Ein Fensterbild zeigt einen Martinszug mit Kindern mit Laternen und den heiligen Sankt Martin auf dem Pferd
Was uns der Heilige heute sagen kann

Leid, Licht und Leben: Das Martinsfest zeigt, wie wichtig Teilen ist

Martin von Tours ist ein Heiliger, mit dem viele Menschen etwas anfangen können. Um seinen Gedenktag hat sich ein reichhaltiges Brauchtum entwickelt. Obwohl die Corona-Pandemie in diesem Jahr das Feiern erschwert, ist die Botschaft des Festes umso wichtiger – auch über den 11. November hinaus.

Von Fabian Brand |  Bonn - 11.11.2020

Der 11. November ist für viele Kinder ein Festtag: Nicht, weil sie der neuen Faschingssession entgegenfiebern, sondern weil sie einen Menschen feiern, dessen Ausstrahlung bis in die heutige Zeit hineinreicht. Der Tag des heiligen Martin von Tours ist zwar hierzulande im kirchlichen Festkalender nur ein gebotener Gedenktag, aber vielerorts wird er mit großem Aufwand gefeiert, mit Laternenumzügen und mit viel Liebe inszenierten Martinsspielen. Martin ist eben ein Heiliger, mit dem viele Menschen etwas anfangen können. So, wie zum Beispiel auch mit dem heiligen Nikolaus, an dessen Gedenktag sich ebenfalls ein reichhaltiges Brauchtum entwickelt hat.

Für die Kinder jedenfalls ist der Martinstag ein Höhepunkt im Jahreslauf. Mit der selbstgebastelten Laterne durch die dunklen Straßen des Dorfes oder der Stadt ziehen; "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind" singen; Martinswecken und Martinsspiel: All das gehört zu einem gelungenen Martinstag einfach dazu. Und wenn die Kinder beim Martinsspiel als Bettler, Marktfrau oder römischer Soldat selbst mittendrin dabei sind, verstehen sie auch sehr schnell, was diesen heiligen Martin wirklich ausgezeichnet hat. Den Mantel mit dem notleidenden Bettler teilen, auch wenn man danach selbst friert. Etwas hergeben, auch wenn man eigentlich gar nichts besitzt, das man teilen könnte. Den Mitmenschen in seiner Not sehen, vom hohen Ross herabsteigen, Standesunterschiede einfach beiseiteschieben. Den Nächsten glücklich machen und mit einfachsten Mitteln helfen. Und im Ärmsten dem Heiland der Welt, Jesus Christus, begegnen. So einfach ist die Martinsgeschichte erzählt.

Dem Kindesalter entwachsen ist es schwer, sich begeistern zu lassen

Als Erwachsener verliert man leicht die Begeisterung für solche Festtage. Denn eigentlich ist man doch ganz froh, wenn man in diesen trüben Novembertagen nachts nicht mehr raus muss. Wenn man keine flackernde Laterne braucht, sondern die Scheinwerfer am Auto einschalten kann. Wenn man am Mitmenschen einfach so vorübergehen kann, ohne ihm Beachtung oder Aufmerksamkeit zu schenken – oder ihm gar zu helfen, obwohl man es doch könnte. Dem Kindesalter entwachsen ist es nicht unbedingt einfach, sich von einem Menschen begeistern zu lassen, der so ganz anders handelt, als man es selbst immer wieder tut. Manchmal empfindet man das sogar als Provokation, der lieber aus dem Weg gegangen wird. Wer will sich schon im eigenen Luxus von der Not eines frierenden Bettlers angehen lassen? Und überhaupt: Solche Gutmenschen, die allen und jedem helfen wollen, gibt es doch in unserer Gesellschaft schon genug. Da muss man sich doch nicht noch an einen erinnern, der schon über 1600 Jahre tot ist!

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Der heilige Martin zeigt, dass es um etwas anderes geht. Die Legende erzählt davon, wie er eben nicht am Bettler, der am Stadttor sitzt, vorüberreitet. Martin sieht den armen Menschen und er hat Mitleid mit ihm. Er steigt von seinem Pferd herab, teilt den Mantel und verschenkt die eine Hälfte. Eigentlich ist es ziemlich unsinnig, was Martin tut: Denn ein halber Mantel nützt weder dem Bettler, noch dem Soldaten. Jetzt frieren beide. Jetzt kann er weder den einen noch den anderen wärmen. Aber vielleicht ist auch das sinnvoll: Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid. Und der Bettler weiß, dass er nun nicht mehr alleine frieren muss, weil einer da ist, der sein Schicksal mit ihm teilt. Weil es einen gibt, der sich auf seine Not einlässt und sie zu seiner eigenen Not macht, obwohl er es gar nicht müsste. Martin teilt: Er teilt nicht nur seinen Mantel, er teilt auch das Leben eines armen, ausgestoßenen Menschen, der draußen, vor der Stadt, sein Dasein fristen muss.

