Alle Jahre wieder? Advent angesichts weihnachtlicher Polemik
Dogmatiker Weißer über die Ankunft Gottes

Alle Jahre wieder? Advent angesichts weihnachtlicher Polemik

Debatte - Jedes Jahr beklagen Christen, viele Menschen würden die Bedeutung von Weihnachten gar nicht verstehen. Verurteilen sollte man das nicht, schreibt Dogmatiker Markus Weißer im Gastbeitrag. Dabei sollten auch Christen sich der eigentlichen Botschaft wieder bewusst werden.

Von Markus Weißer |  Regensburg - 06.12.2020

Zum Teil kann man es zwischen "Last Christmas" und "Jingle Bells" noch hören, das alte Weihnachtslied: "Alle Jahre wieder… kommt das Christuskind." Oder auch nicht. Denn alle Jahre wieder feiern wir ein Fest, dessen Anlass und Bedeutung viele Menschen gar nicht mehr verstehen. Man kann das – alle Jahre wieder – beklagen. Verurteilen sollte man es nicht.

Vielleicht sieht man manchmal den Wald vor lauter Christbäumen nicht mehr und verliert den Blick für das Wesentliche dieses Festes. Vielleicht ist es aber auch die Unfähigkeit kirchlicher Verkündigung und theologischer Phrasen, die Botschaft von Weihnachten glaubwürdig zum Leuchten zu bringen, sodass sie nicht von blinkenden Lichterketten und Werbung überstrahlt wird. Die Covid-19-Pandemie ändert zwar den formalen Rahmen, das eigentliche Problem bleibt davon jedoch unberührt. So verschaffen sich – alle Jahre wieder und dieses Jahr umso lauter – Kulturpessimisten, selbst ernannte Leitkultusminister und Konservatoren vermeintlich zeitloser Traditionen Gehör und diagnostizieren polemisch: Die christliche Wurzel des Weihnachtsfestes wird von Kitsch und Konsum aufgezehrt wie die Weihnachtsgans oder der Christstollen, dessen Name bereits umstritten sein dürfte. Wenn diesem pseudoromantischen Winterfest überhaupt noch eine (natürlich säkulare) Bedeutung zugeschrieben werden darf, dann gilt es als Fest der Liebe und der Familie. Immerhin eine Deutung, mit der sich auch viele Christinnen und Christen begnügen, die den obligatorischen Kirchenbesuch (falls überhaupt) einmal im Jahr über sich ergehen ließen, und sei es nur "der Oma zuliebe". So ein Gottesdienst galt in den stressig-besinnlichen Tagen eher als Dienstleistung für uns, von der man sich ein Mindestmaß an Behaglichkeit erwartet. Er sollte rasch erledigt sein, um dann das eigentliche Fest in perfekter Harmonie zu genießen. Kirchenbesuch und "weiße" Weihnachten rangieren quasi auf einer Ebene: Optional ganz nett, aber zur Not entbehrlich.

Der Spott über die "U-Boot-Christen"

Man spottet über "U-Boot-Christen", die nur einmal im Jahr auftauchen. Doch sollte man sich vor zu viel Häme hüten. Könnte es sein, dass manche Kirchenmänner mit dem pastoralen Taktgefühl von Ochs und Esel das ganze Jahr über ihren je eigenen Beitrag zur Unzugänglichkeit der Christmette oder der Kirchengemeinde leisten? Verkneifen wir uns an dieser Stelle die Frage, ob es besser ist, an den Weihnachtsmann zu glauben oder an ein Christkind mit goldenen Locken, Heiligenschein und Flügeln, dessen einzige märchenhafte Existenzberechtigung noch darin besteht, einmal im Jahr Wunschzettel einzusammeln, Geschenke zu bringen und feierlich Weihnachtsmärkte zu eröffnen, die gerade dann enden, wenn das Fest beginnt. Blicken wir stattdessen auf die Bedeutung der Weihnacht aus christlicher Perspektive – einer Perspektive, die sich ursprünglich weder über Geschenke noch über Brauchtum oder defensive Abgrenzung des Abendlandes definiert, sondern über universale Barmherzigkeit: Offene Herzen für alle, die in der kalten Nacht ihres Daseins Schutz und Sicherheit, Sinn und Liebe suchen. Was also macht die Stille Nacht wirklich zur Heiligen Nacht?

