Kirchenlehrerin interessierte sich auch für Naturkunde

Warum Hildegard von Bingen mit Dinkelkeksen nichts zu tun hat

Aktualisiert am 31.12.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen interessierte sich neben Theologie auch für Naturkunde. Ausführlich beschrieb sie, welches Kraut für gesunde oder kranke Menschen geeignet sei. Aus heutiger Sicht ist mancher Tipp allerdings mit Vorsicht zu genießen.

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Bei Erkältungen empfiehlt Hildegard den Rainfarn. Das sollten wir lieber nicht nachmachen, erklärt Tobias Niedenthal von der Würzburger Forschergruppe Klostermedizin. Im Interview verrät er, welche Tipps der Kirchenlehrerin auch heute noch zu empfehlen sind - und warum Hildegard als Persönlichkeit so faszniniert.  

Frage: Herr Niedenthal, Sie beschäftigen sich schon seit Jahren mit Hildegard von Bingen. Haben Sie so etwas wie einen Lieblingsernährungstipp oder eine Lieblingsheilpflanze von Hildegard?

Niedenthal: Hildegard hat wie alle im Benediktinerorden im ganzen Leben zu Mäßigung aufgerufen, das finde ich ein gutes Vorbild. Außerdem hat Hildegard bei der Ernährung als eine der ersten Autorinnen auch die heimischen Pflanzen erwähnt und nicht nur –  wie in der griechisch-römischen Antike – mediterrane Pflanzen.

Frage: Hildegards Ernährungstipps werden oft mit allen möglichen Dinkelprodukten in Verbindung gebracht – was genau hat sie denn dazu geschrieben?

Niedenthal: Den Dinkel lobt sie in der Tat sehr. Er kommt auch in ihrer Naturkunde ziemlich vorne, allerdings als letzte der Getreidesorten, also nach Weizen, Roggen, Gerste und Hafer. Sie formuliert ein Rezept mit Dinkel, das ist eine Art Suppe mit ganzen Körnern, vermischt mit Schmalz oder Eidotter, speziell für Leute, die sehr krank sind und wenig oder gar nicht essen können.

Frage: Dann kommen Dinkelkekse gar nicht von ihr?

Niedenthal: Es gibt bei Hildegard keine einzige Stelle, an der sie Dinkelmehl erwähnt. Entweder heißt es einfach 'Mehl', 'gutes Mehl' oder Weizenmehl, aber Dinkelmehl nennt sie nicht. Diese Suppe ist die einzige Rezeptur mit Dinkel überhaupt bei ihr.

Tobias Niedenthal im Portrait
Bild: ©Petra Rothütl

Tobias Niedenthal schlug nach einem Studium der Betriebswirtschaft und Medienwissenschat einen anderen Weg ein. Seit Jahren ist er Mitglied der Würzburger Forschergruppe Klostermedizin. Besonders begeistert er sich besonders für die Naturkunde Hildegard von Bingens.

Frage: Stimmt denn das Bild, das in Kochbüchern von ihr gezeichnet wird, mit dem Bild überein, das die Forschung von ihr hat?

Niedenthal: Eine Forschung gibt es seit ungefähr zwei Jahrhunderten – sprachwissenschaftlich, medizinhistorisch, botanisch. Davon entkoppelt ist das öffentliche Bild, das mit den Forschungsergebnissen eigentlich nichts zu tun hat und bei dem Hildegard teilweise nur als Ornament dient. Was die ganzen Kochbücher angeht, ist gut zu wissen, dass es von Hildegard kein einziges Kochrezept gibt. Was sie beschreibt, sind alles Arzneimittel. Und bei manchen Rezepten muss man mit der Dosierung aufpassen. Es sind auch Pflanzen dabei, die in höherer Dosis nicht mehr so ungefährlich sind.

Frage: Wenn man Hildegards Namen bei Google eingibt, dann gibt es aber eine ganze Fülle an Hildegard-Produkten. Ist denn überall, wo Hildegard draufsteht auch Hildegard drin?

