Parallelen und Einzigartiges rund um die Feier der Geburt Jesu

Das Weihnachtsfest – alles nur geklaut?

Aktualisiert am 16.12.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Menschwerdung Gottes zählt zu den Kernüberzeugungen des Christentums. Als Weihnachtsfest erfreut sich dieser Glaubensinhalt weltweit größter Beliebtheit. Doch vom Himmel gefallen ist das Geburtsfest Jesu nicht – wie ein Blick in die Religionsgeschichte zeigt.

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Kaum ein anderes Fest ist so breit in unserer Gesellschaft verankert und prägt den Jahreslauf so stark wie das Weihnachtsfest. Nicht selten hört man bereits mitten im Sommer den erstaunten Ausruf beim Blick in den Kalender: In sechs Monaten ist schon wieder Weihnachten! Das Fest ist ein Fixpunkt innerhalb des Jahres – vielleicht mehr noch als Silvester –, es trennt das Vorher und Nachher durch eine dem Alltag enthobene, mit emotionalen Sehnsüchten und familiären Bräuchen ausgestaltete Ruhephase. Und das ohne Zweifel nicht nur unter Christen: Auch in andersgläubigen und säkularen Bevölkerungsteilen haben die Weihnachtsfeiertage und die angrenzende Advents- und Weihnachtszeit einen hohen Stellenwert – und ihre eigene "weltliche Liturgie".

Wie von kirchlicher Seite oft beklagt, mag es Bereiche geben, in denen Weihnachten nur noch als Werbename vermarktet wird. Jenseits solcher Auswüchse jedoch ist eine inhaltliche Verbindung vom "Fest der Liebe" zum "Hochfest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus" nach wie vor erkennbar. So zeigt die breite Rezeption des Weihnachtsfestes vor allem eines: seine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an veränderte Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Interessen.

Außergewöhnliche Geburten bedeutender Personen

Wie groß die Anschlussfähigkeit des Weihnachtsfestes schon immer war, macht ein Blick in seine Entstehungsgeschichte deutlich. Bereits die neutestamentliche Erzählung von der Empfängnis Jesu zeigt, wie eng die christliche Bildwelt mit den religiösen und mythologischen Traditionen ihrer Zeit verwoben war: Die uns so vertraute Verkündigungsgeschichte (Lk 1,16–38), wonach die Jungfrau Maria vom Engel Gabriel erfährt, dass sie durch "die Kraft des Höchsten" einen Sohn gebären werde, obwohl sie "keinen Mann erkennt", dürfte auch den antiken Lesern nicht gänzlich unbekannt gewesen sein. Immerhin war es eine verbreitete Annahme in der "heidnischen Welt", dass sich die herausragende Bedeutung "großer Männer" bereits durch außergewöhnliche Umstände bei deren Geburt ankündigen würde. So ist etwa von Perseus und anderen Helden der griechischen Mythologie überliefert, dass ihre noch jungfräulichen Mütter sie direkt von Göttern empfangen hätten, die ihnen in Menschengestalt oder als Naturphänomen begegnet seien. Auf ähnliche Weise sollen auch Platon und Alexander der Große das Licht der Welt erblickt haben, die sie durch ihr Denken und Handeln nachhaltig verändern sollten.

Empfängnis des griechischen Helden Perseus
Bild: ©Antonio da Correggio/Web Gallery of Art/Public Domain

Vertraute Szene und doch anders: Auch vom griechischen Helden Perseus wird in der Mythologie überliefert, dass ihn seine Mutter Danaë als Jungfrau von einem Gott empfangen habe. (Antonio da Correggio: "Danaë", Rom 1530)

Aber auch in der hebräischen Bibel, unserem heutigen Alten Testament, finden sich unter den Erzvätern und Propheten außergewöhnliche Geburten – wenn auch nicht von Jungfrauen, so doch von Frauen, die eigentlich zu alt für eine Schwangerschaft waren oder zuvor als unfruchtbar galten, wie Sara, die Mutter Isaaks (Gen 18,10–14; 21,1–8) oder Rebekka, die Mutter von Esau und Jakob (Gen 25,21–26). War es da nicht äußerst naheliegend, dass auch die Geburt des lang ersehnten Messias auf wunderbare Weise zustande gekommen war? Und kann man vor diesem Hintergrund nicht verstehen, dass die Christen die altehrwürdige Jesaja-Prophezeiung (Jes 7,14) auf Jesus bezogen? Zumal bereits die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments, aus dem hebräischen "alma" (junge Frau) das griechische "parthenos" (Jungfrau) gemacht hatte: "Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben." Die neue Einheitsübersetzung von 2016 behält diese Wortanpassung in langer Tradition bei, versieht die Stelle aber immerhin mit einem Kommentar.