Eine gefüllte Kirche im Vordergrund ein Weihnachtsbaum

Bis auf den letzten Platz besetzt: So sehen Kirchen an Weihnachten in pandemiefreien Jahren aus.

Christentum ist – eigentlich – weder primitiver Traditionalismus noch märchenhafte Mythologie, auch wenn manche diese Klischees bestens bedienen und andere sie unbedingt für ihr persönliches Feindbild brauchen, um ihrerseits lautstark dagegen zu polemisieren. Gefeiert wird nicht nur Jesu Geburtstag, den wir nicht genau kennen. Gefeiert wird hier kein Halbgott, wie er in griechischen Sagen durch den Verkehr menschlicher Götter mit Menschen gezeugt wird und zur Welt kommt. Gefeiert wird kein magisches Aushebeln der Naturgesetze und eben auch keine kitschige Projektion von Friede, Freude, Lebkuchen, dank der es keine weinenden und hungernden Kinder mehr gäbe, die auf Stroh gebettet zum Himmel schreien.

Gefeiert wird die vielleicht kühnste Überzeugung des christlichen Glaubens: Der endgültige Advent – die Ankunft – Gottes unter uns, in der oft finsteren Nacht unseres Lebens und unserer Geschichte. Mitten im Tod. Die Christenheit feiert die Inkarnation des Wortes Gottes, seine Selbstzusage, die erfahrbar wird durch Leben, Tod und Vollendung eines konkreten Menschen, wie du und ich. Ein Mensch, der sterben muss; der sich und seine Zeit für andere einsetzt, um ihnen eine neue Qualität von Leben zu ermöglichen. Fern jeder romantischen Idylle offenbart sich eine Liebe, die auch ihre Negation noch erträgt und umfasst; die uns berührt und zu dem werden lässt, was wir alle sein sollten: Zeichen und Werkzeug, lebendiges Abbild einer schöpferischen und versöhnenden Kraft, die jeden vorbehaltlos annimmt und kreativ einbezieht. Die ewig unsichere Frage, wie weit solche Güte trägt, kann ihre Antwort in Jesus von Nazareth finden: Sie ist stärker als Hass und Gewalt, stärker als der Tod. Sie verbreitet sich wie Brot, das man miteinander teilt, das zur geistigen Nahrung und Stärkung wird.

Die Verantwortung für die Nächsten

Die in Christus menschgewordene Zusage Gottes an alle Menschen zielt auf eine Wandlung unseres Herzens, unserer innersten Mitte, denn die Weihnacht weckt in uns einen unbegreiflichen Spirit, einen wahrhaft Heiligen Geist, der uns mit allen Menschen verbinden und versöhnen will; der uns in jene göttliche Dynamik hineinführt, die zwischen uns geschieht und uns doch innerlicher ist als unser innerstes Selbst. Eine Dynamik, die viel bewegen kann, wenn man ihr Raum gibt. Wir können uns selbst und diese Welt zwar nicht vollenden, wie wir sie auch nicht geschaffen haben. Aber wir könnten gemeinsam das Antlitz der seufzenden Welt zum Guten hin verändern. Denn dieses Fest kann nur angemessen feiern, wer auch um seine Verantwortung für seine Nächsten – auch für die kommenden Generationen – weiß.

Dossier: Weihnachten: Gott wird Mensch

Alljährlich feiern die Christen am 25. Dezember die Geburt Jesu. Unser Dossier informiert über die Bedeutung von Weihnachten, bekannte Bräuche sowie spannende Hintergründe rund um das Fest.