Niedenthal: Wie gesagt: Leider sind solche Produkte sehr oft nicht authentisch. Im Gegenteil – ich wäre grundsätzlich immer kritisch und würde etwa über Wikipedia nachprüfen, ob die jeweilige Pflanze im 12. Jahrhundert in Europa überhaupt schon verfügbar war. Einige Gemüsesorten, wie zum Beispiel die Karotte, sind heute für uns selbstverständlich, aber die gab es in dieser Form im Mittelalter noch nicht. Bei den amerikanischen Pflanzen wäre es dann vor allem der Gartenkürbis oder die Gartenbohne. Auch die Pelargonie taucht bei uns erst im 17. Jahrhundert auf, die hat Hildegard noch nicht gekannt.

Frage: Ist ihre Medizin denn auch aus heutiger Sicht noch empfehlenswert?

Niedenthal: Bei so alten Quellen muss man grundsätzlich aufpassen, das war eine ganz andere Zeit. Wir haben das hier in Würzburg in einer Doktorarbeit untersucht. Es ist dreigeteilt: Ein Teil ist noch sehr gut aus heutiger Sicht, einen Teil kann man neutral stehen. Und manches ist eben auch nicht empfehlenswert, zum Beispiel wenn sie mit giftigen Pflanzen hantiert.

Frage: Können Sie einige Beispiele nennen?

Niedenthal: Jetzt in der Erkältungszeit empfiehlt sie den Rainfarn. Aber der ist schädlich und wird heute überhaupt nicht mehr verwendet. Andere Pflanzen, die sie bei Erkältung empfiehlt, können wir heute sehr gut noch einsetzen. Das sind Ingwergewächse wie Galgant, aber auch der Fenchel, den hatte sie sehr gerne. Er ist im Grunde auch die Lieblingspflanze der ganzen Klostermedizin. Neutral würden wir aus heutiger Zeit die Körnchen des Dills bewerten. Der schadet nicht, aber man weiß, dass dessen Wirkung ein bisschen zu schwach ist und würde eher zu Anis tendieren.

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Hildegard von Bingen war eine schillernde Persönlichkeit. In ihren Schriften beschäftigt sich die Kirchenlehrerin mit theologischen Themen, aber auch mit Naturkunde. Wer die ihr zugeschriebenen Dinkelrezepte mal genauer anschaut, erlebt allerdings eine Überraschung.

Audio: © Gabriele Höfling

Frage: Was war denn Hildegards Methode als Naturkundlerin?

Niedenthal: Sie hat die ganze Natur beschrieben, aufgeteilt in neun Bücher. Die Kräuter sind nur das erste Buch, es gibt auch noch weitere Bücher über Bäume, über Tiere und Mineralien. Sie schreibt zu jedem Stichwort ihre eigenen Gedanken gemäß der alten Medizintheorie. In dieser Säfte-Lehre ist alles entweder wärmend, kühlend, austrocknend oder befeuchtend. Sie schreibt dann jeweils noch dazu, ob das Kraut oder das Mineral gut für die Gesunden oder Kranken ist.

Frage: Hat ihr Leben als Benediktinerin ihre Tätigkeit als Heilkundlerin begünstigt?

Niedenthal: Auf jeden Fall. Benedikt von Nursia, der Ordensgründer schreibt schon im sechsten Jahrhundert in seiner Regel, dass jedes Benediktinerkloster eine Krankenstation haben soll und auch entsprechende Fachleute. Es gibt die Hypothese, dass Hildegard als junge Frau, als sie in einer Frauenklause auf dem Disibodenberg wirkte, vielleicht in dieser Aufgabe tätig war. Später in ihrem eigenen Kloster auf dem Rupertsberg hatte diese Aufgabe sicherlich jemand anders inne.

Frage: Sie forschen nicht nur über Hildegard, sondern lesen auch privat gern in ihren Schriften. Was fasziniert Sie an Hildegard?

Niedenthal: Das besondere an Hildegard ist, dass sie sehr eigenständig denkt. Das ist einmalig in der europäischen Medizingeschichte. Sie hat zwar die Autoren ihrer Zeit gekannt und war immer auf dem Boden der damaligen Medizintheorie, aber ihre Ansichten sind sehr eigen, sehr originell. Sie hat vollkommen eigenständig gearbeitet und sich fast gar nicht auf andere Autoren bezogen. Dieser Aspekt kommt in der Öffentlichkeit viel zu wenig durch.

Von Gabriele Höfling