufzukündigen schien. Und auch der jüdisch-christliche Dialogtag zum Anno Santo wurde als Reaktion auf das Dokument von jüdischer Seite abgesagt.

Besonders drei Kernaussagen eckten an: Das Christentum ist nicht eine Religion unter vielen, sondern die wahre Religion. Es gibt eine einzige Kirche Christi, die in der katholischen, vom Papst und den Bischöfen geleiteten Kirche subsistiert (verwirklicht ist). Die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften (Protestanten und Anglikaner) sind "nicht Kirchen im eigentlichen Sinne", weil sie nicht den gültigen Episkopat im Weihesakrament und die vollständige Wirklichkeit der Eucharistie bewahrt haben.

Joseph Ratzinger vor dem Petersdom
Bild: ©KNA

Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., hatte als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation erheblichen Anteil an der Entstehung von "Dominus Iesus".

Angesichts eines wachsenden theologischen Pluralismus, der den Dialog gleichsam zum Dogma erhebt und damit Mission und Bekehrung verdrängt, sah die Glaubenskongregation Klärungsbedarf. Für Ratzinger gehörte der Text zu seinem Kampf gegen eine Mentalität des Relativismus - ein starkes Thema auch seines späteren Pontifikats.

Von der massiven Kritik, die vor allem den zwei Seiten über die "Einzigkeit und Einheit der Kirche" galt, war der Vatikan sichtlich überrascht und bemühte sich bald um Schadensbegrenzung. Der Text enthalte nichts Neues und ändere somit auch nichts am ökumenischen Dialog, verlautete aus der Glaubens-Kongregation.

Papst Johannes Paul II. beklagte "zahlreiche Fehlinterpretationen"

Papst Johannes Paul II. schaltete sich persönlich ein, beklagte "zahlreiche Fehlinterpretationen". Dominus Iesus" sei eine Einladung an alle Christen, ihre Bindung an Christus als den einzigen Sohn und Mittler Gottes zu erneuern. Dies bedeute keine "Arroganz, die andere Religionen abwertet". Und der Text habe dieselbe "ökumenische Leidenschaft" wie die Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" (1995).

Vor allem der damalige Ökumene-Chef Kardinal Edward Cassidy und sein Vize Bischof Walter Kasper versuchten, die gröbsten Missverständnisse auszuräumen - letztlich mit Erfolg; der Dialog ging weiter. Freilich gab es auch intern manche Kritik: Die Sprache des Textes sei zu abstrakt, abgrenzend, missverständlich, schwierig zu vermitteln. Er stehe voll hinter den Grundaussagen des Dokuments, erklärte Kasper, hätte aber manches anders formuliert.

Das Dokument sage ja nicht, die evangelischen Kirchen seien keine Kirchen, sondern sie seien keine Kirchen in dem Sinn, wie die katholische Kirche sich als Kirche versteht. Die evangelischen Kirchen wollten gar nicht Kirche in diesem Sinn sein; sie legten Wert darauf, ein anderes Kirchen- und Amtsverständnis zu haben, das Katholiken wiederum nicht für das eigentliche halten. Sie seien "Kirchen anderen Typs", so Kasper. Und auch Benedikt XVI. präzisierte später im Interviewbuch "Licht der Welt", sie seien "auf andere Weise Kirche".

"Dominus Iesus" hat Verstimmungen ausgelöst, die aber bald - spätestens mit dem Reformationsgedenken 2017 und dem katholisch-lutherischen Gipfeltreffen von Lund - überwunden wurden. Allerdings hat das Papier klargemacht, dass es in der Ökumene nicht nur Gemeinsames und nur Erfolge gibt, sondern auch Trennendes, das in der ökumenischen Euphorie nicht übersehen sondern klar benannt werden sollte. Ein Wort zu den Grenzen in der Ökumene, meinte damals der Mainzer Bischof Karl Lehmann, sei überfällig gewesen.

Von Johannes Schidelko (KNA)