Geistlicher war in Berlin brutal niedergeschlagen worden

Nach Angriff im Gottesdienst: Priester leidet unter Folgen der Attacke

Aktualisiert am 10.11.2020  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Als Ende August in einem Gottesdienst in Berlin ein Priester brutal niedergeschlagen wurde, war das Entsetzen groß. Jetzt hat sich der Betroffene exklusiv gegenüber katholisch.de zu den Folgen der Attacke geäußert.

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Der Priester, der Ende August während eines Gottesdienst in Berlin von einem bis heute unbekannten Täter niedergeschlagen wurde, leidet nach eigenen Angaben immer noch unter den Folgen der Attacke. "Wenn ich heute die Heilige Messe feiere und predige, tue ich dies nicht mehr so frei wie vor dem Angriff. Ich nehme während der Gottesdienste vieles intensiver wahr: Geräusche, Personen, die ich nicht kenne, Bewegungen", sagte Monsignore Jürgen Doetsch am Dienstag auf Anfrage von katholisch.de. Bleibende körperliche Schäden habe er durch die Tat allerdings nicht davongetragen; ihm und seinem Bruder, der ihm bei dem Angriff zu Hilfe geeilt war, gehe es "wieder soweit gut".

Doetsch, der gegenüber katholisch.de erstmals öffentlich bestätigte, dass er das Opfer der brutalen Tat war, war am 30. August während einer Messe in der St.-Joseph-Kirche im Stadtteil Wedding niedergeschlagen worden. Den Angaben zufolge stand ein Mann, der sich zuvor ruhig verhalten hatte, während des Gottesdienstes plötzlich von seinem Sitzplatz auf und spuckte in die Kirche. Dann ging er zum Altarraum, wo er Doetsch mit der Faust niederschlug und sich religionsfeindlich äußerte. Nach dem Faustschlag riss der Angreifer mehrere Seiten aus der Bibel, die auf dem Altar lag. Als Doetschs Bruder, der bei dem Gottesdienst dabei war, in das Geschehen eingriff, wurde auch er von dem Angreifer geschlagen – mit der Bibel. Anschließend flüchtete der Täter aus der Kirche, seine beiden Opfer wurden vor Ort ambulant von Rettungskräften behandelt.

Jüngste Terroranschläge sorgen für Verunsicherung

Doetsch, der auch Mitarbeiter der Apostolischen Nuntiatur in Berlin ist, betonte am Dienstag, dass er zunächst angenommen habe, durch den Angriff keine weitreichenden Folgen erlitten zu haben. In den ersten Wochen nach der Tat habe er sich während der Gottesdienste sicher gefühlt. Inzwischen aber hätten die Ereignisse der jüngsten Zeit ihn "wieder in eine Stimmung versetzt, die mich hemmt und unsicher fühlen lässt". Konkret nannte der 61-Jährige die drei islamistischen Terroranschläge auf den französischen Lehrer Samuel Paty, auf die Basilika Notre-Dame in Nizza und in der Wiener Innenstadt, denen seit Mitte Oktober insgesamt acht Menschen zum Opfer gefallen sind.

Als eine Konsequenz aus den Anschlägen forderte Doetsch die Kirche dazu auf, Sicherheitskonzepte für ihre Gottesdienste zu erarbeiten. "Gottesdienste sind zwar öffentliche Veranstaltungen, aber die Kirche hat zu allen Zeiten selbst darüber entschieden, wer zu dieser Öffentlichkeit gehört", erklärte der Priester. So habe es etwa in der frühen Kirche das Amt des Ostiariers gegeben. Dieser habe die Aufgabe gehabt, dem Bösen den Zutritt zu den Gottesdiensten zu verwehren. "Diesen Dienst braucht es auch heute wieder. Die Kirche in Deutschland muss im Kampf und zum Schutz der Gläubigen wieder lebenspraktischer werden", forderte Doetsch. Zwar könne es keine hundertprozentige Sicherheit geben, hinter dieser Binsenweisheit dürfe sich aber niemand verstecken.

Bild: ©katholisch.de/stz

Blick in den Innenram der St.-Joseph-Kirche, wo sich Ende August am Altar die brutale Attacke auf Jürgen Doetsch ereignete.

"Ich war immer erfüllt von dem Wunsch, dem Frieden unter den Religionen zu dienen. Daran halte ich fest, aber mit der Faust wurde ich darüber belehrt, der Friede braucht immer auch die starke Befriedung dessen, was uns heilig ist", sagte der Geistliche weiter. Dazu gehöre auch der Gottesdienst, bei dem Christus sein Volk einlade: "Wir müssen das Heiligtum ebenso schützen und bewahren, wie wir das Leben der Gläubigen schützen müssen." In diesem Kontext bekomme für ihn, so Doetsch, der Ruf des Diakons in der Liturgie des Orthodoxie bei der Gabenbereitung und vor dem Glaubensbekenntnis eine neue Bedeutung: "Die Türen, die Türen: In Weisheit lasst uns aufmerken."

Für die St.-Joseph-Kirche, die derzeit als Ersatzkathedrale für die im Umbau befindliche Hedwigskathedrale dient, hatte das Erzbistum Berlin unmittelbar nach dem Angriff auf Doetsch einen Sicherheitsdienst engagiert. "Der Sicherheitsdienst soll ein Signal sein. Ein Signal, das sagt: Wir sehen dich. Es gibt einen, der guckt nicht zum Altar nach vorne. Es gibt einen, der guckt in die Gottesdienst-Gemeinde und guckt, ob ihm da etwas auffällt", erklärte der Pressesprecher des Erzbistums, Stefan Förner, Anfang September.

Bruder des Opfers: Gehe nur noch mit Pfefferspray in die Kirche

Dass der Täter vom 30. August bis heute nicht gefasst werden konnte, erklärt sich Doetsch unter anderem mit der Corona-bedingten Maskenpflicht. Weil der Mann wie alle anderen Gottesdienstbesucher auch eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen habe, sei es schwer gewesen, ihn zu beschreiben, so der Priester. Gleichwohl sei er der Berliner Polizei sehr dankbar. "Die Ermittlungen wurden vom Staatsschutz des Landeskriminalamts aufgenommen und nach meinem Kenntnisstand gründlich durchgeführt", sagte Doetsch.

Unterdessen meldete sich am Wochenende auch Doetschs Bruder zu Wort. Der Berliner Boulevardzeitung "B.Z." sagte Holger Doetsch, dass er seit dem Angriff "nur noch mit Pfefferspray in die Kirche" gehe. Schließlich könne eine solche Attacke trotz des Sicherheitsdienstes in St. Joseph "jederzeit bei jeder Messe wieder passieren". Der Kirchenführung habe er den Vorschlag unterbreitet, in den Pfarreien nach kräftigen Freiwilligen zu fragen, die im Gottesdienst aufpassen könnten, so der 57-Jährige. Bereits kurz nach dem Angriff Ende August hatte er zudem – ebenso wie jetzt sein Bruder – ein Sicherheitskonzept für katholische Gottesdienste gefordert.

Von Steffen Zimmermann