Es gibt dabei keinen Grund, sich im Schein der Heiligkeit zu sonnen. Denn Christin und Christ ist auch, wer darin nicht perfekt ist. Das Christentum ist keine spirituelle Elite und wollte es bewusst nie sein. Auch wenn Fundamentalisten es oft gerne wären. Das grundlose Angenommensein mit unserer Schwäche und Halbherzigkeit, unseren Fehlern und dem Rückfall in egoistische Denkmuster – das grundlose Geliebtsein und Lieben ist Grundlage all dessen, was Weihnachten ausmacht. Dieses Fest schließt niemanden aus und will niemanden vereinnahmen. Es lädt alle ein. Das macht Weihnachten so besonders. Gerade in dieser Haltung universaler Gastfreundschaft zeigt sich wahre Heiligkeit. Darin liegt der christliche Charakter dieses Festes.

Die Botschaft bleibt gleich

Dass einzelne Vertreter der Kirche diese Botschaft pervertieren und missbrauchen, spricht nicht gegen die Botschaft selbst, von der die Kirche als immer wieder versagende und reformbedürftige Gemeinschaft Zeugnis ablegt. Vielen gelingt das auf eine überzeugende Weise. Christinnen und Christen feiern an Weihnachten ihren Glauben an die demütige Macht der je größeren Liebe, die selbst in den finstersten Nächten dieser Zeit neue Hoffnung schenkt. Sie hat mehr Berechtigung als jeder Kommerz oder konservative Traditionalismus, auf den man dieses Jahr vielleicht einmal verzichten muss. Wer aber meint, aus persönlicher Ignoranz heraus gegen einen Gott polemisieren zu müssen, den er selbst in intellektueller Höchstleistung als Märchenfigur versteht, dem sei dennoch Lichterglanz und besinnlicher Friede gegönnt. Den Gott in uns und unserer Mitte trifft solche Polemik nicht. Er ist weder Phantasie noch Projektion. Er ist in der ärmlichen Krippe ebenso zu finden wie an den Krankenbetten, in den Auffanglagern und Obdachlosenheimen. Er ist auch dort, wo sein Name nicht geheiligt wird. Er ist zwar nicht verfügbar wie eine Last-minute Online-Bestellung, aber in den Werken seiner Kinder – nicht nur der Christen! – real erfahrbar und spürbar. Er ist so wirklich wie die Eigendynamik der Weihnacht mit ihren kleinen, unscheinbaren und doch wirkungsvollen Gesten. Wer in die Stille der Nacht hinaushorcht, erkennt vielleicht, wes Geistes Kind dieses Kind in der Krippe ist: Kein metaphysischer Macho, der unsere Freiheit vergewaltigt, sondern reine Empathie, die uns trägt und dazu befreit, auch andere zu (er)tragen. Damit steht und fällt der christliche Glaube.

Thank God it’s Christmas! Alle Jahre wieder. Alle Menschen sollen sich dank dieser Nacht geliebt und geschätzt wissen; sie haben eine unverbrauchbare Würde als Kinder Gottes. Alle. Bedingungslos. Diese Botschaft ist grenzenlos, gender- und ständeneutral, fern jeder Diskriminierung. Sie ist im wörtlichen Sinne "katholisch": universal. An diesem Maßstab hat sich auch die Kirche zu messen – wie jeder, der sich auf Weihnachten beruft: Sie ist die Mittlerin, nicht Kontrolleurin der göttlichen Nähe, wie Papst Franziskus betont. Denn Gott, wie das Christentum ihn versteht, kann keiner für sich haben oder feiern. Er begegnet, wo Menschen ihr Herz füreinander öffnen und der Liebe Raum geben, die Gott ist. Dieser Gott spricht uns persönlich an und nimmt uns in Anspruch. Sein Ja-Wort ist Mensch geworden und hat unter uns „gezeltet“ (Joh 1,14). Sein Spirit ist wirksam und lebendig durch liebevolle Gemeinschaft, ob analog oder digital verbunden. So kann auch während der Pandemie – in einer Zeit des Wartens und Hoffens – die Nähe Gottes vielfältig spürbar werden. Für uns und durch uns. In diesem Bewusstsein wird auch dieses Jahr die Stille zur Heiligen Nacht.

Von Markus Weißer

Zur Person

Dr. Markus Weißer arbeitet am Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte der Universität Regensburg.