Propst Goesche: Verbot der Mundkommunion kann ich nicht akzeptieren
Zum neuen Lockdown: Katholischer Corona-Rebell im Interview

Propst Goesche: Verbot der Mundkommunion kann ich nicht akzeptieren

Im Frühjahr wurde der Berliner Propst Gerald Goesche bundesweit bekannt, als er gegen das Corona-bedingte Gottesdienstverbot bis vor das Bundesverfassungsgericht zog. Zu Beginn des neuen Lockdowns hat katholisch.de jetzt mit ihm über das Virus, die Maßnahmen der Politik und die Folgen für die Kirche gesprochen.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 05.11.2020

Er ist wohl der bekannteste katholische Corona-Rebell Deutschlands: Propst Gerald Goesche vom traditionalistischen "Institut St. Philipp Neri" in Berlin-Gesundbrunnen. Im Frühjahr erregte der 59-jährige bundesweit Aufmerksamkeit, als er gegen das zur Eindämmung der Pandemie erlassene Gottesdienstverbot bis vor das Bundesverfassungsgericht zog (wo sein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen das Verbot allerdings abgelehnt wurde). Kurz vor dem neuen Lockdown hat katholisch.de Goesche nun zum Interview getroffen. Darin spricht er über seine Sicht auf das Virus, sein Misstrauen gegenüber den Corona-Maßnahmen der Politik und den juristischen Kampf der vergangenen Monate. Außerdem äußert er sich zur Frage der Mundkommunion in Zeiten der Pandemie und zu seiner Enttäuschung über den mangelhaften Widerstand der Kirche gegen die Corona-Einschränkungen.

Frage: Propst Goesche, die Corona-Infektionszahlen steigen derzeit bundesweit wieder stark an. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Goesche: Sorgen bereitet mir eher die offensichtliche Angst der Menschen vor diesem Virus, die ich für ziemlich übertrieben halte. Ich habe mit vielen Menschen Kontakt – und trotzdem kenne ich niemanden, der bisher von Corona betroffen gewesen wäre oder gar schwere Symptome gehabt hätte. Natürlich weiß ich, dass es durch das Virus schwere Krankheitsfälle geben kann. Aber wenn es sich bei Corona wirklich um eine so schwere Pandemie handeln würde, müsste ich allein sicher 200 Menschen kennen, die von dem Virus betroffen wären.

Frage: Das heißt, Sie glauben gar nicht, dass wir derzeit eine Pandemie erleben?

Goesche: Ich sage nicht, dass es das Coronavirus nicht gibt – aber ich halte die medizinischen Gefahren dieses Virus' für nicht außergewöhnlich schlimm. Wo sind denn all die überbelegten Intensivstationen, vor denen wir seit Monaten gewarnt werden? Bisher gibt es sie schlicht nicht.

Frage: Das könnte sich allerdings bald ändern – schließlich steigt die Zahl der Corona-Infizierten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, derzeit stark an. Denken Sie nicht, dass wir die erste Welle der Pandemie im Frühjahr und Sommer auch deshalb so gut überstanden haben, weil die Politik mit dem weitgehenden Lockdown die richtige Entscheidung getroffen hatte?

Goesche: Ich denke eher, dass manche Politiker sehr schnell begriffen haben, welche Chance sich ihnen durch Corona bietet. Leute wie Frau Merkel oder Herr Söder sind doch begeistert, dass es diese Pandemie – oder besser: diese Panik – gibt, weil sie sich dadurch als Retter inszenieren können. Denen glaube ich in Sachen Corona kein Wort mehr – im Gegenteil: Die Betroffenheit, die Frau Merkel in ihren Corona-Ansprachen äußert, löst in mir Übelkeit aus.

Frage: Damit sind Sie jetzt aber ziemlich nah bei den Verschwörungstheoretikern, die nicht an die Gefahren durch das Virus glauben und der Politik eine Inszenierung vorwerfen – etwa, um Freiheitsrechte einschränken zu können...

Goesche: Noch einmal: Ich sage nicht, dass es das Coronavirus nicht gibt. Aber ich unterstelle der Politik, dass sie die Gefahren durch das Virus bewusst überbetont hat – möglicherweise, um dadurch von anderen Krisen abzulenken. Wie man jetzt sieht, kann man mit Corona ja sogar einen CDU-Parteitag verschieben – vielleicht ja sogar solange, bis am Ende nur noch Frau Merkel übrigbleibt.

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Politik nicht mehr ohne Weiteres trauen wird, dass religiöse Leben noch einmal so massiv einzuschränken.

Zitat: Propst Gerald Goesche

Frage: Sie unterstellen Frau Merkel, die Pandemie auszunutzen, um über 2021 hinaus als Bundeskanzlerin im Amt bleiben zu können?

