Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße nachdenklich
"Bild"-Zeitung zitiert aus angeblicher Gesprächsnotiz des Erzbistums Köln

Erzbischof Heße weist erneute Vertuschungsvorwürfe zurück

Schwere Vorwürfe erhebt die "Bild"-Zeitung gegen Hamburgs Erzbischof Stefan Heße: Er soll als Personalchef im Erzbistum Köln einen Priester geschützt haben, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Die "Bild" bezieht sich unter anderem auf eine angebliche Gesprächsnotiz. Heße weist die Anschuldigungen nun entschieden zurück.

Köln/Hamburg - 14.10.2020

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat erneute Vorwürfe zurückgewiesen, sexuellen Missbrauch vertuscht zu haben. "Ich schließe für mich aus, einem Vorgehen zugestimmt zu haben, bei dem in Fällen sexuellen Missbrauchs von Gesprächsinhalten keine Protokolle angelegt oder gar Protokolle, Akten oder Gesprächsnotizen im Zweifel vernichtet werden sollen", sagte Heße am Mittwoch auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Hamburg.

Wie die "Bild"-Zeitung (Mittwoch) berichtet, soll der frühere Personalchef des Erzbistums Köln einen Priester geschützt haben, der sich zwischen 1993 und 1999 mehrfach an seinen damals zwischen 6 und 13 Jahre alten Nichten vergangen haben soll. Die Staatsanwaltschaft Köln hat am 31. Juli Anklage gegen den Beschuldigten erhoben, wie ein Sprecher des Landgerichts Köln auf Anfrage bestätigte. Zum Missbrauch sei es laut der 22-seitigen Anklageschrift beim Computerspiel, Fernsehen sowie in der Badewanne gekommen, darunter ein Beischlaf-Fall und zwei weitere schwere Fälle.

Heße: Widerspricht meinen Überzeugungen

"Bild" zitiert aus einer nicht näher genannten Quelle eine Gesprächsnotiz des Erzbistums Köln vom 3. November 2010. Danach soll der beschuldigte Pfarrer "im Generalvikariat in einem Gespräch alles erzählt" haben. "Es sollte über dieses Gespräch jedoch bewusst kein Protokoll angefertigt werden, weil befürchtet wurde, dass dies dann beschlagnahmefähig wäre", so die Quelle laut "Bild" weiter. "Aus diesem Grund sollten nur handschriftliche Notizen existieren, die notfalls vernichtet werden könnten. Herr Prälat Dr. Heße gibt zu diesem Vorgehen sein Einverständnis."

Der Erzbischof weist diese Darstellung zurück. Das Nichtanfertigen oder Vernichten von Protokollen, Akten oder Gesprächsnotizen "widerspricht nicht nur zutiefst meiner Überzeugung bei der Frage der Aufklärung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, sondern auch meinem jahrzehntelangen Handeln in dieser Frage", so Heße.

Laut der Zeitung hat die Staatsanwaltschaft Köln bereits 2010 in dem Fall ermittelt. Das Verfahren sei eingestellt worden, nachdem die Opfer ihre Anzeige zurückgezogen hätten - angeblich wegen familiären Drucks. Mitarbeiter des Erzbistums sollen erfahren haben, dass der beschuldigte Priester 3.000 D-Mark "Schweigegeld" an die Mutter der Opfer gezahlt habe. Außerdem soll sich die Diözese mit 3.000 Euro an seinen Anwaltskosten beteiligt haben. Der zunächst beurlaubte Geistliche sei bald wieder in der Krankenhausseelsorge eingesetzt worden.

"Hin- und nicht weggeschaut"

Nach einer kircheninternen Prüfung möglicher alter Missbrauchsfälle untersagte der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki dem Pfarrer im April 2019 die Ausübung seines priesterlichen Dienstes, wie das Erzbistum Köln auf Anfrage mitteilte. Gleichzeitig sei die vatikanische Glaubenskongregation informiert worden, später auch über die Anklageerhebung.

Im September waren Teile einer bisher unveröffentlichten Studie zu sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese bekanntgeworden. Darin wird Heße eine "indifferente" und "von fehlendem Problembewusstsein" geprägte Haltung gegenüber dem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker vorgeworfen. Der heutige Erzbischof von Hamburg hatte die Anschuldigungen zurückgewiesen. "Ich habe immer hin- und nicht weggeschaut", sagte er Ende September in einem Interview. Sicher seien auch ihm Fehler passiert, aber er könne ausschließen, dass er jemals versucht habe, Täter zu schützen oder Taten zu vertuschen. Heße war ab 2006 Personalchef und von 2012 bis 2015 Generalvikar im Erzbistum Köln. (KNA)

14.10., 16 Uhr: Ergänzt um Reaktion des Erzbistums Köln.