Bischof Felix Genn
Kirchliche Tagung diskutiert über "Gefährliche Seelenführer"

Genn warnt: Geistlicher Missbrauch kommt oft vor sexuellem Missbrauch

Zwei Tage lang diskutieren Bischöfe, Experten und Betroffene über "geistlichen Missbrauch". Zum Auftakt warnte Bischof Felix Genn vor den drastischen Folgen. Geistlicher Missbrauch gehe nicht selten dem sexuellen Missbrauch voraus.

Leipzig - 12.11.2020

Der Münsteraner Bischof Felix Genn hat vor den Folgen von "geistlichem Missbrauch" in der katholischen Kirche gewarnt. Eine solche Form des Missbrauchs habe "gravierende Auswirkungen auf die emotionale und psychologische Befindlichkeit von Menschen. Nicht selten geht ein solcher geistlicher Machtmissbrauch auch dem sexuellen Missbrauch voraus, bereitet ihn geistlich-manipulierend vor", sagte Genn, der in der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Vorsitzender der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste ist, am Donnerstag in Leipzig.

Der Bischof äußerte sich zum Auftakt einer zweitägigen Tagung der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen mit dem Titel "Gefährliche Seelenführer? Geistiger und geistlicher Missbrauch". Im Austausch von Betroffenen und Experten aus Medizin, Psychologie, Rechtswissenschaft, Theologie und Kirchen soll die Veranstaltung laut Bischofskonferenz das pastorale Handeln der Kirche selbstkritisch hinterfragen und ausgehend von einer Analyse des Phänomens geistigen und geistlichen Missbrauchs Möglichkeiten der Prävention, Reaktion und Aufarbeitung diskutieren.

"Der Täter verbiegt das Gewissen der Opfer"

Genn betonte, dass Missbrauch immer auch Missbrauch von Macht sei, der in einem bestimmten Beziehungsgefüge ausgeübt werde: "Geistlicher Machtmissbrauch im Speziellen bedeutet die Instrumentalisierung des geistlichen Bereichs des Menschen mit geistlichen Mitteln, die Verzweckung der Gottesbeziehung einer Person durch den Täter zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse und Ziele." Geistlicher Missbrauch betreffe den Raum der "geistlichen Intimsphäre" einer anderen Person, der dem Täter entweder bewusst oder unbewusst zur Verfügung gestellt oder manipulierend geöffnet und dann ergriffen worden sei.

Der Bischof sagte weiter, dass die Kirche den innersten Dialog des Menschen mit Gott als einen geschützten Bereich ansehe. "Geistlicher Missbrauch" könne in diesem Kontext ausgehend vom Selbstverständnis des Täters entstehen, der sich die alleinige Kompetenz über Inhalte des Glaubens anmaße und über die von ihm allein interpretierte Lehre Macht über andere Menschen ausübe. Der Täter nehme so "die Gottesbeziehung der begleiteten Person in seine eigene Verfügung und erhebt sich selbst in eine göttliche Position", so Genn. Auf der Seite des späteren Opfers bestehe aufgrund der eigenen Unsicherheit oft ein Verlangen nach großer Klarheit im Glaubensleben. Häufig merke das Opfer zunächst gar nicht, wie sich sein Glaube verändere. "Der Täter verbiegt das Gewissen der Opfer entsprechend seiner eigenen Ansichten auf sich selbst hin und von Gott weg. Er hält das Opfer von anderen Beziehungen fern, womit im Opfer das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins entsteht, die es beinahe unmöglich machen, sich aus der Abhängigkeit vom Täter zu lösen", betonte der Münsteraner Bischof.

Genn fordert mehr Präventionsarbeit

Genn warb im Kampf gegen "geistlichen Missbrauch" für ein Vorgehen, das dem von Papst Franziskus eingeführten Dreischritt "Wahrnehmen – Deuten – Wählen" folgen könne. Wichtig beim Wahrnehmen sei eine Haltung der Offenheit. "Das größte Gehör gilt den Armen, Ausgegrenzten und Opfern von geistlichem Missbrauch, die keinesfalls einfach Empfänger unserer 'Barmherzigkeit' sind", so der Bischof. Der zweite Schritt sei die Deutung der wahrgenommen Lebenssituation im Licht des Glaubens und in der Tradition der Kirche. Und bei erkanntem geistlichen Missbrauch sei es dann die Pflicht der Kirche, tätig zu werden. Wichtig sei zudem eine gute Präventionsarbeit: "Wir müssen als Kirche in Deutschland gemeinsam den Weg wählen, geistlichem Missbrauch vorzubeugen durch Kurse für gute geistliche Begleitung und Leitung, durch die Überprüfung von Statuten und vor allem durch eine vertiefte Kenntnis des Phänomens und der Erarbeitung einer Kriteriologie." (stz)