Ein Mensch mit Kapuzenpullover trägt ein Schild mit der Aufschrift "Mein Gott diskriminiert nicht"
Junge Theologinnen wollen digital "dauerhaft laut" sein

Initiative: Menschen erleben in der Kirche täglich Diskriminierung

Jeden Tag würden Menschen in der katholischen Kirche Diskriminierungserfahrungen machen, sagt die neue Initiative "meinGottdiskriminiertnicht.de". Mit einer Plattform möchten die Initiatorinnen auf diese Erfahrungen aufmerksam machen, junge Stimmen in der Kirche vernetzen – und Änderungen anstoßen.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 28.09.2020

Die Kirche diskriminiere Frauen, Homosexuelle und queere Menschen durch den Ausschluss vom Weiheamt. Das sei nicht vereinbar mit dem Gott, den sie predige, betonen drei Theologiestudentinnen beziehungsweise -promovendinnen aus Freiburg. Deswegen haben sie einen digitalen Protest gestartet: Seit wenigen Wochen existiert die Plattform "meinGottdiskriminiertnicht.de". Luisa Bauer, Lisa Baumeister und Claudia Danzer wollen mit der neuen Initiative diese Diskriminierungserfahrungen in der katholischen Kirche sichtbar machen – und sich für strukturelle Veranderungen einsetzen. Im Interview erläutern sie die Hintergründe der Kampagne.

Frage: Dem Namen Ihrer Initiative nach diskriminiert Gott nicht, die Kirche allerdings schon. Hängt die Kirche, so wie sie sich heute zeigt, Ihrer Meinung nach also einem falschen Gottesbild nach?

Baumeister: Wir glauben nicht, dass die Kirche einem falschen Gottesbild nachhängt. Die Kirche predigt ja selbst von einem liebenden und gerechten Gott. Wir sehen jedoch die große Diskrepanz zwischen diesem Gottesbild und den Strukturen der Kirche. Diese diskriminieren nämlich bestimmte Menschen und schließen sie aus. Nimmt man diesen liebenden und gerechten Gott ernst, muss man als Kirche nicht die Inklusion von Menschen, sondern deren Exklusion rechtfertigen.

Frage: Warum gibt es dann immer noch diese Diskrepanz?

Danzer: Manches an dem, wie sich die Kirche zeigt, ist historisch bedingt. Wie von Gott gesprochen wird, hat sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verändert. Strukturell wurde die veränderte Theologie unserer Meinung nach aber nicht umgesetzt. Der Stillstand der Reformen dauert nun schon Jahrzehnte an. Nur wenn die Kirche ihre diskriminierenden Strukturen aufhebt, kann sie wieder glaubwürdig von einem liebenden und gerechten Gott sprechen. Aus diesem Grund gibt es nun ja auch bundesweit innerkirchliche Proteste wie beispielsweise "Maria 2.0". Es muss sich jetzt etwas tun, es kann nicht länger gewartet werden.

Frage: Sie sagen, Vieles an der Gestalt der Kirche ist historisch bedingt. Aber die Kirche beruft sich ja auch in ihrer Struktur auf die Tradition und die Offenbarung

Bauer: Natürlich. Aber es geht auch immer um ein besseres Verstehen von Tradition und Offenbarung. Menschen machen in der Kirche täglich verletzende Diskriminierungserfahrungen, die sie im tiefsten Kern ihrer Identität treffen. Wie könnte ein liebender Gott das wollen? Wir finden, das passt nicht mit Jesu Eintreten für Benachteiligte und Marginalisierte zusammen.

Frage: Sie wollen sich für Änderungen bei den Themen Amt, Struktur und Sexualität einsetzen. Was sind Ihre Gegenargumente gegen "Bewahrer" der Lehre?

Danzer: Die Kirche und somit auch ihre Lehre haben sich immer verändert. Wir müssen uns fragen, wie wir eine zukunftsfähige Kirche sein wollen. Wie sieht eine Kirche aus, in der wir wieder glaubwürdig von Gott sprechen können? Wir können und wollen an keinen Gott glauben, der etwa Frauen und queere Menschen vom Priesterinnenamt ausschließt.

Seit der Veröffentlichung der MHG-Studie 2018 sind wir zudem mit dem Ergebnis konfrontiert, dass die römisch-katholische Kirche in der jetzigen Verfassung nachweislich sexuellen Missbrauch begünstigt. So eine Kirche dürfen wir nicht länger sein.

"Gott*" mit Genderstern: Dogmatikerin Eckholt kritisiert KSJ-Kampagne

Die Katholische Studierende Jugend will "Gott*" künftig mit einem Genderstern schreiben, um sich für ein vielfältiges Gottesbild starkzumachen. Kritik daran übt jetzt die Osnabrücker Dogmatikerin Margit Eckholt. Denn schon der Begriff "Gott" allein lasse eine Vielfalt zu, sagte sie katholisch.de.

Frage: Oftmals wird der Vorwurf laut, Frauen, die Priesterinnen werden wollen, gehe es nur um Macht und Einflussmöglichkeiten und nicht um den Dienst an der Kirche. Was entgegnen Sie dem?

Bauer: Wie in jeder anderen Organisation geht es auch um Macht. Das ist ganz natürlich, wenn sich Menschen zusammenschließen. Es ist eine Verschleierungstaktik, davon zu sprechen, dass es in der römisch-katholischen Kirche nur um den selbstlosen Dienst gehe. Auch Frauen wollen die Kirche auf Augenhöhe mitgestalten. Und dazu brauchen sie gleichberechtigten Einfluss. Sie sind schließlich – genau wie Männer – nach dem Ebenbild Gottes geschaffen.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht entscheidender: Die Frage nach der Struktur in der Kirche oder die Frage, wie sie unter den aktuellen Bedingungen das Evangelium unter die Leute bringt?