Es ist nicht wichtig, was wir teilen, sondern dass wir teilen

Das Martinsfest am 11. November zeigt jedes Jahr neu, dass es nicht darauf ankommt, was wir miteinander teilen. Es ist wichtig, dass wir teilen. Dass wir den anderen und seine Sorgen überhaupt wahrnehmen. Dass wir anhalten und die Begegnung mit ihm suchen. Dass wir nicht achtlos vorübergehen und meinen, dass irgendein anderer schon kommen und helfen wird. Gerade an diesem Martinfest in dieser von Corona geprägten Zeit ist das wichtiger denn je: Es gibt so viele Menschen, die sich nicht mehr aus dem eigenen Haus trauen, weil sie Angst haben, sie könnten sich mit Corona infizieren. Und es gibt so viele Menschen, denen wir ans Herz legen, lieber zuhause zu bleiben, weil wir uns Sorgen machen, sie könnten sich anstecken. Gerade aber in diesen dunklen Wintertagen ist das schwieriger denn je. Wer möchte schon Tage, Wochen oder gar Monate alleine in den eigenen Wänden verbringen? Wer möchte schon abgeschnitten von der Außenwelt in Isolation leben, auch wenn es um den Schutz der eigenen Gesundheit geht?

Das Fest des heiligen Martin zeigt: Es ist nicht damit getan, einfach Abstand zu halten. Es ist wichtiger denn je, miteinander zu teilen. Vielen schlägt die trübe Witterung des November jetzt schon aufs Gemüt, in der bevorstehenden Advents- und Weihnachtszeit verstärkt sich bei vielen Menschen noch einmal das Gefühl der Einsamkeit. Doch bei aller Sorge um die Gesundheit des Nächsten: Unsere Mitmenschen dürfen nicht vereinsamen, sie sollen nicht das Gefühl bekommen, alleingelassen und isoliert zu sein. Gerade in diesem Jahr muss sich der Blick auf die Menschen richten, die in diesen Tagen (aus welchen Gründen auch immer) zuhause bleiben müssen. Wir sollen nicht nur Abstand zueinander halten, wir sollen auch füreinander da sein und miteinander das Leben teilen. Das klingt nach einer unlösbaren Aufgabe, aber es ist entscheidend, dass trotz allen Abstands die Nähe zueinander nicht verlorengeht, sondern gerade gestärkt wird.

So können Sie Sankt Martin zu Hause feiern

Sankt Martin ist ein liebgewonnenes Fest für viele Kinder – doch Corona macht es schwer, den trubeligen Anlass zu feiern. Um trotzdem Martinsstimmung aufkommen zu lassen, gibt es viele Ideen für zu Hause: von Basteln über Lesen und Tanzen bis Singen.

Der heilige Martin ist ein Paradebeispiel für solches Handeln: Freilich ist ihm das Einhalten eines Mindestabstands zum Bettler fremd. Aber er schenkt dem armen Menschen seine Nähe, indem er etwas von sich gibt, was er selbst bitternötig hat: die Hälfte des Mantels. Martin teilt sein Leben, er teilt das Schicksal des Bettlers. Das macht ihn zu einem Vorbild in diesen von Corona erschütterten Tagen. Man kann sehr bewusste Zeichen der Nähe setzen, auch ohne Abstandsregeln zu brechen: Die modernen Medien bieten so viele Möglichkeiten, um das Schicksal der Mitmenschen zu teilen. Oder man kann ganz neu kleine Zeichen der Aufmerksamkeit füreinander entdecken: Den Einkauf für den Nächsten erledigen; nachfragen, ob etwas dringend benötigt wird; oder einfach nur die Frage stellen "Wie geht es Dir?".

Entscheidend ist, das wirkliche Leben miteinander zu teilen

Ein schönes Zeichen am heutigen Martinstag ist es, vor der Haustür eines lieben Menschen eine Laterne aufzustellen und ihr Licht an den kommenden Abenden anzuzünden. Ihr flackerndes Kerzenlicht strahlt in die Dunkelheit dieser Welt und zeigt, dass alle Finsternis vom Licht durchbrochen. Dass alles Leid und alle Krankheit nicht das Letzte sind, sondern dass der Welt ein gutes Ende bevorsteht. Miteinander Liebe zu teilen, Freude und Hoffnung. Das ist es, worauf es ankommt. In den sozialen Netzwerken teilen wir so gerne Bilder und Texte, manchmal auch mit höchst fragwürdigen Inhalten. Dabei ist es doch viel entscheidender, das wirkliche Leben miteinander zu teilen. Die Mitmenschen mit ihrem Schicksal nicht alleine lassen. Ihnen ein offenes Ohr oder ein gutes Wort schenken. Gerade in diesen bewegten Zeiten.

Beim Martinszug geschieht es immer wieder, dass das Licht in der Laterne erlischt. Das Schlimmste, was an diesem Tag geschehen kann. Tränen kullern dem Kind über die Wange, der freudige Gesang verstummt. Doch einem Erwachsenen entgeht das Schicksal nicht: Ohne zu überlegen nimmt er die brennende Kerze aus der eigenen Laterne und bringt die erloschene Laterne wieder zum Leuchten. Plötzlich strahlen Kinderaugen und erleichtert schallt es durch die Straßen: "rabimmel, rabammel, rabumm." Und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des heiligen Martin: Miteinander das Licht teilen. Gerade jetzt im November. Gerade in der dunklen Jahreszeit. Gerade in meinem Leben und mit meinen Mitmenschen. Abstand halten, aber dennoch Augen zum Leuchten bringen und Enttäuschungen vertreiben. Und das nicht nur am 11. November.

Von Fabian Brand