Zu Bethlehem geboren – aber wann?

Noch deutlicher wird die Verflechtung des christlichen Glaubens mit seiner antiken Umwelt mit Blick auf den Termin des Weihnachtsfestes. Während in den ersten Jahrhunderten des Frühchristentums vor allem die Feier vom Leiden und der Auferstehung Jesu im Vordergrund stand, wurde seine Geburt nicht mit einem eigenen Fest begangen. Erst ab dem ausgehenden dritten Jahrhundert kam offenbar verstärkt das Bedürfnis auf, auch die Herkunft des Erlösers besonders zu feiern. Im Unterschied zum Tag der Kreuzigung Jesu, der durch seinen Ereigniszusammenhang mit dem jüdischen Pessachfest verhältnismäßig leicht zu datieren war, gaben die biblischen Erzählungen über den Geburtstermin jedoch keine näheren Auskünfte. Für die Etablierung des 25. Dezembers als Geburtstag Jesu gibt es daher verschiedene Erklärungen.

Die als Berechnungshypothese bekannte Theorie beruht auf Überlegungen, die bereits zur Zeit der Kirchenväter niedergeschrieben wurden: In diesen Texten findet sich die Annahme, dass Gott besondere Menschen aufgrund seiner Liebe zur Vollkommenheit an dem gleichen Tag im Jahr sterben lasse, an dem sie auch geboren wurden. Da dies für seinen eigenen Sohn in besonderer Weise gelten müsse, legte man für Jesus bereits den Moment seiner Zeugung als Lebensbeginn fest und identifizierte ihn mit dem 25. März, seinem angenommenen Todestag. Von diesem Datum rechneten die antiken Autoren neun Monate weiter und kamen schließlich auf den uns bekannten Weihnachtstermin. Dass diese Herleitung vor allem symbolisch zu verstehen war und für unsere heutigen Ohren eher abenteuerlich klingt, liegt auf der Hand.

Vergleichsdarstellung des griechischen Sonnengottes Helios, des römischen Sol invictus und von Christus mit Strahlenkranz
Bild: ©Bukvoed/Own work/CC BY 3.0/Public Domain

Die griechische und die römische Götterwelt durchdrangen sich gegenseitig und hatten auch Einfluss auf das entstehende Christentum. Antike Darstellungen zeigen die ikonographische Verwandschaft: links der griechische Sonnengott Helios (Mosaik in der Synagoge von Tiberias, 5. Jh.), in der Mitte der römische Sol invictus (Relief aus dem 2. Jh.), rechts Christus als Personifikation der aufgehende Sonne (Mosaik in den Vatikanischen Nekropolen, 3. Jh.) – jeweils mit Strahlenkranz und Weltkugel.

Christus und der Gott der unbesiegten Sonne

Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts konzentriert sich die religionswissenschaftliche Forschung deshalb auf den Zusammenhang des christlichen Weihnachtsfestes mit dem römischen Fest des "sol invictus", dem Gott der unbesiegten Sonne: Da der 25. Dezember als Sonnenfest im ganzen römischen Reich verbreitet war, ist davon auszugehen, dass die Übereinstimmung von christlicher Seite nicht nur in Kauf genommen wurde, sondern gewollt war. Während religionskritische Autoren mit diesem Umstand belegen wollten, das Christentum sei lediglich aus einer Mischung "heidnischer" Einflüsse entstanden, betonen aktuellere Forschungsbeiträge vor allem die Einordnung beider Feste in den Sonnenkult als "religiöses Modephänomen" der Spätantike.