Goesche: Ich kann mir das zumindest vorstellen. Den notwendigen Willen zur Macht hat Frau Merkel ohne Zweifel.

Frage: Kommen wir zurück zu den Lockdown-Maßnahmen der Politik. Von den jüngsten Verschärfungen für November sind die Kirchen nicht betroffen. Trotzdem ist bei einer weiteren Eskalation der Pandemie auch ein erneutes Gottesdienstverbot denkbar. Wenn ich Ihnen so zuhöre, würden Sie ein solches Verbot auch diesmal nicht widerspruchslos akzeptieren, oder?

Goesche: So ist es. Ein solches Verbot würde ich auch künftig definitiv nicht ohne Widerspruch hinnehmen.

Frage: Das heißt, Sie würden sich einen erneuten Gang bis vor das Bundesverfassungsgericht vorbehalten?

Goesche: Natürlich. Wobei man wissen muss, dass wir das Verfahren aus dem Frühjahr in der Hauptsache ja immer noch betreiben. Das Verfassungsgericht hat damals lediglich eine Eilentscheidung über unseren Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen das Gottesdienstverbot getroffen.

Frage: Das Gericht gab Ihnen insofern recht, als es Gottesdienstverbote als "überaus schweren Eingriff in die Glaubensfreiheit" bezeichnete und deren Befristung und ständige Überprüfung forderte. Ihr Antrag wurde trotzdem abgelehnt, weil der Schutz vor "Gefahren für Leib und Leben" Vorrang habe. Warum sollte es bei einem möglichen neuen Gang nach Karlsruhe besser für Sie ausgehen?

Goesche: Weil die Lage heute eine andere ist. Sie haben es ja gesagt: Die Kirchen sind von dem neuen Lockdown in diesem Monat ausgenommen worden. Das zeigt doch, dass mein Einsatz im Frühjahr etwas bewirkt hat. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Politik nicht mehr ohne Weiteres trauen wird, dass religiöse Leben noch einmal so massiv einzuschränken. Sollte es in den kommenden Wochen dennoch zu einem neuen Gottesdienstverbot kommen, hätten wir vor dem Verfassungsgericht sicher deutlich bessere Chancen. Auch den Verfassungsrichtern ist ja nicht verborgen geblieben, dass das Coronavirus offensichtlich nicht so gefährlich ist, wie es im Frühjahr von der Politik dargestellt wurde.

Propst Gerald Goesche bei einem Gottesdienst im "Institut St. Philipp Neri" in Berlin.

Frage: Bleiben Sie auch bei Ihrer Auffassung, dass das kirchliche Leben im Vergleich mit anderen Lebensbereichen bei den Beschränkungen im Frühjahr unfair behandelt wurde?

Goesche: Natürlich, und ich kann das auch belegen. Als die Leute schon längst wieder in den Baumarkt gehen konnten und dort mit weniger als 1,5 Metern Abstand in der Schlange standen, waren unsere Gottesdienste immer noch verboten. Und das, obwohl wir uns hier wie die Irren bemüht haben, strengste Hygienemaßnahmen einzuhalten. Das ist von der Politik damals aber überhaupt nicht gewürdigt worden. Im Gegenteil: In Berlin sind viele Corona-Einschränkungen im Frühjahr ausgerechnet an Sonntagen in Kraft getreten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Frage: Hätten Sie sich von der Kirche – allen voran von den Bischöfen – mehr Widerstand gegen die Entscheidungen der Politik gewünscht? Hat die Kirche die Einschränkungen des religiösen Lebens im Frühjahr zu schnell akzeptiert?

Goesche: Ich denke, dass man das nicht nur an den Bischöfen festmachen sollte. Die Kirche insgesamt ist im Angesicht der massiven Einschränkungen viel zu still geblieben; einen nennenswerten Aufschrei gegen das Gottesdienstverbot ausgerechnet an Ostern hat es unter Priestern und Gläubigen nicht gegeben. Im Gegenteil: Manche Gemeinden haben ihre Kirchen damals bereits geschlossen, noch ehe die Politik das Verbot überhaupt beschlossen hatte. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Diese Form der Staatsgläubigkeit ist schon eine sehr protestantische Haltung. Von der katholischen Kirche hätte ich dagegen mehr Widerstandsgeist erwartet.

Frage: Wie halten Sie persönlich es denn mit den geltenden Hygienevorschriften? Das Corona-Schutzkonzept des Erzbistums Berlin dürfte ja auch für Ihr Institut gelten, oder?