Baumeister: Das hängt ganz stark zusammen. So, wie die Kirche gerade strukturiert ist, macht sie ihre Erzählung von Gott, der sich gegen Diskriminierung und Marginalisierung einsetzt, unglaubwürdig. Damit sie ihre Botschaft wieder glaubwürdig verkünden kann, muss sie ihre Strukturen ändern.

Frage: Als Ihre Vision geben Sie eine Demokratisierung kirchlicher Strukturen an, die den Glaubenssinn aller Gläubigen in die Mitte rücken soll. Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Danzer: Wir beanspruchen keinen Masterplan, sondern setzen auf einen Diskurs – so, wie er gerade beim Synodalen Weg mit der Beteiligung heterogener Gruppen des Katholizismus bereits stattfindet. Wir haben ja gerade im Bereich des Ehrenamts schon seit Jahrzehnten demokratische Strukturen in der Kirche in Deutschland. Von diesen kann die hierarchische Seite der Amtskirche viel lernen.

Frage: Nun gib es bereits einige Kampagnen die das Gleiche fordern wie Sie, beispielsweise "Maria 2.0". Was genau unterscheidet Ihre Initiative von anderen?

Danzer: Unser primäres Ziel ist es, dafür zu kämpfen, dass die Diskriminierungserfahrungen in der katholischen Kirche, die leider alltäglich sind, sichtbar gemacht werden. Wir sehen den digitalen Raum auch als Chance an, weil Diskriminierungserfahrungen in der Öffentlichkeit heutzutage gerade dort verhandelt werden. Indem wir diese Diskriminierungserfahrungen digital sichtbar machen, wollen wir unser Ziel weiterverfolgen, eine diskriminierungsfreie Kirche zu werden. Wir rufen Unterstützerinnen und Unterstützer unserer Anliegen auf, uns ihre Vision der Kirche der Zukunft mitzuteilen.

Frage: Kritiker von Reformdebatten behaupten häufig, die Frage nach Struktur und Ämtern in der Kirche werde nur noch von älteren Menschen gestellt und verweisen dabei oft auf die Altersstruktur von Initiativen wie "Maria 2.0". Wie sehen Sie das?

Bauer: Die Reaktionen auf unsere Initiative sprechen da eine andere Sprache. Junge Menschen beschäftigen sich mit den Themen und äußern sich dazu. Wirft man einen Blick in die Jugendarbeit, in die sozialen Netzwerke, an die Unis oder Hochschulgemeinden, werden dort die Fragen gestellt – und zwar immer und immer wieder. Dabei stellen aber viele fest, dass sie kirchlicherseits entweder gar nicht wahrgenommen werden oder damit gegen Wände laufen. Unsere Idee war, ihnen eine Vernetzungsplattform und eine Stimme zu geben. Wir wollen ihnen die Sichtbarkeit geben, die ihnen zusteht, weil auch sie Kirche sind. Und soziale Medien bieten die Möglichkeit, auch dauerhaft laut zu sein, und nicht nur punktuell bei Veranstaltungen.

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Frage: Welche Reaktionen haben Sie aus dem Milieu der Theologiestudenten bislang erhalten?

Baumeister: Wir haben viele positive Reaktionen bekommen. Sie freuen sich, dass sie sich jetzt vernetzen können, weil auch sie diese Forderungen unterstützen. Es zeigt ihnen, dass sie nicht allein sind, sondern dass es viele junge Menschen gibt, die sich Veränderungen in der Kirche wünschen.

Frage: Ihre Initiative ist noch recht jung. Haben Sie einen Überblick, wie groß die Zahl Ihrer Unterstützer ist?

Baumeister: Wir haben in der ersten Woche bereits großen Zuspruch erfahren. Auf Instagram haben wir innerhalb einer Woche über 500 Follower gewonnen. Täglich bekommen wir mehrere E-Mails zugeschickt, in denen die Leute ihre Vision von Kirche mit uns teilen. Hinter unsere Anliegen haben sich neben vielen Privatpersonen unter anderem "Maria 2.0", der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und der Freiburger Diözesanverband der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) gestellt. Es sind also viele, die die gleichen Anliegen teilen und auch schon lange dafür kämpfen.

Frage: Wie wollen Sie sich mit Ihren Anliegen bei der kirchlichen Hierarchie Gehör verschaffen?

Bauer: Wir sehen unsere Aufgabe darin, am Diskurs teilzunehmen. Dadurch, dass wir eine Vernetzungsplattform sind, hoffen wir, dass sich viele Menschen hinter unsere Forderungen stellen und dass wir so an Sichtbarkeit gewinnen. Klasse wäre natürlich, wenn sich auch die Bischöfe hinter unsere Forderungen stellen würden.

Frage: Zuletzt gab es eher negative Signale aus dem Vatikan, wenn es um deutsche Reformvorhaben ging. Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung, dass sich etwas in der Kirche verändert?

Danzer: Was aus dem Vatikan zuletzt kam, war auf jeden Fall enttäuschend. Uns gibt aber Hoffnung, dass auf dem Synodalen Weg gerade Klartext gesprochen wird. Dort wird gemeinsam in einem demokratischen Prozess um die Frage gerungen, wie es mit dem Katholizismus weitergeht und wer die Definitionshoheit darüber hat, was katholisch ist. Unserer Meinung nach sind das alle Gläubigen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass junge Leute in ihrer Forderung nach einer diskriminierungsfreien Kirche gehört werden.

Von Matthias Altmann