Der 25. Dezember markierte in der Antike den Tag der Wintersonnenwende, den Zeitpunkt im Jahr, ab dem die Nächte wieder kürzer werden und das Sonnenlicht mit jedem Tag zunimmt. Der Unterschied zum astronomisch exakten Termin erklärt sich durch eine Verschiebung bei der Einführung des Julianischen Kalenders. Damit aber war der 25. Dezember das ideale Datum nicht nur für das Fest des "sol invictus", sondern auch für die Geburt des christlichen Erlösers. Der Sieg der Sonne über die Dunkelheit bot der frühen Kirche ein ideales Sinnbild für Christus, von dem sie glaubte, er habe den Tod bezwungen und leuchte nun als "Sonne der Gerechtigkeit" (Mal 3,20) über seinen Gläubigen. Wie sehr die "religiöse Konkurrenz" bei dieser Interpretation eine anregende Wirkung hatte, zeigt etwa das Zitat aus einer Weihnachtspredigt des Bischofs Augustinus: "Freuen auch wir uns, Brüder, es mögen die Heiden noch so jubeln: denn diesen Tag konsekriert uns nicht die sichtbare Sonne, sondern ihr unsichtbarer Schöpfer."

Sechs Frauen in weißen Gewändern und mit Kerzen, die erste in der Reihe trägt zudem einen Kerzenkranz auf dem Kopf.
Bild: ©dpa/Frank Rumpenhorst

Das im schwedischen Brauchtum verwurzelte Luciafest fällt heute auf den 13. Dezember, wurde ursprünglich aber ebenfalls zur Wintersonnenwende gefeiert.

Im gleichen Maße wie der römische Sonnenkult langsam an Bedeutung zu verlieren begann, breitete sich der 25. Dezember als Weihnachtsfest immer weiter aus. Seine Popularität wurde so groß, dass es sogar die ostkirchliche Tradition in den Hintergrund drängte, die Geburt Jesu am 6. Januar als Epiphanie des neuen göttlichen Herrschers zu feiern. Die Lichtsymbolik konnte ihre Anziehungskraft hingegen weit über die Antike hinaus behalten und findet in zahlreichen Weihnachtsbräuchen bis heute ihren Widerschein: in dem mit Kerzen und funkelnden Kugeln geschmückten Christbaum oder dem von Woche zu Woche heller strahlenden Adventskranz. Und selbst der deutsche Name "Weihnachten" steht in Verbindung zur Wintersonnenwende und geht wohl auf ein germanisches Mittwinterfest zurück, das sich über mehrere heilige Nächte ("wihen nahten") erstreckte.

Alles nur geklaut?

Zahlreiche religionsgeschichtliche Parallelen und Überschneidungen mit anderen Kulturen lassen schnell erkennen: Das Fest von der Geburt Jesu ist mit seiner Symbolik und seiner rituellen Ausgestaltung nicht vom Himmel gefallen. Wie sollte es auch, war das Christentum doch von seinem Selbstverständnis her auf die werbende Durchdringung seiner Umwelt ausgelegt – "prüft alles und behaltet das Gute" (1 Thess 5,21). Schaut man aber auf den inhaltlichen Kern des Weihnachtsfests, zeigt sich ebenso deutlich seine gewissermaßen "himmlische" Herkunft, ein religiöses Alleinstellungsmerkmal, durch das sich das Christentum markant von anderen Religionen unterscheidet: Der "Stern von Bethlehem" und das zunehmende Tageslicht kündigen keinen gewaltigen Herrscher an, der die Welt mit Pomp und Glorie regiert, sondern die Geburt eines bescheidenen Kindes, in dessen Augen der Gläubige Gott erblickt.

In der Vorstellung von der Menschwerdung Gottes wagt der christliche Glaube etwas für alle Zeit Unerhörtes zu denken: Der ewige, allem Begreifen unendlich entzogene Gott will dem Menschen in Liebe so nahe sein, dass er sich in die tiefsten Niederungen des Lebens begibt. Der "ganz Andere" wird einer von uns! Und das nicht nur zum Anfang unserer Zeitrechnung in einem unbedeutenden Städtchen Palästinas, sondern als bleibende Hoffnung – getreu der Passage aus Paul Gerhardts berühmtem "Ich steh an deiner Krippen hier": "So lass mich doch dein Kripplein sein, / komm, komm und lege bei mir ein / dich und all deine Freuden." Mit diesem "Glaubensschatz" im Herzen können sowohl religionsgeschichtliche Entstehungsprozesse als auch weltliche Weiterentwicklungen wertschätzend betrachtet und begleitet werden. Die oft gehörte Klage über eine vermeintlich allgegenwärtige "Anbiederung an den Zeitgeist" verbietet sich dagegen von selbst – wenn Gott wirklich Menschen geworden ist, dann ist jede Zeit Gottes Zeit.

Von Moritz Findeisen