Hat die legendäre Begegnung vor 800 Jahren nie stattgefunden?

Islamwissenschaftler: Heiliger Franziskus traf Sultan wohl nicht

Aktualisiert am 08.10.2020  –  Lesedauer: 

Zürich ‐ Papst Franziskus beruft sich darauf in seiner neuen Enzyklika genauso wie bei der Unterzeichnung des "Abu-Dhabi-Dokuments": Doch die legendäre Begegnung des heiligen Franz von Assisi mit Sultan Al-Kamil vor 800 Jahren könnte nie stattgefunden haben.

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Die legendäre Begegnung zwischen dem heiligen Franz von Assisi (1181/82-1226) und dem ägyptischen Sultan Al-Kamil hält der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze für unwahrscheinlich. Eher könnte der Heilige während des Kreuzzugs 1219 nahe der Nilmündung den religiösen Berater des Sultans getroffen haben, sagte Schulze dem Portal kath.ch (Donnerstag). "Letzteres halte ich für eher wahrscheinlich, da dann wohl ein Gespräch auf Augenhöhe stattgefunden haben mag."

Fiktion sei sicherlich auch die Darstellung der Motivation des Heiligen. Christlichen Überlieferungen zufolge wollte der Ordensgründer den muslimischen Herrscher zum Christentum bekehren und den Kampf verhindern. "Allerdings dürfte das Treffen auf ägyptischer Seite wenig spektakulär gewesen sein. Daher wurde es in den sonst sehr akribisch berichtenden Chroniken nicht erwähnt", so Schulze.

In seiner am Wochenende veröffentlichten Enzyklika "Fratelli tutti" geht Papst Franziskus auch auf das Treffen seines Namenspatrons mit dem Sultan ein. Er schreibt: "Es berührt mich, wie Franziskus vor 800 Jahren alle dazu einlud, jede Form von Aggression und Streit zu vermeiden und auch eine demütige und geschwisterliche 'Unterwerfung' zu üben, sogar denen gegenüber, die ihren Glauben nicht teilten." Auch die Papstreise auf die Arabische Halbinsel im Jahr 2019 stand ganz im Zeichen des Treffens 800 Jahre zuvor. Damals unterzeichneten Papst Franziskus und Großimam Ahmad Al-Tayyeb das als Abu-Dhabi-Dokument bekannt gewordene "Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen".

Papst genieße unter Muslimen "recht hohe Anerkennung"

Schulze attestiert dem Papst "eine sehr zeitgenössische Deutung" des damaligen Geschehens in seiner neuen Enzyklika. "Die Wortwahl spiegelt sehr gut die Sehnsüchte von heute wider. Doch ob sich Francesco hier richtig verstanden fühlen würde, wage ich zu bezweifeln." Die frühen Berichte, die schon seit 1220 zirkulierten, zeichneten eher das "Bild eines religiösen Eiferers", so der Islamwissenschaftler. Dem Heiligen sei es wohl mehr um die Macht des Wortes gegangen als um eine Unterwerfung gegenüber Andersgläubigen.

Die Stellung des Papstes genieße unter den Muslimen, die Jesus von Nazareth als wichtigen Propheten verehren, "eine recht hohe Anerkennung", so Schulze. Das Oberhaupt der katholischen Kirche gelte allerdings nicht als Stellvertreter Jesu, sondern als eine oberste religiöse Autorität. (tmg/KNA)