Goesche: Das ist bis heute nicht geklärt worden. Ich würde das allerdings auch erstmal anzweifeln, weil wir ja direkt dem Heiligen Stuhl unterstehen. Aber unabhängig davon: Wir haben hier im Frühjahr als eine der ersten Gemeinden überhaupt ein umfassendes Hygienekonzept eingeführt: Wir halten Abstände ein, waschen unsere Hände und verzichten auf den Friedensgruß.

Frage: Auf die Mundkommunion verzichten Sie aber nicht...

Goesche: Nein, natürlich nicht.

Das Coronavirus hat wie unter einem Brennglas die Kraftlosigkeit der Kirche offengelegt. Sie wirkt heute viel zu oft wie eine Kreissparkasse.

Zitat: Propst Gerald Goesche

Frage: Die ist nicht nur nach dem Berliner Schutzkonzept derzeit aber verboten.

Goesche: Das kann ich nicht akzeptieren. Die Mundkommunion ist der normale Kommunionempfang, alles andere ist eine Ausnahme. Wenn die Deutsche Bischofskonferenz meint, die Mundkommunion verbieten zu müssen, kann sie das zwar gerne tun. Wir sind aber, wie gesagt, direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt, und der Präfekt der Gottesdienstkongregation, Kardinal Robert Sarah, vertritt bei dieser Frage eine andere Auffassung. Das ist für mich maßgeblich.

Frage: Welche Rolle spielt das Virus denn unter Ihren Gläubigen? Sitzen in Ihren Gottesdiensten nur Menschen, die nicht an die Pandemie und die Gefahr durch das Virus glauben?

Goesche: Nein, überhaupt nicht. Es gibt sogar Leute, die mit Maske zum Gottesdienst kommen und diese auch die ganze Zeit anbehalten. Das sind individuelle Entscheidungen.

Frage: Haben Sie zwischendurch mal daran gedacht, dass sie mit Ihrer Einschätzung des Virus' und Ihrem Kampf gegen das Gottesdienstverbot falsch liegen könnten? Immerhin, Sie haben es selbst gesagt: Die große Mehrheit der Katholiken hat die Beschränkungen der Politik klaglos akzeptiert und für den Kampf gegen Corona als sinnvoll erachtet.

Goesche: Täuschen Sie sich nicht: Ich habe für mein Vorgehen sehr viel Zuspruch erfahren. Natürlich kamen auch Hass-E-Mails, aber die große Mehrheit der Reaktionen war positiv – nach dem Motto "Endlich sagt mal einer was!". Die Vermutung, dass ich auf einsamem Posten stünde, hat man wohl nur aus einer ganz bestimmten kirchlichen Perspektive.

Frage: Wenn man als Katholik trotzdem versucht, aus dieser Pandemie etwas zu lernen. Was könnte das sein?

Goesche: Dass es dringend eine Umkehr braucht – und zwar in ganz vielen Bereichen des kirchlichen Lebens. Das Coronavirus hat wie unter einem Brennglas die Kraftlosigkeit der Kirche offengelegt. Sie wirkt heute viel zu oft wie eine Kreissparkasse, die meint, ihre Probleme allein mit einer Orgie an Strukturreformen lösen zu können. Das funktioniert aber nicht! Wir müssen uns viel stärker wieder Gott zuwenden und ihn um Hilfe bitten. Dabei könnte das Experiment der Tradition, für das unser Institut steht, durchaus helfen. Ich bin schließlich nicht bloß ein Ritusfetischist, sondern es geht mir wahrhaftig um Jesus und die Freiheit der Gläubigen. Insofern bin ich davon überzeugt: Entscheidend ist die Umkehr! Wenn der kirchliche Karren im Mist steckt, muss man Gott anrufen und auf ihn vertrauen.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Gerald Goesche (*1960) ist seit 2004 Propst des "Instituts St. Philipp Neri" im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen. In dem Institut werden Gottesdienste in traditioneller lateinischer Liturgie gefeiert, wie sie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) üblich war. Goesche wuchs in Aachen auf und studierte in Bonn, Paris und Rom Theologie; er promovierte an der Päpstlichen Universität Gregoriana über den Jesuiten und Kunsthistoriker Stephan Beissel. 1986 empfing er die Priesterweihe, anschließend war er zwei Jahre lang Pfarrverweser im österreichischen Bistum St. Pölten. Später wandte sich Goesche der Priesterbruderschaft St. Pius X. zu, für die er sechs Jahre als Priester in Berlin wirkte; der Bruderschaft gehörte er zu dieser Zeit aber nicht an. 2003 gründete er mit zwei Priesteramtskandidaten und zwei Diakonen ein Oratorium zur Pflege der außerordentlichen Form der Heiligen Messe, das im Mai 2004 als "Institut St. Philipp Neri" durch die päpstliche Kommission "Ecclesia Dei" errichtet wurde.